Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-02 · Heft 22 (2.6.1916) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 22 (2.6.1916)
Date
1916-06-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229255--72258-3284690
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

80. Jahrgang Nr. 22 Berlin, 2. Juni 1916 Allgemeine eitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s-pre^s; durch den Buchhandel oder die Post (in BerlM und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 NI. — Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Kuckolk Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fLr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße $6-$9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. TInhftft* skchsle Gebot und der Krieg. Bvn Rabüilicr Tr. yUIJull* Norden in Elberfeld. — Zum Wochenfeste. Von Rabbiner Dr. Walter, Vromberg. — Die Woche. — Siegfried Brünn (Bild). Ter letzte aktive jüdische Offizier im Deutschen Reiche: Major Maximilian Marx, München. Bon L. F. — Eine Friedenserinnerung in der Kriegszeit. Bon S. N ot lischi ld, Worms a. Rh. — Feuilleton: Auge um Auge. Nussischer Sozialroman van M. Pulvermann. — 1916. Ban Ottilie Franzos. — Zur neuen Kriegsanleihe. Bon Emil Spiegel. — Nadworna! Bon Dr. med. Rudolf Pinn er, Assistenzarzt der Reserve und Abteilungsarzt in einem Feldartillerieregiment. — Wochenfest 1916. Bon Jenny Bergmann. — Zusatz zu Nr. 19. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i. Pr., Danzig, Neumark (Mestpr.), Breslau, Aus dem Niesengebirge, Papenburg, Kassel, Stuttgart, Stratzburg i. Elf., Zürich, Budapest, Lodz. — Von Nah und Fern. Bm lechlte Gebot und der Krieg. Von Rabbiner Dr. Norden in Elberfeld. mit stolzer Freude gedenken wir Jahr für Jahr am Schowuaus-Feste der Verkündigung der zehn Gebote, die einst am Berge Sinai unseren Ahnen verkündet worden waren, aus dem engen Kreise des Volkes Israel hinanslvanderten und ihren Siegeslauf nahmen durch die weite Welt, um die Völker des Erdenrunds 31t erleuchten und zu beglücken. Aus zwei steinernen Tafeln standen die zehn Gebote geschrieben, und die zwei Tafeln mit den Bnndesworten, sie sind bis auf den heutigen Tag das Sinnbild für die Lehren des Judentums. Auf den Dächern der Gotteshäuser, über dem Allerheiligsten, auf den Vorhängen vor der heiligen Lade: überall tritt uns die Abbildung der beiden Bundestafeln entgegen als eine mit tausend Zungen redende Mahnung: „Haltet fest an den Worten des Bundes und verleugnet sie nicht in alle Ewigkeit. Denn sie bilden die Grundlage eures Glaubens und zugleich die Grundlage aller menschlichen Gesittung, alles menschlichen Geistesfortschrittes." An der Spitze der ersten B n n d e s t a f e l st e h t das Wort: onauchi adannoi ela 11I1 ec ho, „I eh bin der Ewig e, dein Gott." Ich bin die Macht, vor der jedes Wesen sich beugen soll in Demut und Ehrfurcht. Ich bin die Macht, die dem menschlichen Willen Grenzen setzt. Ich bin die Macht, die dem Menschen zürnst: „Du sollst" und „Tn sollst nicht". Ich bin die Macht, die der schrankenlosen Willkür Halt gebietet, die Macht, die den Eigennutz, die Selbstsucht untersagt, die Macht, die jedem Menschen gebietet: „Gib deinem Nächsten von deinem Besitz, von deiner Kraft, von deinem Glück und deiner Liebe." Und weil das Wort „Ich bin der Ewige, dein Gott" so gewaltig ist in seiner Bedeutung für uns und die ganze Welt: darum haben wir es mit inbrüstiger Liebe durch die Zeiten getragen und werden es weiter tragen, solange der Himmel über der Erde steht. Auch a n d e r S p 1 tz e d e r z 10 eite n B n n d e s t a f e l findet sich ein Wort, für uns und die ganze Menschheit bestimmt. Wir Pflegen seiner weniger häufig Erwähnung zu tun, weil seine Forderung uns längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Es ist das Wort: lau tirzocli, „Dn | 0 {f ft u i ch t töten! " Du sollst nicht toten! Diests Wort, das uns sonst wegen seiner Selbstverständlichkeit fast belanglos erschien, nur seltsam klingt es an dem diesjährigen Schownans-Feste an unser Ohr! Gleich als käme es aus einer anderen, ans einer besseren Welt zu uns armen, unglückseligen Menschenkindern herüber. Denn d a s f l a m m e n d e Sinai- W 0 r t: „ T n s 0 l l st 11 i ch t töte n " i st a n s b e nt G e d ä ch t n i s d e r M e n s ch e n g e st r i ch e n , und h e nte l a n t e t di e L 0 s n u g : „Du d a r f st, d u so l l st , d n m i! |) t töte u D e r g a n z e K r i e g der V 0 l k e r i st l e tz t e n E n d e s n i ch t s a n d e r e s als eine einz i g e f u r ch t b a r e V e r l e tz n n g d e s s e ch st eit Sinaito 0 r t e s „ T tt s 0 f t ft n i ch t töte n ".l) Draußen int Felde stehen unsere Krieger. Zn ihrer Begleitung sind Feldgeistliche der verschiedenen Bekenntnisse ausgesandt. Es sind Männer, deren liebgewordener Beruf es ist, Frieden und Einigkeit unter den Menschen zu lehren, lind jetzt stehen sie draußen und ermahnen ihre Krieger, mutig und tapfer gegen den Feind zu ziehen und die todbringende Waffe zu zücken zmn Schutze des Vaterlandes. Ist dies etwa Heuchelei oder hat 'der Krieg ihre Sinne verwirrt? Keines von beiden: Unsere Feldgeistlichen erfüllen ihre heilige Pflicht, so wie unsere Soldaten die ihrige erfüllen. Nicht unsere Soldaten und nicht unsere Geistlichen trifft die Schuld, wenn so viel unschuldiges Blut vergossen wird. Krieg ohne Waffen, Krieg ohne Blutvergießen ist ja ein Widerspruch in sich selbst. Nein, sch u 1 d a tt d e m B 1 tt t 0 e r g i e si e n s i n d w i r a l l e, s ch n l d i st d i e g a n z e M e n s -ch heit, die n 0 ch s 0 e r s ch r e ck e n d weit z n r ü et i st i n K 1111 lt r u n d G e s i t t tt n g , d a s; sie d e s nt ä n n e r m 0 r d e n d e n K r i e g e s n 0 ch i m m e r g l a n b t n i ch t e n t b e h r e n z u k ö n n e n. Wenn wir an die zehn Gebote denken, wenn wir-an das Wort denken, das au der Spitze der zweiten Bundestafel steht, an das Wort: lau tirzocli, „Du sollst nicht töten", und lvir vergegenwärtigen uns dann die blutgetränkten Schlachtfelder: dann müssen wir, dann muH die ganze Menschheit ihr Haupt vor Scham verhütten, daß wir es seit der Offenbarung vom Sinai so herrlich weit gebracht haben. Dann müssen wir das beschämende Geständnis machen: Die Menschheit ist t r 0 tz ct I l d e r s ch e i n b a r e n h Wir können dem Verfasser in dieser seiner Ausführung nicht beipflichten. Lau tirzocli heißt: Du sollst nicht m 0 r d e n! und nicht, wie der Verfasser nach Luther wiedergibt: Dn sollst nicht tüten! Das Töten im Kriege fällt nicht unter dieses Verbot. D. R c d.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.