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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-26 · Heft 21 (26.5.1916) · p. Seite 251

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 21 (26.5.1916)
Date
1916-05-26
Page
Seite 251 (sequence 11)
Language
German
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ungelehrten Leserkreis Interesse besitzt Die Zeiten Stöckers sind ja stücklicherweise vorüber, obgleich es leider auch heute noch genug Nässer gibt, die sich einbilden, Stöcker zu gleichen, und die ähnliche Wirkungen hervorznrufen ersehnen; trotzdem war es sehr wohlwtan, diese sehr gut geschriebene Schrift wieder.zu beleben, die mit lieft und Gründlichkeit und zugleich mit Mut und Gewandtheit Ansviffe gegen Juden und Judentum abztavehren versuchte. Aber auch mszer diesen beiden Arbeiten, die ich besonders hervorzuheben mich i'ir verpflichtet halte, ist der übrige Inhalt des Bandes so reich, daß r Lesern aus den allervtrschiedensten Kreisen Gehaltvolles und Beehrendes zu bieten vermag. Der Herausgeber, dessen Worte ich in er vorstehenden Uebersichl mannigfach ddmcht' habe, rühmt das Berienft, das sich Gattin und Schwiegermutter des verstorbenen belehrten um das Zustandekommen der wertvollen Beröfsentlichung rivorben haben. Der Herausgeber hat durch geuaue Vergleichung er Handschrift mit, dem Drucke und durch einzelne Anmerkungen nid gelegentliche Berichtigungen den Wert der Ausgabe erhöht. Als .-in besonderes Verdienst ist zu rühmen, daß er am Schlüsse des dritten Landes Register für alle drei Bände hebräisch und deutsch hinzuesügt hat. Durch diese ausführliche Snmmlitug nürd das Andenken ul t'iiieu hervorragenden Forscher, der es verdient, daß sein Name ulter den besten genannt wird, neu belebt. L. G. A Eine Handvoll Erde. Roman von Klara B i e b i g, Berlin,. Verlag Egon Fleischel u. Co. Sehr empfindliche Juden werden diesen Roman nicht gern leseil.;emt der einzige Jude, der darin vorkommt, ein Agent Bernhard, lst ein anmutiger Glaubensgenosse, weder äußerlich, da er sich in feinem Gehaben nicht vorteilhast präsentiert, noch innerlich. Tenn er ist ein widerwärtiger Patron, der feinen Brotherrn, einen Grundstücksgekulanten, ebenso begaunert, wie die arinseligen fletnen Leute, die er ei der Verpachtung von Laubeugrulldstücken übervorteilt. Aber ne >erdeu milder geftimmt werden, wenn sie erkennen, daß Bernhard nur uler aus der zahlreichen Galerie von Lumpen und Schuften ist, die im der Bersasserin vorgesührt werden. Fast alle Personen nämlich, ie in diesem Romane auftreten, sind verlumpt, sowohl der augedeutete -rnndstückspekulant Hilpert, einer der widerwärtigsten Geizhülse, als au von ihm nicht öffentlich anerkannter Sohn Albert, der den Bater a morden will, dies schließlich unterläßt, aber wo er kann, von ihm >eld erpreßt, ein sinnlicher Bursche, der mit allen Mädchen aubändelt, :c verführt imb in schmählichster Weise sitzell läßt und schließlich einen Wppelmord begeht, beffen Bestrafung er sich dllrch die Flucht entzieht, daneben die Hauptgeliebte dieses Burschen, Anna, ein gänzlich verwahrlostes Wesen, das bloß seinem tierischen Instinkte lebt, ihre au- -ebliche Großmutter, eine Kurpsuscherin und Wahrsagerin schlimmster 2 orte, ferner die männlichen Alitglieder der Familie Reschke, Bummler nd Tagediebe, ihre Nachbarn, Mitglieder der Familie Riedel, unter unten die Hausfrau, eine recht gemeine Person und die Töchter Berliner Pflanzen übelster Sorte sind, und viele andere anszubeuteii. Aus dieser aller ie von Verbrechern und Müßiggängern ragen nur wenige anlandige Personen hervor, darunter befindet sich die Mutter Reschke, ine Wäscherin, auf deren breiten Schultern die ganze Last der Hausaltung liegt (denn ihre Tochter Frieda sorgt durch blähen nur für ch — übrigens ein armes Geschöpf, das den Verführungskünsten des den erwähnten Burschen Albert nur zu schnell unterliegt), und der 7r. Hirsekorn, der in rührender Treue das Andenken an seine verwrbene Mattin hochhält und, wo er kann, Gutes tut. Es ist schade, daß die hochbegabte Verfasserin ihr schönes Talent an er Zeichnung solcher Typen verschwendet. Freilich, das, was sie schildern will, die Lust der Armen nach Lust und nach eigenem Besitz, ist ganz prächtig dargestellt. Die Darstellung der Natur: Sonnenaufgang mb anderes, ist wunderbar vorgeführt. Die Entwicklung der einzellen Menschen, bei denen der Trieb zum Bösen sich oft bis zum Entsetzichen steigert, die Charakteristik der Seele dieser Verbrecher ist von iner erstaunlichen Kraft. Aber nur älteren, wenn wir auch den Realismus solcher Lebensbilder bewundern, haben nun einmal das -erlangen, wie im Leben, so in der Dichtung mit anständig-en Menschen a verkehren. Wenn ich an dieser Stelle Frau Viebigs neuen Roman anzeige, in ent ihre ungeheure Kraft plastischer Malerei, lebendiger Beranschauuchung, dichterischer Stärke trefflich hervortritt, so will ich einen Wunsch nicht unterdrücken: möchte es Frau Viebig, der Dichterin, die nch mit großen Problemen trägt, ohne dadurch Tendenzschriftstellerin zu werden, doch gefallen, einmal einen großen jüdischen Roman zu schreiben. Sie ist zwar, ivie wir wohl wissen, durch Geburt und Erziehung Christin, steht aber durch ihre Verheiratung und teilweise auch durch ihren Umgang den Juden nahe genug, um deren Wesen zu erkennen. Wir verlangen keine Verhinnnelnng, wünschen freilich noch weniger eine bloße Hervorkehrung der üblen Eigenschaften, die sich bei Juden ebenso wie bei Christen finden. Aber wir meinen, das; es dieser starken, scharfblickenden Schriftstellerin, die in manchein tyrer früheren Werke mit so hoher Kunst vermocht hat, Ideen zu verkörpern und Menschen darzustellen, gegeben sein mühte, das deutsche Judenrum in seinem*Ringen nach Selbstbefreiung uns vorzuführen, in [einem Sehnen unter Wahrung seiner Glanbenstrene, das Deutschtum ganz und voll in sich nnsznnehmen. Das wäre eine Ausgabe, ebenbürtig der, die Frau Viebig tu ihren Romanen „Die Wacht aut Rhein", „Das schlafende Heer", ..Absolvo te“ so glänzend gelöst, in anderen Romanen wenigstens kräftig attgepackt hat, eine Ausgabe, deren Lösung mts belehren tntd erfrischen, vielleicht auch erheben und befreien könnte. L. G. O Horo w i tz , Dr. Jakob. Unke r s u ch unge n zur rabbinischen Lehre von den s a l s ch e n Zeug e it. Frankfurt a. M„ Kaufsmann, 1914. Es ums; dem Verfasser als ein besonderes Verdienst ungerechnet lverden, daß er gerade den schwierigsten Problemen der jüdischen Tradition sich zuwendet, und zwar vor allem solchen, die für den ethischen Charakter der jüdischen Rechtslehre von entscheidender Bedeutung sittd. So hat er bereits früher über das uralteProblem„Auge um Auge, Zahn inn Zahn" soloie über die rabbinische Exegese zu 5. Buch Moses 25, 1 in sehr gründlichen Spezialuntersuchtmgm gehandelt (vgl. die Festschrift „Jndaika" zu Hermann Cohens 7». Geburtstag, Berlin 191:?, 3.609 bi§ 658 tuib Jahrbuch 1912 der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft, Frankfurt a. Nt., Kauffinann, 1918, S. 84 bis 48.) Tie hier angezeigte Arbeit ist der auf 5. Buch Moses 19,19 bezuguehnteudeu rabbtuischeu Lehre gewidmet, die zweifellos die d e s r e m d e n d st e und rätselh a s t e st e Satzung der ganzen Ge s e tz g e b u n g all e r Völker d a r st e l l t. Dadurch sichert sich der Verfasser den Tank auch solcher Leser, die seilte apologetische Tendenz nicht billigen oder die sich zuweilen mit seilten Resultaten nicht einverstanden erklären zu können glauben; denn inbem er das gesaut te Material mit solch rühmenswertem Fleiße zusammenträgt, erleichtert er dem Leser die Bildung eines eigenen, oft abweichenden Urteils. Die erwähnte biblische Lehre von den falschen Zeugen loird im Talmnt (Makkvth 5b) durch folgende sonderbare Bestimntung ergänzt: p-ina JT! inn pnnj inn fie (bie ii£>crfitl)rtcn 3cnocn) nicht getötet, dann lverden sie getötet, haben sie aber ja getötet, dann werden sie nicht getötet", d. h. wenn das auf Grund der falschen Zeugenaussage gefällte Todesurteil bereits vollzogen lvnr, dann erfolgt für die Zeugen keine Straft, sind aber die Zeugen vor dem Vollzug der Todesstrafe überführt ivvrden, so daß der fälschlich Angeklagte freiausgeht, dann lverden sie mit dem Tode bestraft. Abraham Geigers Urteil, der diesen talmudischen Lehrsatz als „allem Rechtsgefühl hohnsprechend" bezeichnet, wird selbst dem traditionstrenen Juden mindestens begreiflich, wenn auch nicht gerade pietätvoll erscheinen müssen, wenn er erfährt, daß selbst einer der berühmtesten Amsterdamer Rabbinen des 17. Jahrhunderts diesen talmudischen Ausspruch in einer sprachlich ganz unmöglichen Weise lnnzudeuten gesucht hat, und wenn er ferner sieht, daß auch Horowitz es gar nicht unternimmt, diese sonderbare Bestimmung irgendwie plausibel zn machen. Dagegen ist nicht emzusehen, weshalb Geiger ivie seine Nachfolger so sehr bemüht sind, diesem Lehrsätze seinen traditionellen Charakter zu nehmen. Wenn es doch nun einmal seststeht, daß dieser Lehrsatz in der spättalmudischen Zeit allgeiueinc Geltung hatte, dann gelvinnt man doch nichts damit, daß man diese Lehre ihres hohen Alters beraubt. Was „allein Rechtsgefühle hohnsprechend" erscheint, befremdet uns bei den späteren Ta'tmndweisen nicht minder als bei den Mischnalehrern. Weit erklärlicher t/ft das Bestreben Friedmanns, diesen ganzen Rechtssatz aus ein Mißverständnis in den Worten des ersten Tradenten zurückzusühren. Daß aber dieser Versuch Friedmanns als völlig mißlungen anzusehen ist, hat Horowitz zur Evidenz gezeigt. Ueberhaupt ist Horowitz die Beweisführung für das hohe Alter dieser Tradition vorzüglich gelungen. Meines Erachtens muß die Schlußfolgerung betreffs des Alters une des Ursprungs dieser eigenartigen Nechtsanschauung gerade den

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