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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-26 · Heft 21 (26.5.1916) · p. Seite 249

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 21 (26.5.1916)
Date
1916-05-26
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
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249 folgerte ich, daß es etwas sehr Wichtiges war. Aber, Gabriel," sie blickte flehend zu ihm auf, „ich beschwöre dich. Gabriel, höre nicht auf das, was Baruch sagt! Gewiß will er dich zu einer gefährlichen Sache überreden. Tue es nicht, begib dich in keine Gefahr und lasse alles, wie es ist. Von Baruch kann ja nie etwas Gutes kommen." Ihre Warnung berührte ihn peinlich. In seiner jetzigen Stimmung, wo alle seine Gedanken auf einen Punkt sich konzentrierten, verlangte sein Herz nach Ermunterung und nicht nach dem heiseren Gekrächz des Widerspruches. Arme Malka! Wenn durch irgend etwas, so war ihre Warnung am besten geeignet, sein Mißfallen zu erregen. Und er gab sich auch keine Mühe, dieses zu verbergen, und er fuhr sie barsch an: „So darfst du nicht von Baruch sprechen. Oder habt ihr ausgehört, Freunde zu sein?" „Freunde?" Sie konnte einen scharfen, schneidenden Ton nicht unterdrücken. „Freunde?" wiederholte sie. „Er verlangt mehr als Freundschaft von mir — und das — das kann ich ihm nicht geben. Und weil er weiß, daß du in meinem . . ." „Ich verstehe," unterbrach er sie kurz. Ja, er verstand auf einmal die grenzenlose Traurigkeit, die abgrundtiefe Bitterkeit in Baruchs Leben. Es war ja viel, viel trauriger, als er es je geahnt. . . Neben der Enttäuschung in seinem Berus, in seiner Karriere, auch noch die Enttäuschung in seiner Liebe, in seinem Herzen. Bei seinem Mitgefühl für den Freund wendete sich Gabriels ganzer Zorn gegen die Ursache der letzten Enttäuschung. „Und anstatt ihm aus dem Wege zu gehen und seine Leidenschaft nicht noch mehr zu erregen, vermehrst du noch das Unheil, indem du in finsterer Nacht seine Nähe aussuchst!" „Nicht seinetwegen ging ich zur Fähre," erwiderte sie demütig. „Den ganzen Tag habe ich mir den Kopf zermartert, ob mich meine Augen betrogen oder ob ich wirklich den gesehen, nach welchem meine Seele Tag und Nacht lechzte. Darum entschloß ich mich, mit schwerem Herzen . . . Aber," unterbrach sie sich mit unheimlicher Aufregung, „warum zwingst du mich, fortwährend von ihm zu sprechen? Ich bin nicht seinetwegen gekommen." „Weswegen sonst?" fragte er, weniger aus Interesse als wegen ihrer großen Traurigkeit. „Weil ich endlich eine Antwort auf tausend Fragen haben inöchte, die in meinem Gehirn herumschwirren." „Dafür dürste jetzt kaum die geeignete Zeit sein. Ich muß fort, damit mein langes Ausbleiben kein Aufsehen erregt." „Ja, natürlich," sprach sie sinnend, wie zu sich selbst; „du wohnst in dem großen, seinen Hause! Ich wußte es ja immer, daß mein Gabriel ein großer Mann werden wird! Und jetzt schämst du dich natürlich der armen Schneiderin, die einst deine Spielgefährtin gewesen." „Dein Wohlergehen wird mir immer am Herzen liegen," erwiderte er ausweichend, indem er sich zum Gehen anschickte. „Noch ein Wort, Gabriel!" rief sie flehend, mit keuchender Brust und glühenden Augen. „Du erinnerst dich doch noch, als wir ehemals am Wasser saßen, da pflegte ich deinen Kopf aus meinen Schoß zu betten, um dich in den Schlaf zu singen. Einmal aber schickte ich Baruch unter irgendeinem Vorwand fort und dann — dann — habe ich dich — dich — ganz sanft — geküßt! Hast du es — Gabriel — hast du es — gespürt?" „Damals hast du wie ein Kind gehandelt, und heute sprichst du wie ein Kind," sagte er nicht unfreundlich. „Aber vergiß nicht, Malka, wir sind beide jetzt erwachsene Menschen." „Ja, wir sind erwachsene Menschen," sprach sie traurig: „Du bist ein vornehmer Mann geworden und ich bin ein armes Weib geblieben. Gute Nacht!" Sein ganzes Mitgefühl war jetzt wachgerufen, und er wollte sie nicht so in ihrem Jammer von sich gehen lassen. „Malka, kann ich etwas für dich tun?" Sie sah ihn erstaunt an. „Nein, Gabriel. Ich danke dir. Für meine Person verdiene ich schon, was ich brauche, und meine Großmutter ist ja schon seit sechs Jahren tot." „Fürchtest du dich aber nicht, so allein zu leben? Wenn Baruch . . ." „Die Mäuse werden mich nicht verschleppen," unterbrach sie ihn mit einem schwachen Versuch, ein Lächeln auf ihre Lippen zu quälen. „Hattest du bei dem Aufstand im vorigen Jahre auch die Stadt verlassen? Ich meine den Aufstand gegen die Juden." „Leider, nein; hätte ich es getan, dann wären vielleicht deine. . ." Sie brach ab, da sie durch sein Zähneknirschen bemerkte, daß er sie verstand. „Nein," fuhr sie fort, „ich verbarg mich im Keller und nahm meine lange, spitze Schere mit mir." „Das war ja Wahnsinn! Eine Schneiderschere als Schutzwaffe gegen den wütenden Pöbel!" „Die Schere war ja nicht für den Pöbel," lächelte sie traurig; „sie war ja nur für mich, Gabriel." Schmulikof schäumte vor innerer Wut. Auch das noch! Würde man dieses Mädchen entdeckt haben, dann wäre ein weiterer Mord geschehen! Torakow, Tvrakow, dein Maß ist gerüttelt voll! Dieser Gedanke brachte Gabriel wieder zu sich. Er durfte nicht länger hier verweilen, er muß sein Werk sofort beginnen. „Gabriel, bei dem Andenken deiner Eltern bitte ich dich, setze dich keinen Gefahren aus!" hörte er noch Malka hinter sich rufen, und er mußte darüber lachen. Gerade dieser Zuruf mußte ihn ja noch mehr zu dem entflanunen, wovon sie ihn abzuhalten suchte. — Als Gabriel wieder das Tvrakowsche Haus betrat, war es zwar schon etwas spät geworden, aber er fand noch alle beisammen, und die beiden älteren Damen, die abseits saßen, forderten ihn liebenswürdig aus, sich noch ein Weilchen zu ihnen zu setzen und ihnen Gesellschaft zu leisten. Alma hatte ihm nur einen Blick zugeworfen und wendete sich bald wieder zu ihrem Vetter Karol, mit welchem sie sich auf der Veranda sehr angelegentlich unterhielt. Erst bei dem allgemeinen Aufbruch konnte sich Schmulikof dem Pärchen nähern, und Karols spöttische Siegermiene gänzlich unbeachtend, sprach er zu Alma: „Gnädiges Fräulein, vorhin haben wir beide einen sehr schlechten Anfang gemacht; darf ich Sie bitten, mir zu gestatten, nochmals von vorn anzufangen?" Sie zögerte mit der Antwort. Die Worte bereiteten ihr eine gewisse Genugtuung, allein in seinen Augen glaubte sie einen Schimmer von Bosheit wahrzunehmen. Langsam erwiderte sie: „Gewiß, Herr Schmulikof, wenn Sie es für nötig halten." Er reichte ihr die Hand und empfand ein grimmiges Behagen, als er ihren leisen Gegendruck verspürte. Doch weniger zufrieden war Vetter Karol. Stundenlang saß er noch in seinem Zimmer, Zigaretten rauchend und nachgrübelnd, um den Sinn der eben mitangehörten Unterredung zu verstehen. Von welchem „Frischen Anfang" sprachen sie denn? Wenn jemand das Recht hatte, von einem guten Anfang zu sprechen, so war es doch nur er und kein anderer. Er war fest überzeugt, endlich die wilde Hummel bezwungen und auch bei den anderen einen vorzüglichen Eindruck gemacht zu haben. — Nur schade, daß sie fortwährend von — von — diesem Schmulikof sprach. Ganz richtig schien die Sache doch nicht zu sein, denn als er sich über Schmulikofs sportliche Unwissenheit ein wenig lustig machte, wurde sie wieder so ungemütlich und machte sogar die schnippische Bemerkung, daß auch er weit besser täte, seinen kostspieligen Sport ein wenig einzuschränken, um nicht die Verwandten immer wieder mit

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