Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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248 der einzigvernehmbare Laut. Dennoch wollte es Gabriel .scheinen, als ob er doch nicht ganz allein sei; er hatte das Gefühl, als folge ihm jemand. Er hatte sich darum schon öfter plötzlich umgewendet, um den Nachschleichenden zu überraschen, aber nur die Sträucher waren sichtbar, die zu beiden Seiten des elenden Sandweges emporwucherten . . . und er lächelte daher über seine kindische Einbildung. Endlich betrat er den Friedhof, der noch genau so armselig, vernachlässigt uüd von Unkraut überwuchert war, wie während seiner Kindheit; sogar derselbe verrostete Drahtzaun auf den halbvermvrschten Holzpsählen war noch vorhanden. Gabriel erinnerte sich, daß schon damals die Absicht bestand, eine feste Ziegelmauer errichten zu lassen. Alle Gemeindemitglieder waren von der Notwendigkeit durchdrungen; doch waren sie zu arm, von den Machthabern schon zu oft ausgepreßt worben, als daß sie auch nur die geringste Summe hätten ausbringen können, um die Gräber ihrer Angehörigen vor böswilliger Entweihung der Menschen und vor dem unabsichtlichen Zerwühlen der Bestien zu schützen. Pietät ist eine hervorragende Eigenschaft des jüdischen Volkes; doch sie nruß in den Hintergrund treten, wenn die Lebenden den eisernen Druck des Schicksals so schwer empfinden. Schmulikvf wollte" diesen zerfallenen Drahtzaun in Erinnerung behalten; das Gefühl der Pietät war noch nicht tot in ihm. Er war am Ziele angelangt; hier war der Stein, den Baruch hatte setzen lassen; ein Stein für zwei Gräber. Sicherlich hatte das Geld nicht weiter gereicht. Gabriel beugte sich nieder und preßte seine trockenen Lippen auf die nasse Erde. Vielleicht, daß der warnre Hauch den eisigen Tod überwindet und den stillen Schläfern da unten das tiefe Weh über ihnen übermitteln, vielleicht, daß ihr Ohr doch seine schmerzlichen Herzschläge vernehmen konnte. Und wenn nicht, dann sollten sie wenigstens eins wissen, daß die vielen Jahre, die ihni noch bevorstünden, eine ununterbrochene Buße für die einzige Nacht sein sollen, in welcher die beiden Alten jede Minute den tausendfachen Tod erduldet! Sie sollen eS wissen, daß er ihnen ein Denkmal errichten wevde, das seine Schatten weit, weit über diesen ärmlichen Friedhof werfen soll; er wolle ihnen einen Nachruf widmen, der Schreck und Grauen in alle Lande hinaustragen soll! ... Er saß lange da und dachte nach. Plötzlich sprang er freudig auf. Ja, das war eine Offenbarung vom Himmel, eine Erleuchtung aus der Finsternis des Grabes! Ja, sein Racheplan, der bisher nicht einmal in seinen Umrissen, kaum nebelhaft ihm vorgeschwebt, er stand plötzlich fix und fertig mit all seinen Einzelheiten vor seinem Geiste, wie Perlen an einer Schnur gereiht greifbar, nur noch der Verwirklichung harrend . . . Er dachte an Torakow und seine einzige Tochter, jenes wetterwendische, launenhafte Mädchen mit den Amethystenaugen. Er hatte bisher noch keinem weiblichen Wesen in die Augen geschaut, obwohl man seiner Siegergestalt das Schauen gern gestattet hätte, jetzt aber wollte er seine ganze Macht, all seine Anziehungskraft rn seine Blicke legen, bis jenes Spielzeug wie Wachs in seiner Hand zerschmelzen, bis sie, wie ein getretener Wurm, zu seinen Füßen sich winden und krümmen wird! — Und dann, Torakow!-Ha! Ein Freudenruf entfuhr seinen Lippen. Ich sehe schon dein Herz von tausend Messern zerfleischt, deine Seele von tausend Dolchen durchbohrt! Das Wesen, das dein Glück gebildet, das mit allen Fasern an dir gehangen, dieses Wesen soll dir tausendfache Höllenqual schon auf Erden bereiten! Deine Mordgier, Torakow, macht Schule, und an mir hast du den besten und gelehrigsten Schüler gesunden. Ein Teufel könnte keine bessere Rache, keine grausameren Qualen erfinden. Torakow, ich wevde dir eine Schlinge um den Hals legen, die dich jede Sekunde aufs neue erwürgen soll! Er warf noch einen langen Blick auf die Gräber und ging dann mit festen Schritten von dannen. Er verschloß die morsche Pforte hinter sich, mit einer Ehrfurcht und Andacht, als koinme er aus dem Palast eines Fürsten. Er war kaum hundert Schritte vom Friedhof entfernt, als er eine Gestalt vor sich sah, die aus dem Boden ausgetaucht zu sein schien, so plötzlich stand sie vor ihm. Es war eine Frau, die ihn mit demselben starren und forschenden Blick ansah, den er schon am Nachmittag bei seiner Ankunft hinter der zerfetzten Gardine bemerkt hatte. „Was wollen Sie?" fragte er barsch. „Gabriel — mein Gabriel, kennst du mich denn nicht mehr?" „Malta! Du bist es?" Es war kein freudiger Ton, mit dem er es rief. Heute früh noch hatte er sich nach einem freundlichen Blick, nach einem herzlichen Willkommengruß seiner alten Bekannten gesehnt, und nun trat ihm, außer Baruch, die liebste Freundin, die Jugendgespielin entgegen; allein, ohne selbst zu wissen, warum, konnte er ein Gefühl des Unbehagens nicht unterdrücken. Er war also doch nicht allein gewesen aus dem Friedhof; seine Phantasie hatte ihn doch nicht betrogen; es war dieses Mädchen, das ihm nachgeschlichen, und dadurch wurde die ganze Situation ins Lächerliche gerückt. Ihr Anblick wirkte auf ihn wie ein kalter Wasserstrahl. Was er in seiner fieberglühenden Einbildung zu einem himmlischen Helfer, zu einer Rachegöttin gestempelt, entpuppte sich jetzt als die kleine, schwarze Malta, die ihm aus altgewohnter Abenteuerlust nachgeschlichen war. Und doch, wenn er sie bei dem schwachen Sternenlicht näher betrachtete: das blutlose, weiße Gesicht von dem schwarzen Haargewirr gespenstisch sich abhebend, die feurigen Augen hin und her funkelnd, jeder Zug, jede Miene leidenschaftlich erregt und bewegt, war sie wohl geeignet, jene düstere Nemesis zu verkörpern, deren Dienste er sich so gern versichert hätte. Er sah sie eigenartig an, und ihr kurzes, schweres Atmen ließ, ihn erraten, daß sie sich auf etwas Großes vorbereitete. „Mein Gabriel!" brach es bald wie ein Bergsturz über ihre Lippen. „Nein, nein! Du hast mich nicht vergessen trotz dieser langen, langen Jahre. Ich wußte es, ich fühlte es. Nur als dein Blick heute so gleichgültig zu mir herüberschweifte, während meine Augen dich verschlingen wollten, da — Gabriel, da — stand mein Herz so lange still, daß ich glaubte, es wevde nie mehr wieder zu schlagen beginnen. Du saßest in der Kutsche mit all den vornehmen Herrschaften, aber das konnte nicht hindern, daß ich dich doch wiedererkannte. Ich würde dich ja unter Millionen wiedererkannt haben, und wärest du selbst mit dem Kaiser zusammen gekommen. Und weißt du warum? Willst du es wissen, Gabriel? Weil ich deine Augen in meinen Blicken sah, Tag und Nacht, seit du von hier fort warst! Aber, Gott sei Dank, jetzt bist du wieder da!" „Aber nur für ganz kurzeZeit," war seine nüchterne Antwort, während er seine Hand aus der ihrigen löste, die sie leidenschaftlich ergriffen hatte. „Du mußt daher auch vernünftig sein und mir nicht den Aufenthalt hier durch dein Lamentieren verleiden." „Habe nur keine Angst, Gabriel." sprach sie unterwürfig, „ich werde ganz vernünftig sein; nur mußt du mir Zeit lassen, mich zu vergewissern, daß ich mit dir spreche, mit dir, mein Gabriel." Er fürchtete wieder einen leidenschaftlichen Ausbruch, darum fragte er kalt und streng: „Wie kommt es, daß du überhaupt jetzt hier bist?" „Ich sah dich mit Baruch sprechen und folgte dir." „Hast du auch gehört, was wir gesprochen?" fragte er beunruhigt. „Ich sagte dir doch, daß ich euch nur gesehen habe. Freilich bemerkte ich, wie aufgeregt ihr beide gewesen seid, und daraus