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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-26 · Heft 21 (26.5.1916) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 21 (26.5.1916)
Date
1916-05-26
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
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247 - kaum selbst bewußte Seelenkraft; es ist, daß ihr von dieser Zeit an ihre Person und alles Persönliche zurücktritt. Ihr Leben gilt fortan nur der Sache, wie der der Wohlfahrtspflege. Abgeklärt ihr Denken, resigniert ihr Fühlen, konnte sie von der Zeit an nur wirken für andere. Sie diente, mit organisatorischem Talent wie wenige ihres Geschlechts ausgerüstet, in nie ermüdender Schaffenskraft früh und spät, der Stadt wie der Kultusgemeinde. Nach Ausbruch des Krieges war sie auf allen Gebieten der Kriegssürsorge tätig, wie das die Tagesblätter aus Anlaß ihres Hinscheidens mitteilten. Nie hörte man von ihren Lippen Klage, die Besucher ihres Hauses zog sie lediglich in Gespräche über aktuelle Tagesinteressen der Wohlfahrtspflege. So lebte sie gleichsam zwei Leben, das zweite, die Welt von früher hinter sich liegen lassend, nur die Welt vor sich sehend als Betätigungsgebiet, wobei alles andere, wie Frauenwürde, weiblicher Takt sich bei ihr von selbst verstanden. Vorbildlich wie ihr Leben wird ihr Andenken nicht anders als treibend zu allem Guten bei Griten wirken können. In Verehrung der Manen Joels. T r e i t e l, Laupheim. pugr um Auge. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) ^^^ozu erst die Frage?" war Baruchs verbissene Gegenfrage. „Für dich kann es doch nur einen Weg geben: Auge um Auge! Und das Schicksal selbst hat es günstig für dich gefügt und dir die Wege geebnet; du wohnst in seinem Hause, niemand ahnt, daß du Ursache hast, sein Feind zu sein, und in einer Minute kann das große Werk vollbracht sein Ich habe meine Chemie noch nicht ganz vergessen, ich verstehe noch Nytroglyzerin herzustellen, und eine Blechschachtel ist leicht gefunden. Lege es hin, wo er am wenigsten entrinnen kann! Nimm keine Rücksicht auf andere — und wenn die ganze Brut zur Hölle, fährt — desto besser!" Mit verhaltenem Atem und glühenden Augen harrte er der kommenden Antwort. An Gabriels keuchender Brust merkte er wohl, wie schwer er mit sich kämpfte: aber er legte sich eiserne Geduld auf, um jenen nicht zu stören. Er wußte ja, je länger Gabriel darüber nachdachte, desto tiefer werde die Rache sich einsressen, desto fester sein Entschluß werden. Aber er irrte sich in einer Hinsicht. „Nein, Baruch," sprach Gabriel nach längerer Pause. „Tn hast weit über das Ziel hinausgeschossen." „Weil du feig bist, weil du dich fürchtest," zischte Baruch ganz außer sich. Zornsunkelnü wies Gabriel diese Unterstellung zurück. „Ich würde ihn wie einen tollen Hund Niederschlagen, mit der gleichen Empfindungslosigkeit, mit der ich eine giftige Spinne zertrete! Ich würde ihm das Herz aus dem Leibe reißen, inmitten all seiner Myrmidonen, und wenn sie mich dafür mit glühenden Zangen stückweise zerreißen sollten! Doch deinen Vorschlag kann ich nicht gutheißen: auch die absolute Sicherheit des Erfolges ist keine Empfehlung für mich. Er mag ja schnell und sicher wirken, aber — nicht tief, nicht eindringend genug. Wo bliebe wohl die Wollust, die Süßigkeit der Rache, wenn er die Qualen gar nicht empfindet, wenn er nicht einmal weiß, daß und warum er bestraft wird! — Wenn ich deinen Vorschlag aussühre, dann schwindet er dahin, ohne Ahnung, daß es überhaupt eine Strafe ist. Das aber will ich nicht." „Du scheinst deine Grübeleien und Wortklaubereien von früher noch beibehalten zu haben," sagte Baruch bitter. „Wie du deine chemischen Kenntnisse. Aber du kannst versichert sein, diese werden mich eher und besser zum Ziele führen als dein Gewältstreich!" „Nur kann ich mir nicht denken, wie das geschehen soll." „Du hast eigentlich das Recht verwirkt, Offenheit von mir zu beanspruchen, aber ich bin kein solch hartherziger Teufel wie du: darum will ich dir alles sagen, soweit ich mir selber darüber klar bin. Nur eins bitte ich dich: mir zu glauben, daß ich keine Ausflüchte mache. Höre, so wahr ich lebe, so wahr meine Eltern tot sind, es lvird fortan meine erste und heiligste Aufgabe sein, ihren Tod nicht nngerächt zu lassen. Aber ich muß erst Zeit und Gelegenheit abwarten, um meine Rache peinigend, quälend und grausam zu gestalten. Sie soll ihren Höhepunkt erreicht haben, nicht in seinein toten Körper, sondern in seiner lebendigen Seele! Da soll sie mit stahlharten, unbeugsamen Zähnen nagen und fressen, bis sein Herz wie eine leere Honigscheibe durchlöchert ist, bis das Gift in alle seine Adern sich ergossen!" „Das klingt nicht übel. Fahre fort, Gabriel!" „Das kann ich jetzt nicht. Darum frage nicht, wie ich es anstellen werde, denn ich weiß es selbst noch nicht. Bis jetzt ist es nnr erst wie eine Spukgestalt in meinem Geiste, aber noch kein fester Plan. Er hat ja eine Tochter —■ ein einziges Kind — sein Liebling sein Augapfel — sein ganzes Glück. — Rein, Baruch, laß mich einstweilen noch schweigen. Ich weiß ja auch nicht, ob mir mein Vorhaben gelingen wird." „Es wird dir aber gelingen," unterbrach ihn Barnch. „Es mnß dir gelingen! Ja, du hast recht. Mein Plan war plump, klotzig, stümperhaft. Du aber wirst wie ein Künstler arbeiten. Nicht wie ein grellloderndes Strohseuer, sondern mit einer feinen, intensiven Stichflamme! £, deine Rache wird gräßlich, sie ivird schrecklich sein!" „Hier hast du meine Hand darauf . . . Aber ich bitte dich nochmals, mir freie Bahn zu lassen. Störe mich nicht und verlange keine Rechenschaft über mein Tun." „Ich verspreche es dir, Gabriel," rief Baruch noch iinmer mit wilder Begeisterung. „Ich will warten, geduldig warten, bis du mir deinen Erfolg verkünden kannst. Daun aber, Gabriel, dann mußt du mich ctit deinem Jauchzen teilnehmen lassen. Denn vergiß es nicht, auch ich hasse ihn tödlich, abgrundtief, seitdem und wie er mich zum „akademischen Fährknecht" gemacht hat. Freilich war dieses kein todeswürdiges Verbrechen, das nur durch seine Vernichtung gesühnt werden könnte; aber, wenn deine Rache dich berechtigt, ihn mit Keulenschlägen niederzuschmettern, so darf ich für mich die Freude der quälenden Nadelstiche beanspruchen. Willst du mich also an deiner Wollust teilnehmen lassen, Gabriel?" Bei diesem Ausbruch ungezügelten, leidenschaftlichen Hasses konnte Gabriel, trotz seiner finstern Rachepläne, ein Gefühl des Widerwillens nicht unterdrücken; er wandte sich weg und gab keine Antwort. Nach einer Weile fragte er unvermittelt: „Wo finde ich die Gräber meiner Eltern?" „Ja, ja; gehe zu deinen Eltern," fuhr Baruch in gleicher Ekstase fort; „sie werden dir helfen, deinem Plane eine feste Form zu geben. Du wirst sie leicht finden; es sind die beiden letzten Gräber. Seit damals ist noch keiner im Städtchen gestorben, außer denen, die schon . . . beim Leben tot sind." VII. Von tausenderlei leidenschaftlichen Gedanken gequält, begab sich Gabriel jetzt nach dem Friedhöfe. Es war gut, daß er den Weg dorthin noch von früher kannte, denn auf dem einsamen, schlechten Feldwege hätte er bei der herrschenden Finsternis kaum jemand gefunden, der ihn zurechtwics. Weit und breit war weder Mensch noch menschliche Behausung vorhanden, eine tiefe, geisterhafte Stille herrschte in der ganzen Umgebung, und der knirschende Sand unter seinen Füßen war

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