Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
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es schlecht erging, suchten und fanden viel mehr bei den Juden als bei ihren eigenen Glaubensgenossen Hilfe, Trost und Stütze. Mir liegt der Brief eines österreichisch-jüdischen Kriegsgefangenen vor, der im Namen seiner jüdischen Mitgefangenen — es gab in Monastir ungefähr 70 — etwa folgendes schreibt: „War am Anfang die serbische Kriegsgefangenschaft noch einigermaßen erträglich, so wurde sie fürchterlich kurz vor den hohen Feiertagen 1015, wo viele nach Nvvh Basar, dem serbischen Sibirien, verschickt wurden. Wir standen dort unter der allerstrengsten Bewachung. Habe»! wohl auch andere serbische jüdische Gemeinden unser Los zu erleichtern gesucht, so überragt doch alle die jüdische Gemeinde Monastir. Sowohl unter der serbischen Regierung als auch zur Zeit der Okkupation durch die verbündeten Heere war sie uns ein von Gott gesandter Schutzengel. Während des ganzen Jahres unserer Gefangenschaft ließ sie uns jede möglich Hilfe zuteil werden. Wir erhielten sämtlich durch viele Monate hindurch regelmäßige Geldbeträge ausbezahlt, womit wir die sehr mangelhafte Kost ein wenig aufbessern konnten; arißerdem aber erhielten wir fast 1-1 täglich neue Wäsche, Kleider, Strümpfe ufw., eine Wohltat, die angesichts der entsetzlichen Läuse, die uns bald auffraßen, nicht mit Worten genügend gewürdigt iverden kann. Die Initiative zu diesem edlen Werk ergriff Herr Großrabbincr Dr. Benziou. Dieser besuchte sehr oft trotz des strengen Verbotes die Kriegsgefangenen. Er scheute nicht die Krankheiten, die uns bedrohten, und als das Leben in der Gefangenschaft infolge der russischen Eiulvirkungen immer unerträglicher wurde und viele jüdische Gefangenen halbnackt und verhungert aus Berzweislung die Flucht ergriffen, da war es dieser edle Mann und die jüdische Gemeinde, die uns mit Wohltaten überhäuften, und uns moralisch und materiell wieder aufrichteten." Es folgen in diesem Briefe noch einige Lobgesänge auf Rabbiner und Gemeinde, die alle in dem Wunsche ausklingen, man möge der nicht sehr begüterten Gemeinde ihre Wohltaten in reichem Maße vergelten. Unter den in der Kriegsgesangenschaft in Atvnastir gestorbenen österreichischen Juden befindet sich auch der wohl vielen Deutschen bekannt gewesene Lberkantvr Jacob Weiß aus Karlsbad in Böhmen. Er erzählte oft dem Rabbiner von der unmenschlichen Behandlung, die die Gefangenen zu erdulden hätten. Er klagte über das faulende und übelriechende, von Läusen und sonstigem Ungeziefer wimmelnde Stroh, das ihnen als Lagerstätte in einer großen, kalten und unfreundlichen Kaserne dienen mußte. Auf ihre Bitte an den serbischen Kommandanten, lieber ans dem kalten Boden schlafen zu dürfen als auf solchem Stroh, wurde ihnen die Benutzung des Strohes zur militärischen Pflicht gemacht. Beinahe gewinnt man den Eindruck, als ob inan mit Absicht und Ueberlegung die Menschen dem Ungeziefer, insbesondere den so gefährlichen Läusen, zum Opfer bringen wollte. Tie Inden in Monastir sind nrit Ausnahme eines einzigen sämtlich Spaniolerr. Sie haben sechs zum Teil sehr schöne Synagogen, die ganz in türkischer Art eingerichtet sind. Vier verschiedene Judcnviertek dienen den Juden zum Aufenthalt. Eines davon, das 150 Häuser zählt, birgt aber so viel Armut und Elend, Krankheit und Siechtum, tvie ich das selbst in den ärmlichsten Judenvierteln Galiziens, Polens und Rußlands glücklicherweise nicht gesehen habe. Ein großer Brand vor vielen Jahren, der die arme jüdische Bevölkerung am meisten betroffen hatte, veranlaßte die türkische Regierung, diese Juden außerhalb der Stadt in eigens errichteten kleinen Holzhäuschen unterzubringen. 150 Familien hausen in dieser armseligen Judenkvlonie, aber wer nicht einen Blick in die Wohnräume getan, wer diese degenerierten, halbverhungerten und halbvertierten Geschöpfe nicht gesehen, wer ihre Ruse nach Brot und Nahrung nicht vernommen, wer nicht unter ihnen war ünd sich erschreckt sagte, daß jüdisches Blut hier Mensch geworden, daß jüdische Herzen hier schlagen,.der kann sich selbst bei stärkster Phantasie keine Vorstellung von diesen Zuständen machen. Hier schreit alles nach Hilfe, nach Beseitigung und Oesterreich-Ungarn in dankbarer Erinnerung an alle die und Oesterreich-Ungarn in dankbarer Erinnerung an alle die Wohltaten, die die jüdische Gemeinde Monastir deutschen und österreichisch-ungarischen Soldaten hat zuteil werden lassen, dieser nun ausreichende Unterstützung für ihre eigenen Geineindcangehörigen zu gewähren. Verdient haben sie sie, und einer solchen würdig sind diese armen Geschöpfe mehr als so mancher andere. Der rührige Rabbiner der Gemeinde bedarf infolge der ausgestandenen Not und Arbeit einer Erholung. Er will sie in Deutschland und Oesterreich-Ungarn finden. Ich hege den herzlichen Wunsch, daß sich bei seinen Besuchen Gelegenheit böte, ihm den reichlichsten Dank abzustatten, den er und seine Gemeinde sich so aufrichtig verdient. Lrinnerungm an Frsu Ssbbiner lörrts Liemlich. in Stück stillen Heldentums, nicht des Heldentums, wie draußen im Feld heute mit dem Todesmnt des Augenblicks, der Stunde vollbracht, vielmehr lang und still getragenen Martyriums, zugleich gottgesegneten Frauenlebens, Frauenwirkens, das niemals und nirgends glänzen, nur als Selbstzweck sich durchsetzen wollte und sich durchsetzte, hat seinen naturgemäßen Abschluß durch Tod gefunden. Es ist das das Leben der Frau Berta Ziemlich, Witwe des früheren Nürnberger Rabbiners Dr. Bernhard Ziemlich. Sanft wie der Grundzug ihres Wesens ist ihr Hinscheiden gewesen, als sollte es der Schlußakkord eines gottgeweihten Liedes sein, dem ihr ganzes Leben glich. Heute, mehrere Wochen nach Hinscheiden derselben, wird erst voll, weil bei ruhiger Stimmung, Wesen und Bedeutung dieser das Alltagsmaß von Können und Wirten weit überragenden Frau gewürdigt werden können. Die einst im Hanse Manuel Joels verkehren durften, des Mannes, dessen Namen schon eine ganze Richtung in Lehre und Kanzelberedsamkeit bedeutet, kannten sie als die hochbegabte Tochter desselben, die im Arbeitszimmer des Vaters sich ihm nützlich erweisen durfte, gleichsam mitahnend die Welt seiner großen literarischen Entwürfe. So prädestiniert für ihren künftigen Beruf als Frau des im Rabbineramt stehenden Mannes mit all den Sorgen, die derselbe bringt, ward sie die Gattin des seinem Amt wie dem Leben allzufrüh entrissenen, bei den Kommilitonen vom Breslauer Seminar her in ehrendem Andenken stehenden Dr. Bernhard Ziemlich, des früheren Nürnberger Rabbiners. Das war der Lenz ihres Lebens, ungefähr zwei Jahrzehnte ungetrübten Eheglücks, gekrönt durch den Besitz zweier Kinder, in aller Lieblichkeit und Anmut sich entwickelnder Mädchen. Die Mutter, bei aller Sorge für die Kinder nicht vergessend der Pflicht, Beraterin des Mannes zu sein, Doppelpflicht auf einem Platze wie Nürnberg, bei den oft schwierigen Aufgaben, wie sie solch großer Platz dem Manne bringt, war sie dieses ihm mit der Weite ihres Geistesblicks, zu dem sie den Grund im Elternhause gelegt. Sie konnte das ihm um so sicherer sein, als Bernhard Ziemlich vielfach im Leben die Wege ihres Vaters wandelte. Von den zwei Kindern starb das eine früh; zwölf Jahre alt war das zweite geworden, der Trost, die Zukunftshvffnung der Eltern. Da aber beginnt die Tragik in ihrem Leben. Auch dieses zweite Kind ward den Eltern durch tückische Krankheit entrissen. Der Vater hat den Schmerz des Verlustes dieses zweiten und letzten Kindes nicht verwinden können, ist ihm im Tode nicht lange danach gefolgt. Die Mutter, eine andere Nvomi, „war von Mann und Kindern allein geblieben", aber eben da entringt sich ihrem Wesen eine in diesem Grade ihr bis dahin