Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 eine ausschließlich biblisch-tolmudische Bildung. Unter der Wirkung der neuen hebräischen AnMär-ungslitevatur (Haska'la) begann er «später die europäischen Sprachen und Literaturen zu studieren. 1880/82 war er Kronrabbiner in Lubny und baild daraus Kaufmann in Kiew. Nach den Oktoberpogromen 1905 ging er vorübergehend nach Amerika, und feit 1909 -mußte er infolge feiner Krankheit im Ausland weilen. 1911 besuchte er nachmals Rußland, wa er als der berühmteste jüdische Schriftsteller gefeiert wurde. Bei Ausbruch des Krieges ging er von seinem Kurort (Nervi) nach New Dark, wo ihn jetzt der Tod ereilte. Seine literarische Tätigkeit begann Ende der siebziger Jahre als Mitarbeiter der hebräischen Tageszeitungen „Hazefira" (Warschau) und „Hameliz" (Petersburg). 1883 (begann er im „Jüdischen Volksblatt" eine Reihe von Skizzen und Erzählungen zu veröffentlichen, die sdfort die Aufmerksamkeit des Leserpublikums auf sich zogen. Im Kampf gegen die sensationelle Boulevards leratur, die «damals den Markt beherrschte, gründete er seine „Jüdische. V-olksbibliothek". Scholem Atechem war der beliebteste und am meisten gelesene Schriftsteller'der jüdischen Massen. Zu feiner Popularität hat auch viel seine reiche und rein, volkstümliche Sprache beigetragen. Die Formen fernes Schaffens find Monolog. Dialog, Briefwechsel und Szene. Er erzählt nicht von feinen 'Helden, sie erzählen fe-Wst jeder in seiner Sprache. Die erste seiner Schriften erschien in vier Bänden im Jahre 1903. Zu seinem fünfundzwanzigjährigen Schriftstellerjubiläum (1908) begann man -eine vollständige Sammlung feiner Schriften zu veranstalten, die bis jetzt fünfzehn dicke Bände umfaßt. Mehr als hundert Erzäht-ungen -erschienen in 'Sonderausgaben, die in zehntausend' Exemplaren abgesetzt wurden. Ins Hebräische wurden vier Bände seiner Werke durch «den jungen Schriftsteller V-erkewi-tsch übertragen. Ins Russische übersetzt erschienen 1910 acht Bände. Auch ins Deutfche wurden viele seiner Werke übertragen und sind in Zei'tschriften: und Zeitungen zerstreut. Gesammelt erschien in 'deutscher Sprache bis fetzt nur ein Bändchen Erzählungen „Die verlorene Schlacht" (Jüdischer Verlag. Berlin), überseht von Dr. Birnbaum. # Aus D e u i sch I a n d ist fast nichts zu erwähnen. Nur eine merkwürdige Verfügung verdient 'hervorgehoben zu werden, die «der Kommandant der Festung Koblenz-Ehreubreitenstein erlassen hat. Sie ist wohl «erklärlich aus der Knappheit des Viehbestandes in Deutschland. Sie'lautet fo: K o b l e.n z, 12. Mai. Das S eb ächte n wird bei Schlachtungen, die in öffewt-tichen Schlachthäusern stattfindm, verboten. In den Orten, wo bisher das Schächten angewandt worden ist. kann für die Belange «der jüdischen Bevölkerlmg eine ihrer Kopfzahl im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung entsprechende Zahl von SÄstaMieren zum Schächten -freigegeben werden. Das Nähere haben die Regierungspräsidenten festzusetzen. Zuwiderhandlungen werden mit Gefängnis bis zu einem Jahre, beim Vorliegen mildernder Umstände mit Haft öder Geldstrafe bis zu 1500 Mark bestraft. # Daß unsere inneren Zustände nicht übermäßig erfreulich sind, daß wirklich Knappheit an Fleisch und Butter vorhanden ist, läßt sich gewiß nicht -in Abrede stellen. Unsere wohlb-egründete Hoffnung dagegen beruht in den Aussichten auf eine gute Ernte, «durch die Futtermittel in genügender Menge beschafft werden können. Aber selbst dann, wenn uns noch schwere Monate bevorstehen, die Znhausegebliebenen werden im Ertragen mancher Schwierigkeiten — dessen sind wir sicher . denselben Mut und dieselbe Beharrlichkeit beweisen wie unsere unvergleichlichen Helden im Felde. Sie werden die Entbehrungen ruhig erdulden, die ihnen ainferlegt sind, und an ihrer Stelle ihre Pflicht tun. Dann wird dieser fürchterliche Krieg, der uns nach unserer heiligen Ueberzeugung aufgezwungen und nicht von uns heraufbeschworen ist, mit unserem Triumphe, mit der -endgültigen Niederwerfung unserer Gegner beendet werden. Das Streben Deutschlands ist nie dahin gegangen, der Welt seinen Willen aufzuzwingen und andere zu knechten; wir wollen und werden uns aber nicht in der Zuversicht stören lassen, daß Deutschland seinen ehrenvollen, -gleichberechtigten Platz unter den übrigen Mächten einzunehmen berufen ist, und werden die Hoffnung weiter in uns nähren, daß wir unsere Kräfte in friedlichem Wetteifer mit allen anderen Nationen zu entfalten und weiter zu stärken in «die Lage kommen. Jeder fernere Sieg, jede weitere Niederwerfung der Gegner, jeder Schritt zur Erkenntnis in den Reihen unserer Feinde, daß ihr Bemühen ein vergebliches ist, bringt uns der Verwirklichung dieser Hoffnung näher. | Siegfried ißrünn. | etn von der Heimat, auf einer Reise, auf der er Erholung suchte, ist Siegfried Brünn am 13. d. M. satt an Tagen (er stand nahe den Achtzig) und doch jugendfrisch, lebenskräftig und lebensfreudig gestorben. Ein schlichter Kaufmann, der 48 Jahre langeinem großen Geschäfte, das er zu bedeutendem Ansehen gebracht hatte, Vorstand, und dabei ein Mann, der für die großen Bestrebungen der Zeit -einen offenen Sinn und eine stets bereite Hand besaß. Er war durch den Onkel und Pflegevater seiner Gattin, den unvergessenen Sanitätsrat Reumann, zu tätiger Unterstützung jüdischer Bestrebungen herangezogen worden, für die er von ftüher Jugend an Sinn und Verständnis besaß, und wirkte in einer ganz eigenartigen, großzügigen Weise für alle jüdischen Bestrebungen Berlins und Deutschlands. Er gehörte verschiedenen Berwaltungszweigen der Berliner jüdischen Gemeinde an, z. B. der Armen- und Beranlagungskommission. Er war im Vorstande des D. I. G. B., der Anstalt in Ahlem, der Jüdischen Arbeiter- Kolonie in Weißensee, des Arbeitsnachweises. Außerdem gab es in Berlin wohl kaum einen Verein, in dem er nicht Mitglied war, und keinen, für den er nicht tatkräftig eintrat. In Berlin hat er besonders den Jugendvereinen, der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, der Zunz-Stiftung seine Kräfte gewidmet. Er tat dies nicht bloß mit seinen reichen Mitteln, sondern mit einem feinen Verständnis für die geistigen Bestrebungen. Die Begründung des Hermann-Cohen- Lehrstuhls an der genannten Lehranstalt ist sein eigenes Werk. Einzigartig aber war sein Bestreben,, mit seinem Vermögen Schriften zu unterstützen, ganze Auflagen wichtiger Broschüren und bedeutender Werke aufznkaufen, sie an Jugendvereine, 'Krankenanstalten lind Wohltätigkeitsinstitnte zu verteilen und dadurch Tausenden, die sonst geistiger Nahrung hätten entbehren müsien, eine solche zuzuführen. Er unterschied sich von anderen großen Wohltätern, an denen unsere Gemeinschaft ja glücklicherweise keinen Mangel hat, dadurch, daß er nicht wahllos spendete, obgleich selten eine Bitte von ihm unerhört blieb, sondern dadurch, daß er in seinen Unterstützungen sich große Ziele setzte. M.it ihm zusammenznarbeiten war eine Freude. Er wollte nicht durch Reden glänzen, aber in Dingen, die er besser verstand als andere, gab er in einfachen Worten seinen wohlbegründeten Rat, dem alle gern folgten. Ein Wohltäter großen Stils ist mit ihm dahingegangen. Sein Tod erregt allgemeine Trauer weit über die Grenzen Berlins hinaus. Die ungeheure Beteiligung an seinem Leichenbegängnis, das in Weißensee am 18. Mai stattfand, bei dem die innige, geistsprühende Predigt Warschauers/die ergreifende Rede Hermann Cohens, des mit ihm innig befreundeten Gelehrten, und die begeisterte Ansprache des Vertreters der Jugendvereine in großen Zügen das Bild des Verstorbenen zeichneten, gab Zeugnis von der Achtung und Verehrung, deren sich der Verstorbene in weitesten Kreisen erfreute. Möge sein Andenken zum Segen.gereichen, wie sein Wirken ein gesegnetes war! L. G.