Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
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243 Dies wird bewiesen durch den neuerlich -in größeren: Umfange zutage getretenen Geschäftsverkehr zwischen Odessaer Geschäftsleuten und Belsorter und Lyoner Geschäftshäusern. Es sind große Bestellungen französischer Warenmuster gemacht worden, deren Sendungen spätestens innerhalb dreier Monate erfolgen sollen. Ein weiteres Zeichen dieser Friedenserwartungen zeigt sich auch in einer Rede, die der Präsident Wilson gehalten hat. Er weist zunächst daraus hin, daß die Amerikaner für sich den Frieden zu erhalten wünschen, dann aber auch darauf, daß Amerika die Pflicht habe, den Nationen den Frieden ju. bringen. „Wir find", so schloß er seine Rede, „alle in derselben Not. Wenn niemand übrigbleibt, der den Frieden vermitteln und zur Ruhe ermahnen kann, wo soll dam: die Welt den Einiger finden, der unparteiisch genug ist, nach Kriegsende eine Lösung zu finden?" Endlich mag, außer den Gerüchten, die man mit des Kaisers Aufenthalt in Berlin verbindet, auf die Tatsache hingewiesen werden, daß zwischen dem Papst und dem König von Spanien einerseits und den: Papst und Wilson andererseits Verhandlungen zur Herbeiführung des Friedens geführt werden. Das Hauptziel sei zunächst, die .Kriegführenden zu einem Waffenstillstand zu veranlassen. Weniger bescheiden als die leitenden Staatsmänner Frankreichs und Englands sind freilich die einzelnen Schriftsteller der betreffenden Länder. In Frankreich allerdings mehren sich die Stimmen, die unbedingt zuin Frieden raten. Ein Franzose hat in einer Zeitschrift „Le Bonnet Rouge" seinen Landsleuten folgende bittere Wahrheit verkündet: „Bei jeder Gelegenheit hat mm: uns vorgeschwntzt: G ednld! > Die Zeit arbeitet für uns. Die russische Dampfwalze blieb stecken, j wir verließen Gatlipoli und die Dardanellen. Deutschland vereinigt I sich :nit der Türkei, Serbien und Montenegro verschwinde::, Albanien j ist fast völlig in den Händen der Oesterreicher. Die Bagdad-Erpeditivn endet mit Knt el Aniara. Was tnt es? Die Zeit arbeitet für llns! Die Fabriken sind geschlossen, die Spitäler überfüllt, da>7 Land starrt von Grabkreuzen: Die Zeit arbeitet für uns! Aber :uan hat uns wieder einmal belogen. Lloyd George hat zu seinen Landsleuten in Wales gesagt: Die Zeit ist kein Verbündeter. Sie ist jetzt höchstens ein zweifelhafter Neutraler! So übertönt von Zeit zu Zeit die Wahrheit mit einen: lauten Nus das betäubende G e - schwätz der Lüge und gibt uns plötzlich tief zu denken." In England dagegen wünscht Herr Wickham Steed in einer Zeitschrift ein auf Deutschlands Kosten vergrößertes Belgien und ein aus Oesterreichs Kosten zu errichtendes südslawisches Reich. Er verlangt ferner, daß Polen an Rußland zurückgegeben werde, Siebenbürgen und die Buckowina an Rumänien, für Frankreich will er Elsaß-Lothringen, Italien will er Trient, das Küstenland Lissa, Pola, Balona zufprechen, und mm: mag nur froh sein, daß er Triest und Fiume von den abzutretenden Gebieten ausschließt. Solche papierne Vorschläge können wir nur mit Hohnlachen registrieren. Denn die Verhältnisse, wie sie augenblicklich sind, lassen dieses Ganze als törichten Traum erscheinen.. Die Kriegsereignisse sehen nicht so aus, als wenn irgendeine Aussicht auf Deutschlands Niederlage bevorstünde. In Frankreich geht unser Angriff, wenn auch langsam, so doch stetig vorwärts. Und die letzten Tage haben von sehr schönen Erfolgen der Oesterreicher in Italien berichtet. Manche gewaltige Höhen und zwei italienische Panzerstellungen sind von den Oesterreichern genommen worden; es wurden über 23 000 Gefangene gemacht, außerdem fast 200 Offiziere und eine ungeheuere Zahl von Maschinengewehren und Geschützen den Gegnern genommen. Dies geschah unmittelbar vor deu: Tage, an welchem sich die italienische Kriegserklärung an Oesterreich führte, gerade zu der Zeit, in der sich die Italiener vorbereiteten, in Rom große Feste zu feiern, au denen sie mit der Ausstellung von Kriegstrophäen und mit den üblichen bombastischen Reden ihren gegenwärtigen Sieg und ihren künftigen endgültigen Triumph der Welt vorsühren wollten. Man kann unseren tapferen Verbündeten nur die Fortsetzung ihres rühmlichen Streben? wünschen, damit den Italienern, deren vernünftige Politiker schon längst das gänzlich Erfolglose ihrer verräterischen Anstrengungen merkten, endlich die Anger: geöffnet werden. In Rußland ist es völlig still geworden. Tie Russen, die auf jede Offensive verzichtet zu haben scheinen, wollen zunächst nur ihre Kassen füllen, und da eine innere Anleihe gescheitert ist, so bemühen sie sich von auswärts her, sich Geld zu verschaffen. Eine neue Reise des russischen Finanzministers, der freilich von seinen früheren Ausflügen ohne jeden Erfolg znrückgekehrt ist, hatte deu Zweck, sich amerikanisches Geld zu verschaffen, da die englischen und französischen Finanzleute nicht gewillt zu sein scheinen, dem Verbündeten neue Gelder vorzustrecken. * Der dents ch e K o n f l i k t m i t A m e r i k a ist einstweilen gehoben. Doch bereitet sich, wie wir hoffen, eine Spannung zwischen Amerika und England vor: denn die Vereinigten Staaten sind, wie man erwarten darf, jetzt, freilich erst sehr spät, zu der Erkenntnis gekommen, daß es ihrer Würde nicht entspricht, sich die Vergewaltigungen seitens Englands weiter gefallen zu lassen. Sie haben energisch gegen die Znrückhaltnng ihrer Post in England protestiert; Engknnd hat einstweilen beruhigende, aber sehr allgeinein abgesasste Erklärungen abgegeben, und es ist dringend zu wünschen, daß sich die Vereinigten Staaten mit diesen perfiden Beschwichtigungsversuchen nicht begnügen, sondern ans Taten dringe::, die Englands Wohlverhalten zeigen. Daß ein amerikanisch-deutscher Krieg, der glücklicherweise einstweilen beseitigt zu sein scheint, auch für die i n A n: er i k a lebenden Inden von sehr schlirnmen Folge:: sein würde, zeigt ein Artikel von Richard Weiß in der „Jüdischen Presse". Er faßt seine Meinung wie folgt znsaunnen: Bon den mehr als zwei Millionen amerikanischer Inden ist nur ein winziger Bruchteil in den: Maße anglisiert, das; er seine Sympathie!: restlos der Entente verschriebe!: hat. Tie üverloältigeude Mehrheit, fast durchweg ostj irdischer Abstammung, die ihrer jüdische!: Kultur treu geblieben ist, auch aus dem Boden der Neuen Wett ihre Sprache :n:d Literatur pflegt und ihre völkische Eigenart nicht anszugeben gewillt ist, diese besonders in New. Park sehr einflußreiche Masse hat von Kriegsbegi.:::: ai: den von Deutschland geführte!: Kamp: gegen den russischen Bedrücker mit unverhohlener Freude verfolgt :n:d hat ans ihre:: Sympathien für Deutschland kein Hehl geniacht. Sollte Amerika sich entschließen, an den kriegerische!: Ereignisse!: aktiv teilzuuehmen, so wäre der Konflikt für den jüdischen Bevölkerungsteil nicht weniger gegeben als für den deutschen m:d irischen. Es ist ganz undenkbar, daß die amernkanischen Inden eine Politik vorbehaltlos unterstütze!: würden, die konseguenterweise auch daraus bedacht sein müßte, die russischen Interessen zu fördern und der Zertrümmerung der Türkei Vorschub zn leisten, Palästina sowohl wie Polen sind Probleme, die unter Berücksichtigung der jüdischen Interessen von der Entente uicfjt gelöst werden können. Ein Frankreich znfallendes Syrien oder ein deu: russischen Bedrücker wieder ansgeliefertes Polen würden mit einem Schlage alle jüdischen Zukunfts- Hoffnungen zunichte machen. Es wäre erwünscht, daß diese gewiß nicht bedeutungslose Tatsache von den deutschen Politiker!: in gebührender Weise berücksichtigt wird. * In Amerika ist der jüdische Dichter, der unter dem Namen Scholen: Alechem schrieb ::nd über dessen Produktionen wir in letzter Zeit mannigfach berichtet haben, gestorben. DaS „Berliner Tageblatt" weiß darüber Nachstehendes zu erzählen: Ans New Uork wird durch ein Nndiotclegraunn: gemeldet, daß an: 18. Mai der jüdische Dichter Scholen: Alechen: gestorben ist. Schalem Alechen: (Schatom Rab-iiww lisch), geboren 1859 in Perjastalo (Gouvernement Poltawa, Rußland) genoß bis zn seinem 15.Lebensjahre