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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-26 · Heft 21 (26.5.1916) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 21 (26.5.1916)
Date
1916-05-26
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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242 Aber die Bibel begnügt sich nicht mit Warnungen und Verboten, die wohl weiteren Schaden verhüten, aber das Unheil selbst noch nicht beheben können. Sie verlangt tatkräftiges Handeln. Ist doch der Kerngedanke aller ihrer sozialen Bestimmungen in den Worten zum Ausdruck gebracht: „daß dein Bruder lebe neben dir." Daß er lebe - n e b e n di r! Daß er ein Recht hat aus ein menschenwürdiges Dasein als ein Menschenskind wie du, als ein Gotteskind gleich dir! Daß es deine Pflicht ist, deine Menschenpflicht, deine Kottespflicht, ihm dieses Dasein zu erhalten! Aber noch mehr. Daß er lebe als dein Bruder neben dir! Als dein Bruder! In seiner Bruderwürde, in seinem Brnderstolz! Als dein Bruder und nicht als dein willenloses Werkzeug, stets zu unterwürfigem Danke verpflichtet für alles, was er ist und was er hat. „Wenn dein Bruder verarmt und seine Hand sinkt neben dir, so sollst du ihn in Kraft erhalten" — und so darf auch deine Hilfe keine Demütigung für ihn sein! Zedakah, „Gerechtigkeit", so wird darum selbst ein Almosen genannt, ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit, um wiederaufzubauen, was schuldlos zerstört war. Aus diesem Gedanken einer allsgleichenden Gerechtigkeit gingen jene berühmten Gesetze sozialer Fürsorge hervor, die ill dem Kapitel, bem unser Schriftwort entstarmnt, all llns vorbeiziehen. Das siebente Jahr, das Sabbatjahr, das jedem, a.llch denr Besitzlosen, deln Einheimischen wie dem Fremdling, ctncit Anteil am Ertrag gab; das Erlaßjahr, das einem übermäßigen Anwachsen der Schlltden Vorbeugen wollte; das Jubeljahr, das dauernde Verschuldung verhindern sollte; die Einlösung verschllkdetell Besitzes und anderes. Ob diese Bestilnlnllngen und Einrichtllngen schon die letzte Lösung des Problems sind, ob sie hellte noch ausführbar wären, darauf kommt es gar nicht an. Sie lvaren ein Weg ansgleichender Gerechtigkeit, ein Weg znm sozialen Frieden, ein leuchtendes Beispiel für alte Zeit! Sie lehren llns heute, daß Mittel und Wege gefllnden werdell fönncn und gefunden Ni erden müssen, daß „dein Bruder lebe lieben dir", mag die Kriegsnot ihn hilflos gemacht haben dllrch Schaden an seinem Körper, mag sie ihm svllstwie die Aufrechterhaltnng eines würdigen Daseins zu sehr erschwert haben. Aber noch eines müfsen wir in unserem Schriftwort hervorheben. „Er sei Fremdling, er sei B ei s aß." Ta, wo die Not anklopft und die Hand des andern sinkt, sein Menschenlos, seine Menschenwürde gefährdet sind, — da gibt es nicht erst die Frage nach Glaube und Gesinnung, nach Stand llnd Herkunft, da ist jeder, als deiner bedürftig, dein Menschenbrllder! Man hat bezweifelt, ob sich die Nächstenliebe llnserer Bibel so weit erstreckt. Wir erkennen gern an, daß die Nächstenliebe in weitem Maße auch in anderen Religionen gefordert wird, llnd wir würden ebensogern anerkennen, wenn man in diese Liebe, so wie sie gepredigt wird, auch unsere Glallbensbrüder allüberall einschließen würde. So sollte man auch gern hören und anerkennen, wie wir die Nächstenliebe auffassen und betätigen. Wir aber wissen, daß das ganz im Sinne unserer Bibel ist, die in die Nächstenliebe zuerst auch den Fremdling eingeschlossen und die Liebe des Fremdlings fordert, „weil auch ihr Fremdlinge wäret im Lande Aegypten", selbst des Fremdlings also, der uns gegenübersteht wie der Israelit dein Aegypter. Die Hauptsache aber ist, wir wollen in diesem Sinne handeln! Diese Zeit hat uns mehr noch als vordem mit allen in unserem Vaterlande als Brüder nebeneinander gestellt. So wissen wir, wie wir heute das Wort verstehen und beherzigen sollen: „Dein Bruder soll leben neben dir!" Sir Woche. Berlin, den 23. Mai 1916. nsere Gegner beginnen merkwürdig kleinlaut zu werden. Während vor wenigen Monaten Herr Asquith als Kriegsziel die Zertrümmerung Deutschlands, die Versagung der Hohenzollern verkündete, ein Bild des verkleinerten Deutschlands ausmalte, eine so völlig erschreckende Umgestaltung ganz Europas, daß man diese übertriebene Phantasie als tollen Wahnsinnsspuk belächeln mußte, hat Herr Grey vor wenigen Tagen erklärt, daß es ein Wahnsinn sei, Deutschland zerstören zu wollen, und daß das einzige Ziel des Krieges die Wiederherstellung Serbiens und Belgiens sein müßte. Allerdings sprach er auch davon, daß Deutschland weitestgehenden Ersatz für das von ihm angeblich begangene Unrecht leisten müßte, aber nicht einmal die Rückgabe von Polen wurde verlangt. Ueber Elsaß-Lothringen war der englische Diplomat ganz still. In ähnlicher Weise sprach sich Herr Poincarö aus. Auch er, der natürlich in erster Linie wie seine Landsleute früher die Rückgabe von Elsaß-Lothringen als selbstverständlich gefordert hatte, hat in einer Rede, die er kürzlich in Nancy gehalten hat, kein Wort davon gesprochen, sondern nur von einem Frieden geredet, „der für die wiederhergestellten Rechte eine ernsthafte Gewähr für seine Dauer empfängt". Da die Herren eben sehen, daß sie mit Waffengewalt nichts ansrichten —sie bauen ihre Pläne nun einzig und allein ans die Erschöpfung oder Aushungerung Deutschlands - , se werden sie bescheiden, ohne freilich ihre Lügen zu' lassen und ihren Hochmut zu mindern. Die Lüge tritt darin hervor, daß sie immer weiter davon reden, daß nur Deutschland diese fürchterliche Umwälzung hervorgerufen habe und daß sie sich fälschlich aufspielen als Verteidiger der kleinen und neutralen Staaten. Daß das erste eine dreiste Geschichtsfälschung ist, wird die Zukunft beweisen; sie wird dartun, daß der Neid Englands auf die Entwicklung Deutschlands und die Revanchegelüste Frankreichs die einzige Ursache des Krieges sind. In welch geradezu niederträchtiger Weise England vorgeht, beweist der neuerlich bekannte Fall, betreffend die Versenkung der „Tnbantia". Sie ist allerdings torpediert worden, und zwar durch ein deutsches Geschoß. Dieses ist aber nicht ain 16. März von den Deutschen gegen das holländische Schiff angewendet worden, sondern wahrscheinlich am 6. März gegen ein englisches. Es hatte sein Ziel verfehlt, ist von den Engländern aufgefischt und von ihnen gegen das Schiff einer neutralen Nation verwendet worden. Das ist der Gipfel des Verbrechens und der Ehrlosigkeit, und eine Nation, die derartiges zu tun wagt, hat die Dreistigkeit, sich als Retter der kleinen Staaten und als Beschützer der Freiheit aufzuspielen. Der Freiheit! Denn England und Frankreich wagen es jetzt, sich auch als diejenigen aufzuspielen, welche berufen sind, Deutschland die Freiheit zu geben. Die Herren, die sich als Freiheitsbringer darstellen, mögen über die zukünftige Gestaltung Deutschlands sich nicht die Köpfe zerbrechen. Deutschland hat bisher in seiner inneren Entwicklung keinerlei Helfer gebraucht und wird nach dem wiederhergestellten Frieden in sich die Kraft besitzen, sich dasjenige Maß der Freiheit zu verschaffen, dessen cs bedarf. Wie in den Reden der englischen und französischen Staatsmänner, in denen sich die Ohnmacht hinter hochtönenden Phrasen verbirgt, das Verlangen nach Frieden sich deutlich ausspricht, so wird dieses tiefe Friedensbedürfnis, das überall herrscht, auch aus anderen Zeugnissen klar. Als ein solches Zeugnis mag z. B. erwähnt werden, daß die russische Geschäftswelt von der Ansicht durchdrungen ist, daß der Krieg noch im laufenden Jahre zu Ende gehen muß.

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