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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-26 · Heft 21 (26.5.1916) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 21 (26.5.1916)
Date
1916-05-26
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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80. Jahrgang Nr. 21 Allgemeine Berlin, 26. Mai 1916 eitung des Judentums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s«pre^s>. durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin unv Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig PHMppson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf rnosfe, Berlin. Hflhfllt* Kriegswucher. Von Prediger Dr. Lehmann. — Die tjllljull« Woche. — Siegfried Brünn. Von L. G. — Friede unter den Konfessionen auch in der Garnison. Von K. — Meine Eindrücke in Monastir an den letzten Pessachtagen. Von Feldrabbiner Dr. Jacob Sänger. — Erinnerungen an Frau Rabbiner Berta Ziemlich. Von Treitel, Laupheim. — Feuilleton: Auge um Auge. Russischer Sozialroman von M. Pul der mann. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. Dev Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"!. Berlin, Königsberg i. Pr, Posen, Hamburg, Oldenburg, Nürnberg. Frankfurt a. M., Mainz, Aus Baden, Wien. — Von Nah und Fern. Lriegswucher. Von Prediger Dr. L e h m n n n. ie uns unsere Bibel Führerin sein konnte in all den großen Fragen des Krieges, wo sein Recht und seine Ziele wie dis Art seiner Führung in Tapferkeit und zugleich in Menschlichkeit in Betracht kamen, so kann uns unsere Bibel auch Führerin sein, wenn es sich darum handelt, den Nöten und Beschwerden zu begegnen, die der Krieg, je länger er sich hinzieht, auch für die Nichtkämpfenden in immer steigendem Maße herbeiführt. Hat doch die Bibel erkannt, daß Nöte und Beschwerden, durch die die Gegensätze der Lebensinteressen vergrößert^ werden, den inneren Frieden bedrohen, und war es doch eine ihrer hauptsächlichsten Aufgaben, Mittel und Wege zu suchen, um durch ausgleichende Gerechtigkeit den inneren Frieden zu sichern zum Heile des einzelnen wie der Gesamtheit. Daher sind die Schriftworte, die wir in der vorletzten Woche im Gotteshause hörten, für die Nöte der Gegenwart von besonderer Bedeutung. Gehören diese Sätze doch auch mit Recht zu den Ruhmesblättern der Bibel, die, wie mit goldenen Lettern geschrieben, gleich dem Zehnwort über die Jahrtausende hinwegleuchten und unsere Zukunftspfade noch erhellen können. Greisen wir nur einen Satz heraus aus der Fülle des Gebotenen, der den Grundgedanken des ganzen Kapitels widcrspiegelt und der als ernstes Mahnwort an unser Ohr klingen, in unser Herz dringen soll. „Wenn dein Bruder verarmt und seine Hand sinkt neben dir, so sollst du ihn in Kraft erhalten, sei er auch Fremdling oder Beisaß, aus daß er lebe neben dir. Du sollst von ihm nicht Zins nehmen noch Wucher — fürchte dich vor deinem Gotte —, auf daß dein Bruder lebe neben dir. Dein Geld sollst dn ihm nicht geben auf Zins und auf Wucher sollst du nicht geben deine Speise. Ich bin der Ewige, euer Gott, der euch herausgeführt aus dem Lande Aegypten, um euch das Land llanaan zu geben, auf daß ich euer Gott bin." „Wenn dein Bruder verarmt." Die Armut ist also nicht das Natürliche, keine Naturgewalt, der sich der Mensch als etwas Unabänderlichem beugen muß. Sondern die Armut ist ein Notzustand, der durch irgendeinen Zufall geschaffen ist und der durch tatkräftiges Handeln beseitigt werden kann und beseitigt werden muß. In erster Linie dadurch, daß du den Notzustand deines Bruders uidjt ausnutzest, aus seiner Hilflosigkeit nicht für dich noch einen Gewinn ziehst und so das Joch, das ihn nicderdrückt, noch schwerer machst. „Dein Geld sollst du ihm nicht auf Zins geben und nicht auf Wucher deine Speise." Man hat es so dargestellt, als ob das Gegenteil israelitischer Brauch gewesen sei. Man hat mit Absicht übersehen, wie man die Juden im späteren Mittelalter systematisch ausschloß von Ackerbau, Handwerk und allem ehrlichen Gewerbe und sie zwang, zu Erwerbsarten zu greifen, die man, obwohl man sie für schimpflich hielt, selbst in weitem Maße getrieben hatte. Und das alles nur, wie ein gerecht denkender nichtjüdischer Historiker sagt, um die Juden als Schwamm zu benutzen, den man sich für Momente vollsaugen ließ, um ihn dann gleich darauf zugunsten von Regierungen und Einzelgewalten in hinterlistiger und gewaltsamer Weise anszupressen. Nein, israelitisch war das nicht, weder dieser Zwang noch wozu man die Juden gezwungen. Was israelitisch war, das zeigt uns unser Schriftwort: „dein Geld nicht auf Zins und deine Speise nicht auf Wucher." Und wer dagegen fehlte, der konnte keinen Anspruch auf Frömmigkeit, auf gottesfürchtigen Lebenswandel mehr erheben, wie der Sänger des 15. Psalms es ausspricht. „Herr, wer darf in Deinem Zelte ivcilen, wer auf Deinem Berge wohnen?" — wer sein Geld nicht auf Zins gibt! Mochte es nun Zins sein auf Geld, das in dem Bauernstaat noch keinen Handelswert hatte, das aber, wo es zu Handelszwecken in späterer Zeit einen berechtigten Zins bringen konnte, doch nie zu Wucherzwecken dienen durfte. Mochte es Wucher mit Land sein, wie ihn der Prophet Jesaia aufs schärfste gebrandmarkt hat, indem er den Bodenwucherern zuries: „Wehe denen, die Haus an Haus reihen, Acker zu Acker fügen, bis daß kein Platz mehr ist und ihr allein im Lande wohnt!" Mochte es endlich Wucher mit Lebensmitteln sein, wie ihn unser Schristwvrt kennzeichnet und wie ihn der Prophet Amos mit schärfstem Worte gerügt hat: „Höret dieses, die ihr dem Dürftigen nachstellt, die ihr versucht, die Armen im Lande zugrunde zu richten ... die ihr das Maß ganz klein und die Münze ganz groß haben wollt, die ihr die Wage fälscht und den Abfall verkauft vom Getreide." Und neben dem Drohwort das Segcnswort des Spruchdichters, das wir heute gern recht oft anwenden möchten. „Wer Getreide zurückhält, den verwünscht das Volk, aber Segen über das Haupt dessen, der die Nahrungsmittel wohlfeil abgibt!"

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