Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1916)
- Date
- 1916-05-19
- Page
- Seite 240 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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240 um nicht, wie schon so oft, unvermutet überrumpelt und wie die Natten im Loche ersäuft zu werden. Außerdem reichten wir bei Torakow eine „gewichtige" Eingabe ein und baten um seinen Schutz. Er schmunzelte vergnügt bei dem Anblick der Rubelscheine, und als er diese eingesteckt hatte, speiste er uns mit leeren Redensarten ab: wir hätten keinerlei Grund zu Befürchtungen, wir sähen Gespenster, und er werde schon für unsere Sicherheit Sorge tragen. Wir konnten also nichts weiter tun und mußten uns mit dem Versprechen begnügen. Wir Paßten aber weiter gut auf-eine Woche, zwei Wochen, drei Wochen-, bis wir vor Aufregung müde und matt wurden und schließlich ganz froh waren, durch die scheinbar herrschende Ruhe unsere Besorgnis erschläfern zu können- — Aber auch die Hunde hatten gut aufgepaßt, und in einer bitterkalten Winternacht, als sie merkten, daß unsere Wachsamkeit nachgelassen, da brach der Sturm über uns herein. Nur wenige Juden konnten sich zur Wehr setzen, die meisten, und mit ihnen deine Eltern, flohen aus der Stadt, von der schwachen Hoffnung beseelt, draußen irgendwo ein Unterkommen zu finden. Jeder hoffte, Torakow werde, seines Versprechens eingedenk, sofort das Militär aufbieten, um die Ruhe wiederherzustellen. Und wirklich stürmten bald ein Paar hundert Kosaken nach dem Städtchen, die die Juden — mit ihrer Knute bearbeiteten, weil sie durch ihre Flucht einen panischen Schrecken unter den Christen verbreitet hätten. Den wilden asiatischen Horden war es nicht schwer, viele von uns wieder nach der Stadt zurückzupeitschen, wo sie von dem rasenden Pöbel halbtot mißhandelt wurden; vielen aber war es doch gelungen, der Knute zu entgehen, indem sie sich tiefer im Walde verbargen. Deine Eltern befanden sich unter ihnen. Nach drei Tagen, als der Pöbel genug geplündert und ausgetobt hatte, kehrten die meisten wieder zurück; doch deine Eltern waren nicht dabei. In einer solchen Bedrängnis, wo jeder für das eigene Leben zittert, hört jedes Mitleid, jedes Erbarmen auf. Keiner hatte sich um die zwei alten Menschen gekümmert. Sicherlich waren sie plan- und ziellos im Walde herumgewandert, bis sie vor Angst, Hunger und Kälte ihren Geist aufgaben. Nach mehrtägigem Suchen fanden wir sie, starr und steif, als Leichen, noch im Tode sich fest umschlungen haltend. So, Gabriel, starben deine Eltern. Torakows niederträchtige Heuchelei, ja, wie es sich später herausgestellt, sein direktes Anstiften, hat sie in den Tod getrieben." Schon während Baruchs Erzählung hatten sich Gabriels Augen mit Tränen gefüllt und ein krampfhaftes Beben erschütterte seinen Körper. Es dauerte lange, ehe ec mit schluchzender Stimme die Worte hervorstoßen konnte: „Baruch, warum hast du mich dieses alles nicht bald ivissen lassen?" „Wozu? Weißt du denn, was geschehen wäre? Ich will es dir sagen. Mit sinnloser Wut wärst du hergeeilt, gewaltsam hättest du dir einen Weg zum Mörder gebahnt, du hättest gezetert, du hättest zwei oder drei Minuten deiner Zunge freien Lauf gelassen — länger würden seine Myrmidonen dir keine Zeit gelassen haben, was aber dann? Ketten, Gefängnis, ein unterirdisches Pestloch, Sibirien, lebendig begraben, wenn nicht gar der Galgen! Sage selbst, Gabriel, wäre der Luxus, einem tyrannischen Schurken einige Verwünschungen ins Gesicht zu schleudern, um einen solchen Preis nicht zu teuer erkauft? -- Nein, Gabriel, ich war nicht der Idiot." Gabriel hatte sich inzwischen so weit gesammelt, um eine ruhige Antwort geben zu können. „Nein, du bist kein Idiot, aber ein kaltherziger Verbrecher! Und wäre es selbst mein sicherer Tod gewesen-du durftest nicht das Höllenseuer unbefriedigter Rache in meiner Brust entfachen und meine heiligste Kindespflicht in die ungewisse Ferne hinausschieben ..." „Um Gottes willen, mäßige dich und höre auf zu rasen," unterbrach ihn Baruch, indem er Gabriel neben sich niederzog, so daß er dessen Beben am eigenen Körper verspürte. Gabriel schien sich endlich so weit beruhigt zu haben, und nur noch sein leises Klagen: „Meine armen, armen Eltern!" war vernehmbar. „Was soll ich jetzt tun, Baruch?" fragte er tonlos. „Nichts," war die lakonische Antwort. „Du lügst!" rief Gabriel wieder aufbrausend. „Ich weiß es bestimmt, daß du irgendeinen Zweck verfolgst, daß du eine bestimmte Tat von mir erwartest, oder es wäre auch heute keine Silbe von alledem über deine Lippen gekommen. Sage mir also gleich, was du von mir erwartest?" Baruch zog den Freund noch dichter an sich heran; in Gabriels keuchenden Atemzügen glaubte er den unversöhnlichen Haß gegen Torakow zu erkennen und darum hielt er mit seiner Antwort nicht länger zurück. „Du hast recht, mein bisheriges Schweigen sowohl als auch mein jetziges Reden ist nicht unabsichtlich geschehen. Das erstere habe ich dir doch schon erklärt; es kommt noch hinzu, daß ich mich nicht stark genug fühlte, auch dich dem moralischen Tod entgegenzuführen, zu dem ich selbst verurteilt bin. Nun aber höre den Grund auch für das zweite. Du kannst es dir denken, Gabriel, daß ich mich mit dir viel und oft im Geiste beschäftigt habe; das rebellische Herz läßt sich nicht so leicht zur Ruhe zwingen. Heute besonders habe ich den ganzen Tag an dich denken müssen — warum heute mehr als sonst, weiß ich selbst nicht —, als du aber so plötzlich und unerivartet vor mir standest und als ich auch von dir erfuhr, zu wem du gekommen bist, da schoß mir der Gedanke blitzartig durch den Kopf, daß der Himmel vielleicht endlich Zeit gefunden, die verworrenen Pläne der Erdenpilger wieder gevadezurichten, und du, Gabriel, sollst das Werkzeug dazu sein. Aber ich weiß nicht..." „Warum quälst du mich erst mit der langen Einleitung," unterbrach ihn Gabriel voller Wut. „Sprich endlich, was geschehen soll!" (Fortsetzung folgt.) Sprkchsgsl. Berlin-Pankow, 10. Mai. Redaktion der „Allgemeinen Zeitung ^des Judentums", Berlin. Berehrliche Redaktion! Im Interesse meiner Berufskollegen, d. h. 'der jüdischen Lehrer, die zur militärischen Dienstpflicht eingezogen, bitte ich Sie, folgenden Briefe den ich soeben von meinem mir amtlich, Vorgesetzten Schulrat, der als Hauptmann d. L. jetzt das Schulwesen in Kurland leitet, erhalten habe, in Ihrer geschätzten Zeitung zu veröffentlichen. Hochachtungsvoll Grunwald, Berlin-Pankow. Mitau, den 5. Mai 1916. Abein lieber Herr Direktor! Heute in aller Eile eine amtliche Anfrage. Für die jüdisch-deutsche Schule in Libau brauchen wir einen jüdischen, dauernd garnijondienstsähigen Lehrer. Der betreffende Herr mich Soldat gewesen sein oder vielmehr noch sein, damit die Gehaltsfrage leicht gelöst werden kann. So machen wir es in allen Fällen. Der betreffende Herr wird sicherlich auch Leitungsbefugnisse bekommen. Geben Sie mir, bitte, bald Nachricht. Der Bewerber muß seinen Truppenteil genau angeben. Herzliche Grüße Ihnen und Ihrer lieben Gattin Ihr alter Düring, Hauptmann d. L., Deutsche Verwaltung, Mitau, Kurland.