Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1916)
- Date
- 1916-05-19
- Page
- Seite 238 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Wer die Berge famt bezwingen, Wen ein flinkes Roß getragen, Wer sich auf den Mast will wagen, Toll die Beine uns verdingen. Eure Künste, euer Streben, Eure festen Daseinsplätze, Eure Häuser, eure Schätze Heischen wir und: euer Leben! Euer Leben, daß nicht sterbe Bäterart und Vätererbe. Macht den Tempel wieder rein, Laßt nns Makkabäer sein! L. G. ftus Ißrirfrn gs!j?jlcher und ruMlchrr Juden. as gräßliche Elend und die furchtbaren Leiden, die der Krieg über die Inden in Osteuropa gebracht hat, sind auch in diesem Blatte wiederholt geschildert worden, so daß der Leser wohl im allgemeinen vertraut sein dürfte mit der überaus traurigen Lage, in der sich unsere Glaubensgenossen im Zarenreiche, in Polen, Galizien usw. befinden. Wie es aber im einzelnen sich verhält mit den Anschauungen über das Heute und Morgen, mit den Eindrücken, welche die erlebten und erlittenen Quälen auf die Denkweise der Unglücklichen hervorgerufen haben, davon kann man sich erst einen Begriff machen, wenn man die Briefe liest, die viele von ihnen an Verwandte und Freunde in Amerika geschrieben haben und die zum Teil in dortigen Jargonzeitungen veröffentlicht worden sind. Mir liegt eine ganze Reihe dieser Blätter vor. Ich entnehme denselben die nachstehenden Auszüge: Ein Jude von Dobrczin schreibt einem gewissen Max Friedmann in New Jork schon im Anfang des Krieges: „Wir sind allsgewandert von Stry nach Ungarn und sind schon drei Wochen hier. Die Russen haben Galizien genommen. Ich habe mein ganzes Vermögen dort zurückgelassen und nur so viel mitgenommen, als ich mit meinen Händen tragen konnte. Vierzehn Jahre habe ich in Galizien gearbeitet, und jetzt habe ich alles im Stiche lassen und wie ein Zigeuner answandern müssen. Weiter ziehen kann ich nicht, weil man uns in Ungarn nicht überall hereinläßt. Schreibe mir gleich, was ich tun soll. Soll ich vielleicht nach Amerika kommen?" Ein späterer Brief bringt die traurige Nachricht, daß die Juden auch in Ungarn nicht bleiben dürfen. Aus einem ungarischen Dorfe erhält ein gewisser Bärel Linienfeld von seiner Schwester, die jahrelang in Durowno (Galizien) gewohnt hatte, ein Schreiben, in dem es u. a. heißt: „Uns geht es viel schlimmer als den Toten. Wir bitten unaufhörlich um den Tod. Ganz Galizien ist ausgewandert, fort, soweit die Füße uns tragen konnten. Schon drei Wochen bin ich fort von zu Hause. Bruder Mvrdechai ist eine Woche früher fort als ich. Wo unsere Schwestern hingekommen sind, weiß ich nicht. Mvrdechai habe ich getroffen in einem Dorfe bei Munkacs, aber dort durften wir nicht bleiben, weshalb wir weiterzogen. Gott weiß, was aus nns werden wird." Simon Friedmann aus New Uork erhielt einen Brief von seinem Vater mit folgendem Wortlaut: „Jetzt erst, da wir schon in die Nähe von Wien gekonunen sind, kann ich Dir schreiben, was mit uns geschieht. Von Warachta hat man uns geheißen abfahren. Manche begaben sich nach Wien, manche nach Ungarn, zerstreut und vertrieben über die ganze Welt, in Ortschaften untergebracht, wo unsere Ahnen und Urahnen niemals gewesen sind. Dienstag früh sind wir von zu Hause fort. Am Sonntag früh kamen >vir nach Ungarn, ivv man uns nicht duldete, und am Vorabend des Rösch haschonvh mußten wir fort. Acht Tage und acht Nächte schleppten wir uns fort in offenen Wagen und lebten ausschließlich von trockenem Brot. Schreckliche Szenen sahen wir dort. Kinder treiben sich herum in den Straßen und suchen ihre Eltern. Frauen suchen ihre Männer, und Männer suchen ihre Frauen. Man ist wie in einem Gefängnis -- man darf nicht hinaus. Juden sind keine hier. Essen bekommt man nicht, weil alles trefah ist. Wir haben ganze Tage nichts als trockene Kartoffeln." Zahlreiche Juden haben sich nach Budapest begeben. Einer von ihnen schreibt: „Ten letzten Brief habe ich Ihnen aus Stry geschrieben. Aber der Feind hat uns von dort vertrieben, und wir mußten alle nach Budapest fliehen. Bon unserer Stadt Husiatyn sind wir kaum mit dem Leben nach Trembowli gekommen. Dort waren wir zwei Wochen lang, als der Feind wiederum verrückte, so daß wir an einem Sabbatabend entlaufen mußten. Von meinem Vermögen ist nichts mehr vorhanden. Alles ist durch Feuer zerstört worden. Was in den Kellern, Kamniern und Läden aufgespeichert war, wurde geraubt. Wir hatten nichts mehr als die Hemden auf dem Leib. Husiatyn ist jetzt ein Kirchhof. Aus allen Städten zwischen Husiatyn und Lemberg sind die Juden geflohen. Gott soll nur helfen, daß unser lieber, treuer Monarch de» Sieg davonirägt. Das wird für uns wenigstens ein gewisser Trost sein." Ein jüdischer Lehrer aus Jekaterinoslaw schrieb u. a.: „Es ist möglich, daß dies mein letzter Brief ist. Es kann auch wohl der Fall sein, daß ich schon in einer besseren Welt sein werde, wenn Du den Brief erhältst. Der Todesengel herrscht heute über Rußland. Wo man geht und wo man steht, sieht man bloß Verwüstung. Tie Geschäfte sind ruiniert. Tie Eisenbahnen führen Militär und Verwundete. Das Grodnoer Gubernja, das Kownoer, Suwälker, Lomczer, Warschauer, Plvzker, Petrikauer, Lubliner, Podolier, Wolhynier, Ehelmer und Radomsker, alle sind verwüstet, alle liegen in Trümmern. Die Juden befinden sich in Todesangst. In die weiten russischen Städte läßt man sie nicht herein, aus den Dörfern treibt man sie hinaus. Alle Hoffnungen auf Hilfe sind geschwunden. Alles ist beim alten geblieben. Juden sterben vor Hunger. Ihre Schulen und Lehrhäuser hat man in Kasernen und Spitäler verwandelt. Ihr Hab und Gut haben entweder „Eigene" geraubt oder der Feind hat es durch Feuer zerstört. Ich lebe mit 25 Kopeken den Tag. Alles ist schrecklich teuer, und ich hungere. Ich kann noch einen Monat so mitmachen. Was nachher sein wird, weiß nur Gott. Ich wollte schon meine Bücher verkaufen, aber niemand will sie kaufen. Denken Sie nichts Schlechtes von mir, wenn dies mein letzter Brief sein wird." * Was auS den Kalischer Juden geworden ist, nachdem ihre Stadt von den Deutschen erobert worden ivar, wird erzählt in dem Briefe eines jungen Mädchens, dessen Familie einst in Kalisch eine große Rolle gespielt hatte. Es heißt darin: „Am 8. August sind wir aus Kalisch geflohen. Wir liefen ]n Fuß acht Meilen weit bis Scherads. Die Mutter lief weg in einer Schürze und in Pantoffeln, der alte Vater in einem bloßen Ueberrock. Und von uns. Deinen drei Schwestern, wollen wir ganz schweigen. Aber wir Mädchen sind noch jung llnd können die Leiden ertragen. Was jedoch unsere Eltern in ihren alten Tagen