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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-19 · Heft 20 (19.5.1916) · p. Seite 237

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 20 (19.5.1916)
Date
1916-05-19
Page
Seite 237 (sequence 9)
Language
German
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237 orücklich erklärt: „Es lasse sich kein Prediger leid sein, wenn die Zuhörer sagen, die Predigt sei zu kurz gewesen. Es gibt nicht so leicht einen Tadel, der einem Lobe ähnlicher sähe." Güdemann: „Etwas über Predigten und Prediger." Unionürlender 1896.) Andererseits braucht noch lange nicht ein seichen der Minderwertung der Predigt darin erblickt zu werden, rvenn, wie dies jüngsthin in einer Großgemeinde Oesterreichs geschehen sein soll, von einer, dadurch ihre Kompetenz entschieden überschreitenden, Seite dem Rabbiner nahegelegt wurde, „sich kurz zu fassen oder mit Rücksicht auf die vorgerückte Stunde ganz auf die Predigt zu verzichten." („Die predigt in den Wiener Synagogen", Oesterr. Wochenschrift Ar. 41, 1913.) Gewiß, die bedauerliche Tatsache kann nicht geleugnet werden, daß das Wort von der Kanzel herab, wenigtens in manchen Gemeinden Westeuropas, an nachhaltiger nndrucksfähigkeit auf die Gemüter etwas eingebüßt hat. Aber, mag dies nun einmal im Zuge unserer ganzen, skepischer veranlagten Zeit liegen oder sonst welche Ursachen! armer haben, so wird doch der jüdische Redner von jenem Aovwurf freizusprechen sein, der aus nichtjüdischer Seite gelegentlich die Frage aufwerfen ließ: „Woher stammt die unangenehme Empfindung, die man häufig mit dem Worte Predigt verbinden muß? Man denkt dann ohne Zweifel an illerlei Dinge, die uns peinlich geworden sind; man hat den Eindruck des Gemachten, des Ueberstiegenen und Unwahren. . . . Es scheint alles so schön, die schöne Predigt, und es sollte >och vor allem recht sein, es klingt wie hohles Pathos, und?s sollte doch die tiefste Stimme eines keuschen Menschen sein, x>r von seiner Begegnung mit der Wahrheit selber zu erzählen oeiß." („Alte und neue Predigtweise." Kunstwart März 1913.) Hugo Luckrrmsnns Gedichte on Hugo Zuckermann, der als österreichischer Offizier im Kampfe gefallen ist, war schon mehr als einmal in diesen Blättern die Rede. Nun ist die Sammlung seiner Gerichte erschienen, die uns die wehmütige Pflicht auferlegt, uns noch einmal mit ihm zu beschäftigen. Hugo Zuckermann war am 15. Mai 1881 in Eger geboren, ir studierte Jurisprudenz, wurde Advokatskandidat, schloß sich Theodor Herzl an, war eifrig politisch tätig, folgte im Jahre >914 dem Rufe seines Kriegsherrn und starb als wackerer Soldat. In seinen Gedichten wandte er sich vielfach der jüdischen Sage und Geschichte zu. Die biblischen Gesänge, die diesem lreise angehören, z. B. die Modernisierung des Hohen Liedes md des Triumphgesanges, 2. Buch Moses, Kap. 15, ebenso ue Gedichte jüdischen Inhalts, z. B. Aaron und Astarte, sind, venn auch nicht geradezu minderwertig, doch nicht eigenartig zenug, um eine nähere Betrachtung zu verdienen; selbst die Erinnerung an die Propheten, z. B. Jesaias, vermag den Lichter nicht zu Tönen zu erregen, die der Großartigkeit des Prophetenwortes ebenbürtig wären. Nicht übel dagegen sind lieber allgemein-jüdischen Inhalts, u. a. das Gedicht „Seder m Ghetto"; es drückt die Stimmung des Gequälten gut aus, ler einen Abend ein König zu sein sich dünkt; auch die Er- »euerung des Gedichtes „Ein Lämmchen" ist wohlgelungen. Besser sind die Klänge aus der Jugendzeit, namentlich die Erinnerung an ein Judenmädchen Rahel, auch die Bilderchen >>vn Jugendgescheh nisten sind Poetisch; eines davon (S. 21): .Der Wanderer", verdient, mitgeteilt zu werden: Ich aber war der Wanderer in der Wüste! Das Wort verhallt' in todesstarreur Schweigen, Ich sah die Sterne gegen Mitternacht sich neigen. Eh' noch mein Blick das Land der Sehnsucht grüßte. y 1915. R. Löwit, Verlag, Wien. 112 Seiten. Wach ward das Weh, das dämmernd >n mir schlief, Und wühlte in der Brust mit scharfer Kralle; Mein Ruf erscholl gleich schmetterndem Metalle, Und meine Wunden waren heiß und tief. Ich dacht' der Zeit, da wir zum Schwerte schwuren Und blutig rangen mit dem Tempelschänder — Vom Monde wallten breite Silberbänder, Und weinend sucht ich windverwehte Spuren . . . Sehr stimmungsvoll sind die zionistischen Klänge, denn Zuckermann war ein überzeugter Zionist. Die drei Gedichte an Herzl zeugen von wärmster Empfindung; das Gedicht „Purim" ist, obgleich uns die darin ausgedrückte Hoffnung auf einen jüdischen Staat unsympathisch ist, als ein Hohes Lied auf die Freiheit wohl zu empfehlen. Minder wertvoll sind die Ehrenkränze ans Gräber Verstorbener, Otto Neumann und Heinrich Gabel. Recht schön sind Zuckermanns Liebeslieder. Manche allerdings konventionell, manche in der Form nicht recht befriedigend. Einzelne dagegen, z. B. „Sünde (Deinen Lippen gewidmet)", sind sehr schön. Es sei gestattet, auch aus diesen Liebesliedern eines mitzuteilen: Z u m G e b u r t s t a g. Ich Hab' der Gaben holdeste erhalten An jenem Tage, der der Welt dich gab — Uin sie durch dich noch schöner zu gestalten. Dein stolzes Herz lehnt jede Gabe ab, Denn du bist reich, je mehr du selber schenkst. Aus deinen Händen nahm ich, was ich häb'. Was du mit sehnsuchtsbangem Arm umfängst. Wird dein und dein ist Himmelblau und Licht Und alle Wunder, die du fühlst und denkst. Mit leeren Händen steh' ich da; um nicht Beschämt zu sein vor deinem reichen Schatz Sing' deinem Königstum ich ein Gedicht. Und statt zu schenken, bitt' ich wie ein Spatz, Der Winter an die harten Scheiben pocht: Gib mir am heiligen Feuer einen Platz. Entzünd' mit deiner Glut den kargen Docht, Denn du bist reich, je mehr du selber gibst, Mein Leben nimm, das sich an deines flocht. Denn int bist reich, Geliebte, weil du liebst! Auch die Natur versteht er zu schildern. Er hat sein Oesterreich durchwandert und weiß davon anmutige Bilder zu entwerfen, er hat auch die Feste mitgemacht und kann ihren Zauber darstellen, ebensowohl als die Ernüchterung, die daraus folgt („Aschermittwoch"). Aber seine wirklich bedeutsame Kraft fand er doch erst im Kriege; sein „Reiterlied", das vielfach gedruckt worden ist, wird wohl unsterblich bleiben. Aber auch andere Kriegsgedichte, „Der Herr Hauptmann", „Lied an das Maschinengewehr", „Die österreichische Landwehr", sind prächtige Lieder, in denen das Selbstbewußtsein des Soldaten, die Freude des Patrioten, die Unerschrockenheit des Mannes zu wahrhaft dichterischem Ausdrucke gelangen. Das trefflichste bleibt aber das wundervolle Lied: „Makkabäer". Der Schluß dieses Gedichtes mag hier stehen, es ist das Köstlichste, was Zuckermann uns hinterlassen hat. Wer ein gutes Schwert kann schwingen. Wer noch kann die Büchse tragen, Wer da kann die Trommel schlagen, Soll den Arm zum Opfer bringen.

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