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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-19 · Heft 20 (19.5.1916) · p. Seite 231

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 20 (19.5.1916)
Date
1916-05-19
Page
Seite 231 (sequence 3)
Language
German
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231 Was Herr Rade will, vermag ich, da mir nur ein Auszug seiner Schrift vorliegt, nicht vollkommen zu -deuten: so viel scheint aber klar zu sein, daß er ein Aushören des Antisemitismus ersehnt. Schon der Umstand, daß die „Kreuzzeitung" gegen die Ausführungen des Marburger Theologen Polemisiert, ist ein gutes Zeichen; wir überlassen ihr gern, ohne uns in weitläufige und aufregende Polemik einzulassen, ihren törichten Hinweis auf die angeblich nur von jüdischer Seite gemachten Kriegslieferungen und registrieren verächtlich das Schimpfen der genannten Zeitung auf die „körperlich zurückgebliebenen, kulturell und moralisch tiefstehenden Leute in Galizien". Wir freuen uns, daß ein vorurteilsloser Theologe offen für die Juden einzutreten wagt. In einer Beziehung hat er gewiß recht: sicherlich bleibt das polnisch-russische Judentum in unserer Sehweite, wie auch das Schicksal Polens nach dem Kriege sich gestalten mag, und ein ernster Politiker tut gut, dieser Frage näherzutreten, wie wir dies schon in einer ganzen Reihe von Artikeln getan haben und weiter tun werden. * Aus Rußland kommen Nachrichten über neue I u d e n- Verfolgungen. Den Petersburger „Birschewyja Wjedomosti" zufolge erhielt der Gouverneur in Orel die Nachricht, daß ihm demnächst 1500 Juden zugeschickt würden, und der Gouverneur in Rjüsan wurde ebenfalls von der Ankunft 1500 vertriebener Juden aus dem Gebiet an der Front unterrichtet. Wenn der Platz nicht ausreichen sollte, sollen die Ueberzähligen nach dem Gouvernement Kursk abgeschoben werden. Aus R u ß l a n d erschallt ferner ein Notschrei. Die L i g a der F r e m d v ö l k e r Rußlands hat einen solchen an den Präsidenten Wilson ergehen lassen, in dem nach Finnen, Balten, Litauern, Polen und vor den Ukrainern, Muselmännern und Georgiern auch die Juden ihre Not, ihr furchtbares Elend und ihre beständige Vergewaltigung durch Rußland klagend zum Ausdruck bringen. Die Stelle lalltet: Wir Zuden Rußlands sind geknechtet lvie kein anderes Volk der Erde. Wir werden geistig und körperlich dem Siechtum überlassen. Wir werden am Bestich der Schulen und Universitäten gehindert. Zusammengepfercht in Ansiedlnngsrayons, gab man uns steigender Verarmung und Verelendung preis. Zn barbarischen Pogroms ließ man den Pöbel seine bestialischen Instinkte an uns anstoben. Dllrch den Krieg sind hnnderttausende von uns in die Fremde gehetzt worden und viele Tausende sind dabei elend umgekonilnen. Unsere Wohnstätten sind nnsgeplündert, und täglich verkommen unsere Volksgenossen 'an entsetzlichen Elend. Es ist einstweilen nicht bekannt, ob und wie der Präsident diesen Notschrei beantworten und ob er wirklich Schritte tiut wird, um ihrem entsetzlichen Elend abzuhelfen. Hier wäre jedenfalls Gelegenheit geboten, die Humanität zu offenbaren, mit der er sich brüstet. Wir freuen uns, nicht nötig zu haben, mit einer so schaurugen Notiz unseren Bericht zu schließen. Es ist uns jedesmal ein Fest - und ähnliche Empfindungen haben gewiß auch unsere Leser —, Kenntnis zu nehmen von den Berichten dev Rabbiners D r. B a e ck. Eine solche Empfindung haben wir wiederum bei der Lektüre des „Gemeindeblatts der jüdischen Gemeinde, Berlin" (6. Jahrgang, Nr. 5), und wir wünschen eine ähnliche Empfindung bei unseren Lesern zu erwecken. Nachdem Herr Rabbiner Dr. Baeck von seiner Tätigkeit an den verschiedensten Orten, von den Gottesdiensten, die er von Mitte März bis Mitte April an mannigfachen Plätzen abgehalten, gesprochen hat, gelangt er zu folgender erquickenden allgemeinen Betrachtung: „Es läßt sich beobachten, wie zwischen denen, die hier draußen an einem bestimmten Orte regelmäßig zum Gottesdienste Zusammentreffen, sich im Laufe der Monate ein Gemeindegefühl heransbildet und wie dieses auch fortbesteht, wenn später einzelne Truppenteile voneinander getrennt lverden. Zn Briefen spricht es sich dann oft aus, lvie sehr manch einer sich noch weiter als Glied des kleinen Kreises fühlt, der in diesem oder jenem Orte zur Stunde der Andacht znsammenstand. Unter allen den Herzenstönen, in denen die Kameradschaftlichkeit zum Belvilßtsein und zmn Ausdruck kommt, ist dieser nicht der schwächste. Zn einem gewissen Sinne sind allerdings alle, die im Heere zusammenstehen, besonders vor den ernsten Stunden, von einem Gemeindegesühl erfüllt. Das Bangen und Hoffen, das Sorgen und Wünschen, das dann alle bewegt, ist in seinem Grnudton so sehr das gleiche, die Ungewißheit, die vor dein Menschen steht, und damit die Frage an die Ewigkeit so sehr für alle dieselbe, daß damit gleichsam die Seelen für Augenblicke znsinnmenfließen und ein mächtiges, fast religiöses Gefühl der Einheit, das starke Empfinden, eine große Gemeinde zu sein, in alle eingekehrt ist. Die unbekannten Menschen stehen als Bekannte und Vertrante nebeneinander, weil jeder es vom anderen weiß, daß in feinem Innern die gleichen Saiten schlvingen. Wenn zumal in der erstell Zeit des Krieges vor viele Beobachter das Bild eines religiösen Anfschtvnngs hintrat, so ging dies ans den tiefen Eindrirck der Andacht zurück, den dieses innerliche Zusammenstehen vieler gewährte. Eine neue Religiosität mußte darin noch nicht liegen. Was der einzelne darin empfand, das erfuhr er, weil er unter den vielen stand, erfuhr er dllrch sie: die Empfindungen der vielen schlugen znsamlliell, inld der einzetlle lvnßte, daß das Fragen und Antworteil seiner Seele in diesem Augenblick nicht allein stand, sondern durch viele Seeleil hindllrch sich zll einer großen Regllng ztlsalnrnenfügte. Eine mute Religiosität konnte aber erst das lverden, lvas der eillzetlle in den langen Monaten für sich erfuhr, erlebte und erwarb. Zelles Gellleilldegefühl, das die regelmäßigen Gottesdiellste des bestilnmten Kreises erzellgen, ist etwas Zndividlletteres nub Persönlicheres und darum wohl auch stärker inld bleibender. Zeder erfährt hier voll dem besonderen Platze, ans den er gestellt ist, voll der eigentümlichen Aufgabe, die vor ihm steht; er fühlt den Boden, in dem seine Seele wurzelt, diesen.Grund aller Religiosität, dieses „Wo bist bu?", von dem die Bibel oft redet. Ulld auef) das erfährt er, daß er denl großeil Ganzen mll so mehr bedelltet, je treuer er sich selbst ist. Es ist in eillem dieser Berichte einmal davon gesprochell lvorden, wie auch hier draußen das Festhalten der retigiöseil Eigenart gailz lind gar nicht als etwas Trenllendes voll ben anderen empfunden wird, fnnbern vielmehr die Sympathie und ben innerlichen Respekt in ihlleil lveckt. Gallz so ist es in dem Verhältnis des einzelnen zu sich selbst. Durch seine eigelle Art fühlt er sich von bem großen Ganzen nicht geschiedeil, sonderll ihm n it v viel innerlicher verbunden. Weit er fei neu besonderen Platz kennt, so empfindet er um so entschiedener, daß er seinen Platz in der Gesallltheit hat. Zll denl sicheren Gellleilldegefühl lvohilt eine starke Vaterlandsliebe. Gerade diese Zeit hat es gelehrt, wieviel der Mensch bedeutet, lvelcher das sein will lind zll sein vermag, was er von Gottes wegen ist. Siegen kann immer nur die starke Seele, nnb stark ist nur die, welche die eigentümlichen Wurzeln ihrer Kraft kennt ulld fühlt. Wer in der Gemeinde steht, auch hier draußen, der wird allf seinem Platze, auf den er für das große Gallze gestellt ist, ein ganzer Menschen sein wollen." Eine solche Hoffnung besitzt für die schwere Zeit, die wir durchleben und deren Ende noch gar nicht abzusehen ist, viel Stärkendes und Erhebendes. Genersloerlammluns des Labbineroerbsndrs in Lrutlchland. nr den 8. bis 10. Mai b. Z. hatte der R a b b i n c r v e rbandi ll D e nt s chl a n d feine Mitglieder zu einer Tagung nach 93er(in znsammenbernfen. Daß die Versammlung einem von allen Seiten empfundenen Bedürfnis entsprach, bewies der starke Besuch. Fast hundert Rabbiner hatten der Aufforderung Folge geleistet; unter ihnen befand sich das Ehrenmitglied M a y b a u in (Berlin), auch drei Feldrabbiner: L e v i (Breslau), Z t a l i e il e r (Darmstadt) und Ba-eck (Berlin), waren ans der Ferne herbeigeeilt. Den Vorsitz führten Professor Gllttmailn (Breslau) und später Munk (Marburg), das Schristführeramt versah G o l d m a n n (Oppeln). Bon vielen verhinderten Kollegen waren herzliche Schreiben eingegangen, auch die Shnagoaengemeinde B e r t i il hatte ein Begrüßnngstelegralnnl gesandt.

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