Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1916)
- Date
- 1916-05-19
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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230 nicht gefällt. Aber es will uns scheinen, daß das Thema an sich reizt und manchen verleitet, sich in eine vorgefaßte Meinung um so mehr zu verrennen, je geistvoller sie klingt. Das Verfahren, das W. S o m bart in seinem sogenannten Judenbuche „Tie Juden und das Wirtschaftsleben" einschlägt, ist sicherlich neuartig, aber es ist auch befremdend, denn im Grunde wird ein und derselbe Gedanke zu Tode gehetzt, die Religion und das Wirtschaftsleben in innigen Kontakt, in Wechselwirkung miteinander zu bringen. Geistvolle Untersuchungen bestechen und wirken, aber sie dienen nicht immer der strengen Wahrheit. Solche Bücher müssen wir ablehnen, weil sie das Wesen und das Werden der Religion auf gar abgelegenen Bahnen verfolgen. Der gelehrte Apparat tulls freilich nicht, wenn das Ziel so sehr von Anbeginn feststeht. Wir würden selbst der polemischen und apologetischen Literatur ihre Schärfe und Tendenz nicht versagen und sie ihrer Eigenart zugute halten. Die Welt der Erzähler und Romanschriftsteller wollen wir nicht einer Sichtung unterziehen, denn da kommen alle Stimmen in irgendeiner Form zu Worte, die die mehr oder weniger wissenschaftlichen Anschauungen der Zeit widerspiegeln. Auffällig will uns dünken, daß neuerdings ein hervorragender gelehrter Schriftsteller, der dem Judenproblem mit großem Ernste gegenübersteht, sich über eine gewisse Geheimnistuerei unter uns beschwert. Unsere Quellen und Religionsübungen sind jedem zugänglich. Wer Mitarbeiten will, wird jederzeit dankbar begrüßt und informiert werden, nur gegen ausgesprochene Tendenzen glauben wir Mißtrauen hegen zu sollen. Gegen die Gefahren der Tendenzschriften müssen wir unsere gebildete Jugend wappnen. Es wäre erwünscht, daß die sachkundigen Schriften jüdischer Gelehrter über das Judentum und seine zahlreichen Probleme Eingang in unseren Kreisen gewinnen. Sie Woche. Berlin, den 16. Mai 1916. ie Antwort der amerikanischen R e g i e r u it g hat im wesentlichen die gehegten Erwartungen erfüllt und jedenfalls die -Hoffnungen unserer Feinde, es werde ein Bruch der Beziehungen zwischen Deutschland und Amerika eintreten, zuschanden gemacht. Freilich eine reine Freude können auch wir an dieser in schulmeisterlichem Tone und in ziemlich hochfahrender Art abgefaßten Erklärung nicht empfinden. Aber wir schöpfen daraus die Zuversicht, daß es zunächst nicht zu einem unheilvollen Bruch zwischen den beiden Staaten kommt- Allerdings nimmt Amerika weder eine Vermittlerrolle für die Herstellung des Friedens an, die in unserer Note angedeutet war, noch erklären sich die Bereinigten Staaten für verpflichtet, die Humanität, als deren Apostel sie sich aufspielen, auch in ihrem Verkehr mit anderen Ländern zu beweisen; sie denken also gar nicht daran, fest gegen England anfzutreteu und -diesen Räuberstaat daran zu hindern, uns auch ferner die schlimmsten Schwierigkeiten zu bereiten. Aber die Bereinigten Staaten beruhigen sich mit -der deutschen Erklärung über die den Befehlshabern der Unterseeboote zil gebenden Vorschriften. Von einem Abbruch der Beziehungen ist also einstweilen keine Rede; ebensowenig von einer Fortsetzung des Schriftwechsels, da sich beide Staaten im Grunde nichts mehr zu sagen haben. Man kann freilich nur sagen: einstweilen; denn ein unglückseliger Zufall, an dem die deutsche Regierung keine Schuld trägt, kann die Spannung wieder Hervorrufen, die glücklicherweise für den Augenblick gelöst ist. Unterdessen fährt England nebst seinen Verbündet e n fort, auf die neutralen Staaten einen furchtbaren ' Druck auszuüben. Zunächst auf G r i e ch e n l a n d. Nach den neuesten Berichten null Italien mit Waffengewalt von Griechenland einzelne Gebiete erzwingen, und es ist wirklich kaum denkbar, wie schon in der letzten Uebersicht ausgesprochen wurde, daß Griechenland all diesen Vergewaltigungen gegenüber immer von neuem sich nachgiebig zeigt. Auch gegen Spanien wird gewühlt. Wenigstens meldet eine Nachricht, die allerdings etwas befremdend klingt und die einer ungarischen Zeitung entnommen ist, folgendes: Dem „Az Est" wird aus Sevilla berichtet: England richtete am 13. April eine Geheiumote an Spanien, in der es die Regierung aufforderte. die in spanischen Häfen befindlichen deutschen Schiffe zu beschlagnahmen und die Meerenge von Gibraltar abzusperren. Damit wollte England erreichen, daß der holländische und der dänische Handel gehemmt werden. England versprach als Gegenleistung, daß es, wenn Deutschland wegen der Beschlagnahme seiner Schiffe Spanien den Krieg erklären sollte, die spanische Küste verteidigen und nach dem Krieg Tanger an Spanien übergeben werde. Die spanische Regierung bält die Rote geheim: sie wird die englische Forderung zweifellos zu ri'.eliv eisen. Was sonst von Stimmungsberichten vorliegt: Meutereien in Italien, namentlich in Süditalien, Verlegenheiten der italienischen Minister, die allmählich erkennen, in welches Elend sie ihr Land gebracht haben, Not in Frankreich, Teuerung in England, verzweifelte finanzielle Lage in Rußland, dessen neueste Anleihe gescheitert sein soll, ist schwer zu kontrollieren. Erfreulich, aber ohne sonderlichen Belang sind die K r i e g sn ach richten. In Italien ist es auffallend still; in Frankreich, dessen Kulturvolk jetzt mit Vorliebe nach dem Eintreten der wärmeren Jahreszeit Schwarze gegen uns ins Feld schickt, sind ebenso wie in Rußland kleine Teilerfolge von uns errungen worden; England, das freilich gelegentlich mit seiner Flotte prahlt und Andeutungen großer Unternehmungen macht, die in Aussicht ständen, verhält sich vollkommen passiv; in den letzten Tagen ist nach längerer Pause ein deutscher Vorstoß gegen England gelungen und eine größere Anzahl unverwundeter Gefangener eingebracht worden. Das Wiederanstanchen des schon mehrmals totgesagten merika Nischen Führers Villa und sein Auftreten gegen die Amerikaner kann von uns als ein erfreilliches Ereignis gedeutet werden, weil es Amerika anderweitig beschäftigt. Jüngst wurde auch eine Nachricht verbreitet, daß der amerikanische Kongreß die von dem Präsidenten geforderte Aufstellung eines großen Heeres verweigert hat; man kann auch diese Nachricht mit Freude begrüßen, weil dadurch für längere Zeit den Berinigten Staaten die Mittel entzogen werden, irgendwie tätig in den Krieg einzugreifen. Endlich mag ans die Knude hingeiviesen werden, die freilich wie vieles, was ans dem Süden kommt, einer Bestätigung bedarf, daß in Portugal eine Revolution ausgebrochen ist. Denn jede Verlegenheit und jede innere Unruhe eines uns feindlichen Landes muß als ein für unsere Sache günstiges Symptom anfgefaßt werden. * Ueber Deut s ch l a n d u n d d i e I u d e n ist nicht viel zu sagen. Der wackere Professor Martin Rade in Marburg fordert in seiner Schrift „Die Kirche nach dem Kriege", Tübingen 1915, für die Zeit nach den: Kriege die Ethisierung der Kirche. Unter Nr. 5 seiner Forderungen heißt es: „Eine schwierigere Aufgabe nurf) hat die Kirche dem Antisemitismus gegenüber. Soll es mit der unlauteren, nuwahrhaftigeu Behandlung der 600 000 Juden in unserem Volke wirklich so weitergehen? Vom Kriege selber ist, soweit ich sehe, eine Aendernng dieses nülden Gegensatzes nicht zu erwarte:!. Diese Aufgabe wird um so drängender, als das pvluisch'.rnssische Judentum unserem Volke jetzt viel näher gerückt worden ist. Es wird in unserer Sehweite bleiben, und wir werden seine Existenz weiter spüren."