Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1916)
- Date
- 1916-05-12
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229252--72220-3284649- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2 in sv reichem Maße sein nennt. Zum Schlüsse Zeigte Dr. Karl S ch warz in einem Lichtbildervortrag alte und neue ostjüdische Kunst. Wertvoll waren einige alte Synagogen, sowohl in der äußeren Form wie in der reichen Innenausstattung. Besonders ragten P i l i ch o w s k y, H i r sz e n b e r g. und Hermann Struck heraus, letzterer mit ein paar erschütternden Darstellungen aus dem östlichen Kriegsgebiet. Br. J. R. W. Königsberg u P., 5. Mai. Zum Besten der Hinterbliebenen der Unteroffiziere und Mannschaften des I. Armeekorps fand vor kurzem in der hiesigen neuen Synagoge ein Konzert statt. Die ersten Männer der Militär- und Zivilbehörden, der Presse, Kunst und Wissenschaft, der Geistlichkeit beider Konfessionen usw. Zeichneten als Ehrenansschnß die große Ankündigung in den Tageszeitungen. Ein abwechslungsreiches Programm und ein vielverheißender Solist obendrein bewirkten nächst dem wohltätigen Zweck, daß fast alle Plätze besetzt waren. Die Synagoge ist ein Rohbau, würdig, schlicht, dabei schön im großen Jnneuraum. Das Programm sollte aus praktischen oder künstlerischen Gründen vielseitig sein. Der bedeutendste Organist Königsbergs, Organist Beyer von der Tragheimer Kirche, ständiger Organist der Synagoge, spielte eingangs den ersten und Zweiten Satz aus Rheinbergers R-Dur-Orgelkonzert mit Orchester mit bekannter Meisterschaft. Der Solist des Abends war Kammersänger J.V.Raatz- B r o ck m a n n , Berlin. Sein Bariton ist recht tonhaltig, edel, in den verschiedensten Registern gleichwertig ausgeglichen, der Vortrag textgemäß gestaltend, warm, die Aussprache deutlich. Er sang aus Handels „Judas Makkabäus" die Arie „Fromme Andacht", „Ernste Gesänge" Nr. 2 und 3 von Brahms und Beethovens „Die Ehre Gottes". Ferner das Baritonsolo in dem von Franz Schubert 1828 für den Wiener Synagoaenchor komponierten 92. Psalm. Einen geradezu tiefen Eindruck machte der Sänger mit Felix Mendelssohns Arie aus „Elias": „Es ist genug". Außer dem obengenannten Schubertüben Ehorstück sang der für dieses Konzert wesentlich vergrößerte bzw. besonders zusammengestellte Chor aus Brahms „Deutschem Requiem": „Wie lieblich sind deine Wohnungen" und als Schluß aus Haydns „Heimkehr des Tobias" das „Preis dir, Allmächtiger, und Ehre". Zu Lob und Ehre des Dirigenten, desOberkantors Birnbaum, und seiner Sängerschar sei es gesagt: Die Damen und Herren sangen vortrefflich, mit großer Sicherheit, richtigen, wirkungsvollen Stärkegraden. mit gutem Abheben der vier Stimmen voneinander bzw. gesättigter Mischung aller. Birnbaum ist ein gediegener Musiker, Musikwissenschaftler und -Historiker, fleißiger Sammler kostspieliger Manuskripte und von vielseitiger Bildung. Auch zwei Streichquartett-Adagios von Beethoven (aus op. 59, Nr. 2, R-Moll) und Schumann (aus op. 41, Nr. 1, ^-Moll) wurden durch die Herren Becker, Fräulein Heinrici, Winter und Herb st wirkungsvoll in künstlerischer Ausführung zu Gehör gebracht. Zu erwähnen ist noch die Bearbeitung einer hebräischen Melodie für Orgel und Streichorchester von Rob. Franz, dessen klangreicher Komponistenname ans den volkstümlichen Mutterboden dieses Melobiethemas vorteilhaft reflektiert. Sollte es auch wirklich, nach Behauptung dieser und jener, keine spezifisch hebräische Musik geben, das jüdische Nationalbewusstsein darf dennoch die Genugtuung haben, daß seine Synagogalmusik sich irgendwo oder -wie in die allgemeine Musikgeschichte und den Konzertsaal eingliedert und von hervorragenden Tonsetzern durch Bearbeitungen gewürdigt und der Musikwelt zugänglich gemacht wird. Das wohl nur aus Streichern und Hörnern bestehende bestehende Orchester leistete unter Birnbaums Leitung Achtungswertes. So hat denn durch dieses wohlgelungene Synagogenkonzert, anerkannt und durch künstlerisches Mitwirken und zahlreiches Erscheinen der christlichen Mitbürger unterstützt, die hiesige Judenschaft auch in dieser Form ihre Patriotisch-tatkräftige Anteilnahme an den Bürden des Krieges zum Ausdruck gebracht nebst sonstigen Opfern — auch den blutigen des Schlachtfeldes, die das gesamte Israel Deutschlands bringt. 22 Ostrowo, 6. Mai. In vergangener Woche war es unseren: Rabbiner Dr. Neuhaus dank der tatkräftigen Unterstützung seitens der deutschen Glaubensgenossen möglich, die vierte Sendung von gebrauchten Kleidungsstücken nach Polen zu senden. Wiederum waren es 5000 Kilogramm, welche dieses Mal nach Lodz gingen, während die bisherigen für Kali sch bestimmt wäre::. Die Kleidungsstücke gingen direkt an den Herrn Polizeipräsidenten v. Oppen in Lodz, der dieser Tage den Empfang unserem Rabbiner mit Dank bestätigte. Am ersten Tage der Mittelseiertage des Pessachfestes hielt Herr Rabbiner Dr. Neuhaus in Begleitung des hiesigen Kantors Herrn Cafper einen Predigtgottesdienst im Gefangenenlager zu Skalmierzyce ab, an dem zirka 1000 jüdische Gefangene teilnahmen. Es wurde anläßlich des Gottesdienstes sestgestellt, daß die Kommandantur den religiösen Bedürfnissen in jeder Hinsicht entgegengekommen ist. Sie hatte den Gefangenen die Arbeitssreiheit während der acht Tage gestattet, denselben ganz neues Geschirr geliefert, ihnen eine fleischige und milchige Küche besonders für die Feiertage eingerichtet. Einer der Gefangenen sprach nach dem Gottesdienst dem Rabbiner Dr. Neuhaus den "Dank der Gefangenen für die Fürsorge aus und überreichte ihm als Erinnerung einen von einem jüdischen Gefangenen aus Eisen verfertigten Ring, der aus der Außenseite die Inschrift trägt: „Zum Andenken von jüdischen Gefangenen in Skalmierschutz 1914/15/16". Auch an dieser Stelle sei dem Kommandanten des Lagers Herrn Oberstleutnant Grafen V.O e h n h a u s e n für sein liebenswürdiges Entgegenkommen gedankt. Breslau, 5. Mai. Die Industrieschule für israelitische Mädchen hat kurz vor dem Fest die Schülerinnen ihrer ersten Klasse entlassen. Der Leiter der Anstalt, Lehrer M o o p s , richtete warme Worte an seine bisherigen Zöglinge und ermahnte sie zu steter Pflichttreue und zu unausgesetzter Arbeit an sich selbst, damit sie die ihrer im Leben harrenden Aufgaben zu lösen vermögen. Eine Prännenverteilung zeichnete die besonders fleißigen Kinder aus. Auf die Entlassung folgte die Besichtigung einer Ausstellung von Handarbeiten und Zeichnungen, die unter Anleitung der Handarbeitslehrerin Fräulein Amalie Peiser, des Zeichenlehrers Herrn Klose und der Lehrerin Fräulein Mugdan von den Schülerinnen im Lause des Jahres hergestellt worden waren. Man hatte diesmal davon abgesehen, diese Ausstellung, wie sonst üblich, in einem Saale zur Schau zu stellen, aber auch in dem engeren Rahmen kam alles zu bester Geltung durch feine saubere Ausführung und die große Genauigkeit der Herstelluna. Insbesondere zeigt es sich stets von neuem, daß die Umwandlung des Handarbeitsunterrichts — in Wahrheit eine Rückkehr zu früher viel geübtem Brauche — von bestem Einfluß ist. Die Freude an der eigenen Handsertiakeit wird offenbar gehoben, wenn die Kinder, wie es setzt der Fall ist, von der ersten Stunde an Dinge berstellen, die sie selbst verwenden können, wie Handarbeitstascheir Borten zur Befestigung der Handarbeit und dergleichen mehr, und wenn sie sich späterhin selbst gutsitzende Leibchen, Schürzen, Unterröcke. Wäsche anfertigen, und der Blick für den Wert der Arbeit wird aeschärst, wenn Flicken und Stopfen nicht mehr am Mustertuch, soirdern an dem Gegenstand selbst geübt wird und diesen wieder zu neuer Brauchbarkeit um schasst. Daß daneben auch die Freude am Schmuck nicht vernachlässiat wird, zeigten die sogenannten Zwischenarbeiten: Dinge, die nach Wahl der Kinder angesertigt werden dürfen, sobald die vorgeschriebenen Arbeiten vor Ablauf des Schuliah res vollendet sind. In jedem Falle hat sich der alte, gute Rui der Schule auch diesmal wieder bewährt. München, 5. Mai. Auf Grund von Erhebungen, die in einige', Städten Bayerns mit Rücksicht auf die mancherseits angeregte Der Wendung des Blutes geschlachteter Tiere zur Herstellung von Blut Wurst gepflogen wurden, sah sich der Ausschuß der bayerischen Rab binerkonserenz veranlaßt, am 12. April behufs energischer Stellung nähme gegen ein etwa zu erlassendes Schächtverbot zusammenzutreten Es wurde beschlossen, den bayerischen Ministerien des Innern, de- Kultus sowie dem Kriegsministerium unverzüglich entsprechende Ein gaben zu unterbreiten, in welchen die Unverbrüchlichkeit und die Unan tastbarkeit dieser religiösen Satzung nochmals mit aller Entschiedenhei betont und das dringende Ersuchen gestellt wurde, bei etwaigen Maß nahmen, die auf eine Verminderung der rituellen Schlachtungen hinauslaufen, die bayerische Rabbinerkonferenz gutachtlich einzuver nehmen. Inzwischen hatte am 13. April der Lebensmittelausschuß der Stadt München den Erlaß eines Schächtverbots bei dem zuständiger: Stadtmagistrat angeregt. Auf Grund der sofort seitens des Rabbinats und der Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde München dagegen erhobenen Vorstellungen beschloß indessen der Magistrat in geheimer Sitzung, dieser Anregung keine Folge zu geben, sondern sich mit der: Organen der Kultusgemeinde wegen einer Kontingentierung der S ch ä ch t u n g während der Kriegsdauer sowie wegen Anwendung verbesserter technischer Mittel, die eine Verunreinigung des Blutes geschachteter Tiere durch ausströmenden Magensaft verhindern, in Verbindung zu schon. Nach letzterer Richtung hin