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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-12 · Heft 19 (12.5.1916) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 19 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Der Gemeindebote. Berlin, 12. Mai 1916 Vellage zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums. Sorrrlpondrn?rn und Wachrichlm. LkuMland. Berlin, 9. Mai. Bekanntlich hat innerhalb der Kriegswirtschaft die Heranziehung des Blutes Zur Verwertung für menschliche Nahrnngszwecke in unerwartetem Maße zugenommen; insbeondere wird Blut zur Herstellung billiger Wnrstwnren verwendet, -ie für die Volksernährung von großer Bedeutung sind. Bisher war nun die Verwendung des beim Schächten ausfließenden Blutes mtersagt, weil es zumeist durch Austritt von Mageninhalt aus der Speiseröhre stark verunreinigt ist. Infolgedessen konnte das Blut gechächteter Tiere nicht verwendet werden, und an vielen Orten machten ich deshalb Bestrebungen geltend, das Schächten einzuschränken oder 'in zu verbieten. Neuerdings ist diesen Bestrebungen der Boden dadurch entzogen worden, daß es gelingt, unter Anwendung einer Lchlundzange nach dem Schächtschnitt die Speiseröhre zu verschließen md so auch das beim Schächten anssließende Blut vollständig rein md brauchbar zu erhalten. Ein soeben in der „Berliner tierärzt- .ichen Wochenschrift" Nr. 16 erschienenes Gutachten des preußich e n L a n d e s - B e t e r i n ä r a m t e s befürwortet die Freigabe \'§ Blutes der durch Halsschnitt geschlachteten Tiere zu Nahrungswecken, wenn die Schlundzange bei der Blntentziehnng. rechtzeitig nigelegt ist. Es sind verschiedene Formen von Schlnnd-zangen in Anwendung, die sich an mehreren Orten bewährt haben und die es rmöglichen, das Blut der geschachteten Tiere für die -allgemeine Volkswirtschaft nutzbar zu machen. Die Anwendung der Schluuduinge muß natürlich genau nach gegebener Anweisung erfolgen und stets überwacht werden. Unter dieser Voraussetzung hat, wie die Kölnische Zeitung" vom 5. Mai mitteilt, das Reichsamt des Innern nlf Grund eines Gutachtens des Kaiserlichen Gesundheitsamtes obiges Verbot aufgehoben und die Verwendung des Blutes ge- 'chächteter Tiere zu Genußzwecken gestattet. S£5 Berlin, 9. Mai. Das Mitglied des Kuratoriums der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Herr Geheimer Regieungsrat Professor Dr. Hermann Cohen kündigt für das Sommersemester folgende Vorlesung an: „Prophetenreden und Psalmen n lieberseßung vorgetragen und erklärt." Die Vorlesung findet vom > 6. Mai an jedem D i e n s ta g a b e n d s v o n 8 b i s 9 Uhr statt. Werner Uebungen über „Die Tugendlehre bei den jüdischen Philoophen des Mittelalters" und über „Maimonides More I". je zwei stunden. Die Zeit für die Uebungen soll nach Vereinbarung sestgelegt werden. Die Vorlesungen sind öffentlich und unentgeltlich. Die Zulassung erfolgt nach persönlicher Anmeldung im Sekretariat. Artilleriestraße 14. A. R. Berlin, 9. Mai. In der letzten Sitzung der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin" hielt Rabbiner Dr. H o ch f e l d einen Vortrag: „Bemerkungen zu m a p v l o g e t i s ch e n Unterricht." Der Vortragende begründet die Notwendigkeit des apologetischen Unterrichts mit dem Hinweis auf das tägliche Leben, in dem wir überall — bei Nichtjuden und Juden — falschen Vorstellungen über Juden und Judentum begegnen. Er wünscht eine Sonderbehandlung der Fragen der Apologetik in den obersten Klassen, etwa als Abschlußunterricht, als Ausrüstung für das Leben. Sodanit erklärt der Vortragende den Begriff der Apologetik, der Lehre von der Verteidigung, dem er den der Polemik, der Lehre vom Angriff, scharf getrennt entgegenstellt. Im Unterrichte solle man von polemischen Bemerkungen ganz absehen und sich daraus beschränken, Vorwürfe zu entkräften. Dabei ist zu unterscheiden zwischen Anklagen gegen das Judentum und solchen gegen die Juden. Gegen das Judentum werden drei Hauptvorwürfe gerichtet: der des Nationalismus, i>er des scharfen Prinzips der Gerechtigkeit und der der zeremonialen Frömmigkeit. Daneben werden noch einige kleinere Anklagen erhoben, so die des Fehlens des Unsterblichkeitsglaubens, der Polygamie, der Intoleranz und des Ritualmordes. Die Angriffe gegen die Juden umfassen die widersprechendsten Vorwürfe aller menschlichen Fehler. Der Redner gibt nun einen geschichtlichen Ueberblick über die Angriffe selber: sie sind zum Teil uralt; einige stannnen aus der hellenistischen Zeit, wo Philo und Josephus die Juden gegen die Angriffe der heidnischen Philosophen verteidigten; die meisten ans der Zeit, da das Christentum in die Welt trat. Besonders Paulus lebt ganz in der Polemik; auch in den Kirchenvätern und bis zu Wagenseil und Eisenmenger finden wir dieselben Anklagen. Die Theologie der Gegenwart hat diese Angriffe systematisiert: das Judentum sei eben eine überwundene Religion und nur als Vorstufe zum Christentum historisch zu begreifen. Die Angriffe gegen die Juden werden jetzt mit der Rasse und der nationalen Beschränktheit der Juden begründet. Bei der Abwehr der Angriffe im allgemeinen mutz den Schülern gezeigt werden, daß in vielen Anklagen wohl ein Körnchen Wahrheit steckt, die aber vergröbert und entstellt ist; andere Anklagen lassen sich durch den Hinweis auf die Entwicklung im Judentum entkräften. Die den Inden vorgeworfenen Fehler erklären sich aus dem jahrhundertelangen Dryck und dem schnellen Aufstieg. Sodann gibt der Redner eine Probe über die Behandlung eines Spezialthemas und schließt mit dem Wunsche, daß für die Lehrer ein Handbuch des apologetischen Unterrichts geschaffen werde. In der Aussprache wird Herrn Dr. Hochfeld vor allem entgegengehalten, daß ein apologetischer Unterricht ohne Hinzuziehung der Polemik kaum möglich sei. Die Polemik könne frei von jeder Gehässigkeit sein, doch müsse sie zur Vertiefung nnd Durchdringung der apologetischen Fragen berührt werden. Bei dieser Gelegenheit wird auch auf die apologetische Abteilung des Verbandes der deutschen Juden hingewiesen. Auch gegen die Behandlung apologetischer Fragen nur auf der Oberstufe wird Einspruch erhoben; schon die Kinder der unteren Klassen müßten gerüstet sein. Herr Dr. Hochfeld hat gegen gelegentliche apologetische Bemerkungen nichts einzuwenden: die Polemik dagegen solle nicht zu scharf betont werden, da besonders in der Großstadt die Spannung zwischen jüdischen und christlichen Schülern schon stark sei. Berlin, 9. Mai. Der Ostjüdische Abc u d, den der Schuhverband deutscher Schriftsteller zum Besten seiner Unterstütznngskassen am 29. v. M. im Festsaale des Abgeordnetenhauses veranstaltete, nahm einen glänzenden Berlanf. . Der Andrang war so bedeutend, daß viele draußen bleiben und der Verband sich zu einer künftigen Wiederholung des ausgezeichneten Programms entschließen mußte. In einer wohldurchdachten formschönen Einleitung sprach Dr. Heinrich Locwe von den Ostsudeu, die einen Kulturkreis von bestimmt abgegrenzter Eigenart darstelleu. Sie sind durch den ganzen weiten Osten verbreitet, und sie sprechen ihr eigenes Idiom: das Jiddisch, das ein Ableger des deutschen Sprachbanmes ist. Deutschland war für die Vorfahren der Ostjnden durch ein Jahrtausend Gastland geworden, bis die Verfolgungen sie auf die Suche nach neuen Heimstätten trieben. Aber die Sprache nahmen sie mit, wie auch die Tracht nnd die Erinnerung an die Erzählungen und die Lieder der alten Wahlheimat. Das Jiddisch, das 9 bis 10 Millionen Menschen sprechen, besteht in seinem Wortschatz zu neunzig Teilen aus hochdeutschem und mittelhochdeutschem Lehnsgut, und wir nennen diese Svrache ganz zn Unrecht „Gemauschel". Der größte Teil dieser Deutsch sprechenden Juden sitzt in Polen, wo sie, ehe die Russen sie aufs neue entrechteten, als Siedler und Städtebauer lange Zeit die Färbung des Volkscharakters bestimmten. Für das Deutschtum, mit dem der Krieg sie nun wieder in Verbindung gebracht, bedeuten sie infofern einen nicht zn unterschätzenden Wert, als sie für dasselbe durch die Sprachbrücke das große Eingangstor zum Westen werden könnten, wenn wir durch eine kluge Politik ihre Menschenwürde, die der Russe zertreten, neu aufzurichten verstehen. Aus der reichen jiddischen Literatur, die nn Osten in den letzten Jahren entstanden, trug dann Lilly Freund einige Proben vor: Gedichte des nach Amerika ausgew änderten Morris Rosenseld, von denen namentlich das eine von der alten Zeit der Helden und der neuen Zeit der Klagen mächtig zündete, und eine Skizze „Die Verstoßene" von Perez, die durch ihren Gesühlsinhalt stark wirkte. Danach sang Leo G o l l a n i n mit prachtvollem Organ und prachtvollem Ausdruck von Bogumil Zepler bearbeitete jiddische Lieder. Es lag ein weher Reiz in den schwermütigen Weisen des „Alif-Beiß" und des „Aheim". Köstlich aber waren zwei humoristische Lieder, voll der Selbstironie, die der Jude

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