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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-12 · Heft 19 (12.5.1916) · p. Seite 226

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 19 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
Seite 226 (sequence 10)
Language
German
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Pugk um pugk. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) U eben seiner großen Sehnsucht, den Freund und Jugendgenossen wiederzusehen, waren es auch noch diese trüben Gedanken, die jetzt Gabriel beschäftigten; und sie beschäftigten ihn so sehr, daß er auf die Löcher und Pfützen nicht achtete, in die sein Fuß fast bei jedem Tritt versank. Jetzt, da er so nahe am Ziele war, fand er es unbegreiflich, wie er es über sich gewinnen konnte, einen ganzen, langen Tag von seinem Herzensfreund entfernt zu sein. Jetzt wurde es ihm wiederum klar, daß diese Freundschaft trotz der zweijährigen Trennung — wenigstens bei ihm — noch in voller Lebenskraft vorhanden war, und ob auch der laute Lärm der Welt ihren leisen Ruf manchmal übertönte, so hatte er ihr sanftes Atmen doch immer verspürt und von ihrem Dasein deutliche Kunde gehabt. Er strengte seine Augen an, um die Dunkelheit zu durchdringen, und es gelang ihm auch bald, eine zusammengekanerte Gestalt zu erspähen, auf einem Baumstumpf sitzend, das Gesicht in beiden Händen vergraben, ohne den Näherkvnunenden zu bemerken. „Baruch!" rief Gabriel, die Schulter des Freundes berührend. Dieser sprang hastig auf und ließ das Buch fallen, das auf seinen Knien gelegen. Gabriel fühlte einen Stich im Herzen, als er den zerlesenen, wohlbekannten Horaz erblickte. „Baruch!" wiederholte er seinen Ruf. Baruch sing an heftig zu zittern, verfiel aber bald wieder in den versteinerten Stumpfsinn wie vorher. „Du bist es, Gabriel?" sagte er tonlos mit starrer Gleichmütigkeit. „Ich ahnte ja, daß du dich einmal würdest blicken lassen." „Und jetzt ist deine Ahnung Wirklichkeit geworden. Aber warum bist du so kalt, Baruch? Sind wir denn nicht mehr Brüder?" „Willkommen, Gabriel!" kam es mechanisch von den Lippen, während er dem Freund apathisch die Hand reichte. „Das genügt mir nicht!" rief Gabriel erregt, und im nächsten Augenblick hatte er Baruch an sich gerissen und fest an seine Brust gepreßt. Baruch leistete keinen Widerstand und ließ sich willenlos umarmen. Er trat bald wieder einen Schritt zurück, und ein bedrückendes Schweigen folgte; beide dachten jetzt nach, und jeder kannte wohl die Gedanken des anderen. Endlich brach Gabriel wiederum das Schweigen: „Baruch, warum hast du dich denn verstellt und mich wie einen Fremden behandelt? Du hast mir sehr weh getan." „Das tut mir aufrichtig leid, Gabriel," erwiderte Baruch, während seine Hand mit einer unbeschreiblich müden und traurigen Bewegung über die Stirn fuhr. „Ich weiß es wirklich nicht, warum ich es tat. Aber du kannst mir glauben, Gabriel, in den einsamen, langen Stunden hatte ich mir diese Begegnung mit allen Freuden und Wonnen ausgemalt; doch jetzt, wenn ich daran denke..." Er brach ab und fuhr erst nach einer Weile wieder fort: „Aber es ist ja doch auch ganz natürlich. Ein Mensch, dessen Ausgabe es ist, sein ganzes Leben gegen die Strudel und Wirbel der Wellen zu kämpfen, muß darauf gefaßt sein, daß auch dabei sein Denken und Fühlen aus dem Gleichgewicht kommt und in einen Wirbelwind hineingerät. — Ist es nicht so, Gabriel?" Bei dem abgrundtiefen Elend, bei der unendlichen Hoffnungslosigkeit, die sich mehr als in Baruchs Worten in seinem Ton und seiner Gebärde bekundete, war Gabriel derart erschüttert, daß er kein Wort hervorzubringen vermochte. „Ja, Gabriel; es ist so," fuhr Baruch fort, seine Frage selbst beantwortend. „Es ist der ewige Kamps mit diesem unbarmherzigen Strom, der mich so gemacht hat. Von den vielen Rätseln, die das Leben enthält, die mich fortwährend peinigen, ist dieses wenigstens das einzige, das ich gelöst; die Unruhe der Stromeswellen hat sich auch in mein Herz eingeschlichen." Er gab sich jetzt einen energischen Ruck und fuhr mit veränderter Stimme fort: „Nun aber werde ich den Spieß umdrehen und dich schelten, Gabriel. Warum hast du mich denn nicht von deiner Ankunft benachrichtigt?" „Es geschah absichtlich," erwiderte Gabriel mit vor Wehmut bebender Stimme; „ich wollte dich strafen, weil du alle meine Briefe unbeantwortet gelassen hast." „Was? Mich strafen? Mich willst du strafen? O, Gabriel, sei gesegnet für dieses Wort!" rief Baruch am ganzen Leibe zitternd. „Gott sei Dank, daß mich noch jemand einer Strafe wert hält. Ich bin also doch noch Mensch und nicht bloß fühlende und atmende Maschine! — Jetzt, Gabriel, hast du wieder alles ins rechte Gleis gebracht, jetzt können wir wieder zusammen plaudern. Also, fange an zu erzählen." „Wo?" fragte Gabriel unbehaglich. „Wo du willst. Oder, nein; ich will es dir bequem machen und dich fragen. Hast du schon den Doktor gemacht?" „N—n—nein!" kam es zögernd von Gabriels Lippen. „Was? Du bist doch nicht etwa durchgesallen? Gabriel, du?" „Ich bin nicht durchgesallen, denn ich habe gar kein Examen gemacht. Bald nach deiner Abreise habe ich meine Pläne geändert." „Bist du Kaufmann geworden?" „Auch nicht; ich bin Staatsbeamter." „Etwa Vizekönig der Tataren?" „Spotte nicht, Baruch," wehrte Gabriel barsch; „der Präfekt hat mich zu seinem Privatsekretär ernannt." Baruch sprang wie elektrisiert auf. „Und das bedeutet natürlich den üblichen Wasserguß", sprach er langsam, Gabriel einen durchdringenden Blick zuwerfend. „Ja; es bedeutet den üblichen „Wasserguß". Aber es hat gar keinen Zweck, die Sache jetzt weiter zu erörtern. Die Aussicht war zu glänzend, und ich hatte nicht die Kraft, der Versuchung zu widerstehen; es war ein gewaltiger Schrill vorwärts, um meine ehrgeizigen Pläne zu verwirklichen. Do stehst, ich bin wenigstens kein Heuchler, um diesen Schritt durcl unwahre Phrasen zu beschönigen und zu entschuldigen. Ick gestehe dir meine weltlichen Motive frei und offen ein. Meinen Chef habe ich diese nicht verheimlicht, und er hat sie still schweigend gutgeheißen. — Dennoch aber, Baruch, kannst de mir ehrlich glauben, daß ich auch noch einen anderen Beweg grund für mein Dun hatte. In meinem Gehirn spukt irgend wo der Gedanke herum, daß ich, im feindlichen Lager, ehei imstande sein werde, den Angehörigen meines Stamme-: bessere Dienste leisten zu können. Die Schreckenstage unserer Ausweisung lebten noch zu frisch in meiner Erinnerung, daß ich nicht manches unternehmen sollte, um ein gleiches von meinen Glaubensgenossen abzuwenden. Freilich bis jetzt habe ich noch keine Gelegenheit gefunden, um meine Absichten in Taten umzusetzen; doch höre ich nicht aus, nach einer solchen zu suchen.«. Jetzt, Baruch, weißt du alles, und du hast begründete Ursache, mich als Fremden, als Abtrünnigen zu behandeln. — Soll ich gehen, Baruch?" Dieser schwieg, während sein großer, plumper Stiesel irgendeinen Takt zu hämmern versuchte; vielleicht zu der

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