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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-12 · Heft 19 (12.5.1916) · p. Seite 225

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 19 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
Seite 225 (sequence 9)
Language
German
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jejascher Maucliacho! am Schlüsse der Rede zu erblicken. (Vgl. Sanh. 100 a.) — Ein späteres Urteil hat es zugeben müssen, daß die in den Rhetorenschulen Ausgebildeten weniger zur Tugend als zu -„redseliger Hinterhältigkeit" erzogen wurden. Demgegenüber braucht es wohl nicht erst besonders betont zu werden, daß die jüdischen Redner, vom strengen sittlichen Ernst erfüllt, die ethischen Grundsätze, die sie propagierten, in erster Reihe in ihrer eigenen Person erfüllten und auf sie am allerwenigsten ein Vorwurf Bezug hatte: „Du predigst wohl schön, erfüllst aber nicht schön." (Ber. r. 34.) Andererseits läßt es sich aber nicht leugnen, daß zu gewissen Zeiten der letztgenannte Satz insofern eine Umkehrung erfuhr, als so mancher Redner zwar in schöner, vorbildlicher Weise die Forderungen seiner Rede erfüllte, diese selbst es jedoch mitunter an Schönheit mangeln ließ und sozusagen dem Publikum zumutete, hier das alte Wort Koheleths zu teilen: Besser anzuhören das Lospoltern der Weisen als das schönklingende Lied der Toren. — Im allgemeinen aber kann hier die Erscheinung beobachtet werden, wie in Ländern freierer Kulturentfaltung auch die Form und Darstellung der Rede eine erhöhte Sorgfalt erfuhr. Und wenn ein Samuel ibn Chofni (1034) in seinem Bibelkommentar gelegentlich bemerkt: „Auf manche Seelen üben gut ausgedrückte Gedanken eine noch stärkere Wirkung aus als die Musik, und darauf beruht die Wirkung der Dichter und kunstvoller Redner", so geht man gewiß nicht fehl in der Annahme, daß rhetorische Forderungen dieser Art ihre Erfüllung auch bei den zeitgenössischen Rednern gefunden haben dürften. — Ebenso mußte in Spanien, Frankreich und Italien, woselbst im Gegensätze zu anderen Ländern ein erhöhtes Bildungsstreben sich geltend machte, auch das Niveau der jüdischen Rede notwendigerweise ein höheres gewesen sein, wie dies aus den uns erhaltenen Reden eines R. Moses b. Nachman (geb. um > 200), eines R. Moses aus Eoncy (1234), Jedaja Hapnini (1305) u. a. hervorgeht, welch letzterein bekanntlich von seinen Zeitgenossen der Ehrentitel eines „Wohlredners" und sogar von christlicher Seite der „eines jüdischen Cicero" beigetegt worden ist. Zum Teil läßt sich das gegenseitige Verhältnis von Redner lind Publikum auch aus manchen Sittenbüchern odersatirischen Schriften jener Epoche erschließen. Allerdings werden hier die Farben entsprechend der ganzen Art solcher Literaturerzeugnisse zuweilen ein wenig grell aufgetragen, und demgemäß ist auch ein Urteil des am Ende der spanisch-jüdischen Aera lebenden Alami über die Redner seiner Zeit hinzunehmen, der diesen die Sucht zu prahlen und inangelhastes Wissen vorwirft: eine Charakterisierung, wie sie sich fast mit jener deckt, welche ein Kalonymos b. Kalonymos (gest. 1337) in seinem „Eben bochen“ von den italienischen Predigern entwirft, die ihm zufolge „ihre Reden mit in fremden Gärten gepflückten Blumen schmücken". Ein anderer italienischer Satiriker einer späteren Zeit, Immanuel Frances >1636), nimmt wiederum das auf Aeußerlichkeiten und Effekthascherei ausgehende Wesen mancher Redner zur Zielscheibe seiner Spottlust, wie dies aus folgenden Versen ersichtlich ist: ..Damit deine Predigt dir geling, warb ein wenig, suche dich zu fassen, Nase, Mund und Bart in Ordnung bring', alles dies sollst du nicht unterlassen. Deinen Mund so voll als möglich nimm', du darfst als Prediger alles wagen, red' mit Pathos, mit sehr lauter Stimm', kannst mit der Faust aufs Pult auch schlagen. Wenn du auftrittst mit der nötigen Kraft und mir folgst in deinem Verhalten, deine Rüde dir dann Respekt verschafft bei den Jungen und auch bei den Alten." -Groß, „Die Satire in der jüdischen Literatur", Monatsschr. 1908.) , Mag nun auch eine derartige, karikaturenhafte Zeichnung des Redners mehr auf das Konto des Satirikers gesetzt werden, so dürfte dagegen jene Charakteristik, die der bereits oben genannte Alami von der Zuhörerschaft seiner Zeit entwirft, der Wirklichkeit schon etwas näher gekommen sein, wenn er cs ihr mit der Strenge des Sittenschilderers vorhält: „Du kannst es, sooft die Menge sich einfindet, um Belehrung aus dem Munde des Gelehrten zu hören, sehen, wie die Vornehmen dabei ein Schlummerchen machen, während die anderen sich in alltäglichem Geschwätz ergehen . . . im Gegensätze zu den Andersgläubigen, wo alles wie stumm dasteht, um den Worten ihrer Prediger zu lauschen." Ohne Zweifel mochte die Blasiertheit einer überfeinerten Kultur, wie sie damals in der ihrem Ende sich zuneigenden spanisch-jüdischen Epoche zutage trat, auch Mißstände gerügter Art gezeitigt haben, aber sie erfuhren sicherlich eine radikale Umwandlung, als die schon längst unheildrohenden Gewitterwolken mit elementarer Gewalt über das Haupt der spanischen Judenheit sich entluden. Wenigstens brauchte sich der nach der Vertreibung derselben in Saloniki ansässig gemachte R. Salomo Halevi nicht über einen solchen Mangel an Interesse seitens seiner Zuhörer zu beklagen, und wenn er einmal doch mitten in seiner Rede diese aus der Synagoge hinausstürzen sah, so geschah dies nur deshalb, weil ein unheimliches, erdbebenartiges Rollen unter ihren Füßen sie in berechtigtem Selbstschutz zu eiliger Flucht antriev. Und wie groß zu gewissen Zeiten das Verlangen nach den Worten des Predigers war, läßt sich unter anderem auch aus dem Verhalten der jüdischen Bewohnerschaft Ferraras ersehen, die einmal in den Tagen der Pestgesahr (1656), als aus diesem Grunde jede gotresdienstliche Versammlung in der Synagoge untersagt war, ihren Rabbiner Jacob Zahalon nötigte, von dem Fenster seiner Wohnung aus zu ihr zu sprechen, und schwerlich mochte wohl ein Redner andächtigere Zuhörer gefunden haben als jene unter freieur Himmel versammelten jüdischen Männer und Frauen Ferraras. Wenn in Deutschland zur Zeit Kaiser Karls des Großen selbst hochstehende Kirchensürsten oft außerstande waren, etwas abzusassen, was einer Predigt glich (vgl. Freytag, „Bilder aus der deutschen Vergangenheit" 1.), so mögen die damaligen jüdischen Redner diesbezüglich gewiß weniger verlegen gewesen sein, obzwar auch hier das Predigen im großen und ganzen nicht zu den eigentlichen amtlichen Obliegenheiten des Rabbiners zählte und dem Lehrberuf gegenüber mehr in den Hintergrund trat. So wird es auch erklärlich, wenn wir hier bedeutenden Rednern seltener begegnen, zumal dem etwaigen größeren Bedürfnis der Ai enge nach religiöser Erbauung durch herumziehende sogenannte Wanderprediger Genüge geleistet ward, ähnlich wie auch in außerjüdischeu Kreisen im Mittelalter das Geschäft des „Predigens" mehr durch wandernde Prediger- oder Bettelmönche besorgt wurde. Und so wie diese letzteren in ihren Mitteln, auf ihre Zuhörer zu wirken, weniger rigoros waren und es nicht für unpassend hielten, gelegentlich auf der Kanzel selbst arge Schwänke und Witze vorzubringen, so ermangelten auch die Darbietungen jüdischer Wanderprediger mutatis mutanckis zuweilen gleichfalls nicht eines etwas derberen Humors, ohne jedoch dadurch jene höhere Stimmung zu beeinträchtigen, wie sie zur Aufnahme der Belehrung vonnöten ist. Der Zudrang des Publikums zu Predigern dieser Gattung, deren Ausläufer bis tief in das 19. Jahrhundert hinein reichen und deren spezifische Sonderart auch aus den uns erhaltenen Reden des berühmten „Dubnoer Maggid" ersichtlich ist, war demzufolge stets ein großer, und die besondere Beliebtheit derselben fand auch ihren entsprechend klingenden Ausdruck in den für sie aus dem Gemeindesäckel wie seitens reicherer Zuhörer beigesteuerten Spenden. (Schluß folgt.)

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