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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-12 · Heft 19 (12.5.1916) · p. Seite 224

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 19 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
Seite 224 (sequence 8)
Language
German
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224 Einiges vom jüdischen Ordner und keinem OubliKum. Von Dr. Max «tcif, Naußnitz. ie Stellung des jüdischen Redners im alten Israel muß wohl keine allzu beneidenswerte gewesen sein. Weiß cs doch ein jeder nur einigermaßen in der Bibel Bewanderte, wie die damaligen Redner gegen eine ganze Welt von Unverstand anzukämpfen hatten, wie ihre Worte nur taube Ohren trafen und ihnen oft nichts anderes als Verspottung, Gehässigkeit und Verfolgung eintrngen. In die Klage eines Jeremias: „Zum Gelächter bin ich geworden jeden Tag, alles spottet meiner" (20. 8) konnten die allermeisten von ihnen einstimmen, und Urteile wie: „Töricht ist der Prophet, verrückt der Alaun des Geistes" (Hosen 0. 7) ließen es mehr als begreiflich erscheinen, wenn in so manchem jener Redner im Hinblick auf die Aussichtslosigkeit seiner Bestrebungen resigniert der Entschluß reifte: „Ich dachte schon, ich will ihn (Gott) nicht erwähnen und nicht mehr reden in seinem Namen." (Zer. 20. 0). Im Laufe der Zeiten und unter der Macht veränderter Verhältnisse ist freilich auch das Publikum des jüdischen Redners ein anderes geworden, aber etwas von seinem kritischen, nörgelnden Geiste, wie von seiner Oppositionslust hatte es noch lange hernach beibehalten. Wer könnte auch für solche Sinnesart nicht eine leise Andeutung finden in dem Ausrufe, der gelegentlich einmal einem unserer Talmudweisen entfahren: „Es würde mich wundern, ivenn es in diesem Geschlechte auch solche gäbe, die Ermahnungen ruhig hinzunchmen verstünden." (Erachin 10 b). Um so seltsamer muß nun die Tatsache erscheinen, daß im talmudisch-midraschischen Schristtume ein direkter Tadel gegen solche zeitweilig sich bemerkbar machenden Charaktereigenschaften des jüdischen Publikums sich weniger vorfindct, dafür aber nicht selten f ü r das letztere gegen den Redner Partei ergriffen wird, Nichts kann hierfür bezeichnender sein, als daß von unseren Alten sogar einem Mann wie Moses der Vorwurf nicht erspart wird, er hatte das schickliche Maß von Zurechtweisung überschritten, weil er das Volk mit den Worten an gefahren: „Höret doch, ihr morim!" (wobei diesem Ausdruck die Bedeutung des griechischen - Toren unterlegt wird), und ebenso hätte einen Iesaias nur die verdiente Strafe durch Verbrennung seiner Zungenspitze getroffen, weil er wieder Israel als ein Volk unreiner Lippen hingestellt. (Ialkut Schimüni zu Ehukkath). Unzweifelhaft inag mit solch tadelnder Bemerkung anch ans manche zeitgenössische Redner angespielt worden sein, die in ihrem heiligen Eifer sich allzuweit Hinreißen ließen, leie ja an anderer Stelle es ausdrücklich vom Redner gefordert wird, sich einer geivissen Rücksichtnahme dem Publikum gegenüber zu befleißigen, oder, wie es dort heißt, sich von einer geivissen „Scheu" vor demselben leiten zu lassen. (Sota 40 a.) Ihren Ausdruck hatte diese aber auch nicht zum wenigsten darin zu finden, daß der Redner sich nicht aus Eingebungen des Augenblickes verlassen oder Stegreifrcden halten sollte, vielmehr den ganzen Gedankengang seiner vvrzubringendcn Auseinandersetzungen sich früher znrechtznlegen, namentlich aber ans die Einkleidung der Gedanken besondere Sorgfalt zu verwenden verpflichtet ward. Und ivenn man auch hierin nicht so weit ging, wie in den damaligen heidnischen und selbst christlichen Kreisen, wo die schöne Form allein ausschließliche Pflege erfuhr und sogar ein Bischof Basilius kein Bedenken trug, zu diesem Zwecke Unterweisungen vom heidnischen Rhetor Libanius entgegenzunchmen, so würde doch von demjenigen, welcher Worte der Lehre in der Ocffentlichkeit vorzutragen sich berechtigt hielt, es verlangt, daß er sie seinen Zuhörern „wie Milch und Honig angenehm zu machen" verstehe, im anderen Falle aber solches lieber ganz unterlasse. (Schirhasch, rabba.) — Bot doch das Wissen und die sonstige Bedeutung eines Mannes nicht immer auch die Gewähr dafür, seine Zuhörerschaft zu vollster Aufmerksamkeit nötigen zu können, wie ja uns selbst von zwei solch hervorragenden Größen, Rabbi Akiba und Rabbi, dem Redaktor der Mischna, der seltsame Fall berichtet wird, daß sie ihr während ihres Vortrages in leichten Schlummer geratenes Publikum erst durch absonderlich klingende Fragen wachzurütteln vermochten. (Midr. r. zu Chaje Sara.) Und wenn Raba gelegentlich einmal den Ausspruch tat, daß die Besitzer von Gütern auch darum derselben verlustig werden können, weil sie ihre Mahlzeiten am Sabbat gerade um die Zeit der üblichen Derascha ansetzen, so wurde er hierzu sicherlich deshalb veranlaßt, weil seine Zuhörer ihrer Verpflichtung, seinem Vortrag beizuwohnen, nicht allzu gewissenhaft nachgekommen sein mochten. (Gittin 38 a.) Da ist es denn einigermaßen begreiflich, wenn der eine oder andere nicht die Selbstüberwindung besaß, eine solch kränkende Zurücksetzung ruhig hinzunehmen, und einmal R. Chisda anläßlich eines derartigen Vorkommnisses seinen Gefährten R. Hamnuna mit der strafweisen Verhängung des leichten Bannes über diejenigen betraute, die sich eines solchen Versäumnisses schuldig geniacht hatten. Freilich nur mit geringem Erfolge, wie sich nachträglich erwies. Denn als R. Hamnuna jene Leute ob ihres Vorgehens zur Rede stellte, da bekam er statt Worte der Entschuldigung die spitze Antwort zu hören: „Nicht Hamnuna, sondern Karnuna soll man dich heißen!" (Kidduschin 25 a) (ein ironisierendes Wortspiel, das nach S. D. Luzattos Auslegung soviel wie „gehörnt" oder „dumm" bedeutet). Dieser Fall, einem Gelehrten in solch respektwidriger Weise zu begegnen, darf übrigens zu den ganz ungewöhnlichen zählen, da es bekanntlich schon verboten war, ihn beim bloßen Namen zu nennen (Sanh. 100 a), und erst recht als schwer zu sühnendes Vergehen galt, seinen Nächsten in der Oefsentlichkeit mit einem verspottenden Beinamen zu belegen. (Taanith 20 b.) Trotzdem findet sich im Talmud noch eine ähnliche, auf Namenverspottung berichende Abfertigung vor, die einmal dem ob seiner grotesk ausgeschmückten Erzählungen bekannten Rabba bar Bar-Chana zuteil geworden, der es auf seine bizarren Ausführungen hin gelegentlich anzuhören bekam: „Jeder, der den Namen Abba führt, ist beschränkt, und wer gar Abba bar Bar-Chana heißt, ist ein um so größerer Narr." (Baba batra 74 a.) Solche Ausnahmsfälle lassen jedoch noch lange nicht den Schluß zu, als ob die damaligen jüdischen Redner in der allgemeinen Wertung nicht gar zu hoch gestanden hätten, es gab vielmehr deren eine ganze Reihe, auf die das Wort des Talmuds gemünzt sein konnte: „Wenn du ihre Worte hörst, dann mache dein Ohr zu einem Trichter, damit auch nicht das geringste verlorengeht." Freilich dürfte es kaum vorgekommen sein, daß jüdische Redner sich einer ähnlich enthusiasmierten Zuhörerschaft rühmen konnten, wie sie zuweilen ans nichtjüdischer Seite vorkam, wo man oft schon bei jeder schön gerundeten Sentenz, bei jeder prächtigen Beschreibung oder bei jedem neuen Gleichnis in laute Bravorufe ansbrach oder gar von seinem Sitze aufsprang, um dem Redner Kußhände zuznwerfen, eine immer mehr um sich greifende Angewohnheit, gegen die gelegentlich Johannes Chrysostomos (geb. 354) auf der Kanzel losdonnerte, allerdings nur mit dem einzigen Effekte, daß auch diese seine Rede gegen das Beifallsklatschen in der Kirche wiederum einen Beifallssturm entfesselte. (Otto Seeck: „Die Rhetorik zur Zeit Julians des Abtrünnigen.") Wenn von derartigen, äußerlichen Erfolgen jüdischer Redner gesprochen werden darf, dann wären diese höchstens in dem vielleicht um diese Zeit und in Nachahmung erwähnter nichtjüdischer Gepflogenheit entstandenen Zuruf:

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