Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1916)
- Date
- 1916-05-12
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229252--72213-3284642- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
223 eine Untersuchung für die Gegenwart ganz gleichgültig ist, so ist es doch verdienstlich und Pflicht, die Wahrheit -es Geschehenen nach Möglichkeit zu eruieren. Nun erinnere ich mich, bereits vor 73 bis 74 Jahren, ich war damals ein Bube von 9 bis 10 Jahren, Bruchstücke einer Ghetto-Geschichte gelesen zu haben, deren Verfasser kein geringerer als Jsaac Euchel, Schüler und Freund Moses Mendelssohns, war, Verfasser eines recht verdienstvollen Kommentars zu den Sprüchen Salomos. Darauf erinnere ich mich nicht mehr, ob diese Ghetto-Geschichte gedruckt oder handschriftlich — damals pflegte man in den Kreisen kleiner, mittelloser Leute sich noch nicht den Luxus zu leisten, dergleichen Schrifterzeugnisse zu kaufen, sondern man schrieb sie sich ab — in dem Besitze eines Mannes war. Dagegen weiß ich, daß jemand im Jahre 1865 ein gedrucktes Exemplar besaß, das ich aber nicht sah, woraus er einiges mitteilte, -das die Lachnerven erregte. Der Titel des Büchleins war:.. oder „Was tut me damit". Die hier mit Punkten bezeichnete Stelle hatte zum Titel einen Eigennamen, aus den ich mich nicht mehr erinnere. Sagen wir etwa „Moscheche" oder „Schmulche Was tut me damit". Unter uns Rabbinatskandidaten — es waren damals in der zweiten Hälfte der 30er Jahre kaum mehr als sechs, die die Universität besuchten und zugleich rabbinische Studien betrieben — wurde im Jahve 1836 mit großer Befriedigung Bernsteins Rezension, Abschlachtung des Pamphlets eines gewissen Jacoby (ich glaube: ebenso wie der bekannte Parlamentarier Johann Jacoby ein Königsberger), „Klagen eines Juden" gelesen. Ich erinnere mich, daß Bernstein zur Widerlegung Jacobys schrieb, der Jude klagt wohl über politischen Druck, aber nicht, daß er Jude ist, er preist, dankt vielmehr tagtäglich dem Himmlischen, daß er ihn zum Israeliten geschaffen. — Es würde mir eine gewisse Befriedigung gewähren, wenn ich Ihnen noch einige Körnchen zur Vervollständigung Ihrer geschätzten Aufsätze über den seligen -Bernstein gegeben." Zur Erklärung des vorstehenden Briefes sei nur bemerkt, daß der Verfasser der angeführten Gedichtsammlung Joel Jacoby hieß und später zum Christentum überging. Vielleicht ist einer unserer Leser imstande, über die beiden hier erwähnten jüdischen Novellen etwas Näheres anzugeben. Außer dem oben abgedruckten Briefe Wieners sandte mir Frau Ottilie Franzos einen Brief des sehr verdienten ehemaligen Sekretärs der jüdischen Gemeinde Herrn Philipp Wertheim, an den ihm sehr befreundeten A. Bernstein gerichtet, einen Brief, der nach dem Erscheinen von „Vögele der Maggid" geschrieben ist. Er lautet in seinen wesentlichen Teilen: „Berlin, 11. Juli 1857. Mein verehrter Freund! Nachdem ich „Vögele" näher kennengelernt habe, muß ich Ihnen nochmals darüber schreiben, um Ihnen meine Freude über die herrliche Arbeit mitzuteilen. Ihr — --wät ganz vorzüglich; jetzt, wo ich den Eindruck des Ganzen gehabt habe, ist mir der literarische wie ästhetische Wert erst recht klar geworden. Goldbaum hat für die humoristischen Stellen seine besonderen Sympathien. Ich kann Ihnen aber sagen, daß die Innerlichkeit, die durch die ganze Erzählung geht, jedes Gemüt ergreifen und erbauen muß. Dr. Rosin hat das rechte Wort getroffen, wenn er sagte, Sie hätten Mekaddesch Haschern gewesen; es ist ein wirkliches Liddusch Haschern, in der Weife die alten Juden und das alte Judentum darzustellen. Morgen schicke ich einige Exemplare an Nissen, Dr. Geiger und Dr. Honigmann; ich werde Ihnen das Weitere darüber berichten. Dr. Veit ist so entzückt, daß er Ihnen wohl schon geschrieben haben wird, um Ihnen seine Freude auszudrücken. Irre ich nicht, so ist die Rezension inderheutigenNummer der „Volks- Zeitung" seiner Feder entflossen." Der Brief ist für die Würdigung, welche die ausgezeichnete Novelle in Berliner Kreisen fand, außerordentlich wichtig. Die darin genannten Personen bedürfen einer ganz kurzen Erläuterung: Moritz Goldbaum war der Schwager Philipp - Wertheims, ein vielbeschäftigter Arzt, von seiner Jugend her mit jüdischen Dingen wohl vertraut. Rosin war damals Lehrer in Berlin und erwarb sich später als Dozent an dem Breslauer Seminar und als vielseitiger Gelehrter große Verdienste. Die Breslauer Persönlichkeiten sind die folgenden: Nissen war ein Kaufmann, dabei aber ein bedeutender jüdischer Gelehrter, mit meinem Vater innig befreundet; Dr. Geiger ist mein Vater, der schon damals Bernstein sehr schätzte und während seiner Berliner Zeit mit ihm äußerst vertraut war; Dr. Honigmann war Jurist, Syndikus der Gemeinde und ein höherer Beamter einer Eisenbahngesellschaft, poetisch sehr begabt; er hat einzelne treffliche Dichtungen veröffentlicht. Der am Schlüsse des Briefes erwähnte Dr. Veit ist der bekannte Politiker, Buchhändler und Schriftsteller Moritz Veit in Berlin. Die oben mitgeteilten Schriftstücke sind der Veröffentlichung wohl wert, sie bilden einen hübschen Beitrag zur Erläuterung der Ghetto-Geschichten^). L. G. h Bei dieser Gelegenheit mag folgende interessante, bisher nicht beachtete Stelle aus Varnhagens v. Enses Tagebüchern, Bd. 7, S. 15 s. vom 11. Januar 1850 initaetsilt werden: Besuch bei Bernstein, dem Redakteur der „Urwaller Zeitung", in der Rosenthaler Straße. Einfaches Hauswesen mit 7 kleinen Kindern. „Dieselbe Schlichtheit und Milde wie sonst; er ist nur streng und scharf aus Eifer für das Recht, für die Sittlichkeit, für die Religion, er haßt das Böse nur aus Liebe zum Guten, er hat keine Leidenschaft, keinen Zorn, keine Galle. Seine Urteile sind nicht gehässig, er lenkt gern zur Versöhnung ein. Furcht hat er nicht, er ist aus alles gefaßt ... Er hat nicht glänzenden Geist und sprühenden Witz, aber alle Macht des Wortes, die in der Ehrlichkeit liegt." Rabbiner Dr. Leopold Stein. iipste; W-t&i