Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1916)
- Date
- 1916-05-12
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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222 einen jüdischen Arbeiterdichter sei aus dem „Vorwärts" * hervorgehoben. Sie lautet folgendermaßen: Me aus New Jork geschrieben wird, ist vor einigen Tagen der jüdische Volksdichter I. Vowschower im Mer von 43 Jahren gestorben. Seine Bedeutung liegt in den zahlreichen Schilderungen aus dem Leben des niederen jüdischen Volkes und in Uebersetzungen, unter denen eine Bearbeitung von Goethes „Faust" die weiteste Verbreitung gefunden hat. Das in Warschau erscheinende jüdische Arbeiterblatt „Die Lebensfragen" widmet dem verstorbenen Dichter folgenden Nachruf: „Für die Literatur und das gesellschaftliche Leben ist Vowschower schon lange tot gewesen. Seit 1899 war er geistig krank und befand sich in einer psychiatrischen Heilanstalt, versunken in eine schwere Melancholie. Joseph Vowschower wurde im Jahre 1872 in Ljubawitsch, Gouvernement Mohilew (Rußland) geboren; schon in früher Jugend trat er als Angestellter in eine Metz-Handlung ein. Im Jahre 1890 wunderte er nach Amerika aus, wo er zuerst als Landarbeiter und dann als Angestellter in einem Kolonialwarengeschäft seinen Unterhalt fristete. In seinen Liedern beweinte Vowschower die Leiden der Arbeitermassen, die unter dem Joch einer endlosen Ausbeutung seufzen. Viele seiner Lieder wurden wirkliche Volkslieder, die von den Arbeitern gesungen lverden. Zum erstenmal erschienen sie in den jüdischen anarchistischen Zeitungen „Arbeiterfreund" in London und „Freie Arbeiterstimme" in New Jork. Einige seiner Lieder übersetzte er auch ins Englische. Zn London erschienen auch zwei kleine Sammlungen seiner Lieder unter dem Titel „Bilder und Gedanke n" und „Lieder und Gedichte". Viele von seinen Liedern sind auch in die vom Jüdischen Sozialdemokratischen Arbeiterbund (in Rußland) herausgegebenen illegalen Liedersammlungen ausgenommen worden. Aabbiittr Dr. Leopold Stria über dessen Hinscheiden und Beisetzung in Nr. 3 und 4 dieser Zeitschrift berichtet wurde, ist am 4. April 1874 in Posen geboren, besuchte das dortige Friedrich-Wilhelms-Gymnasium und nach der Uebersiedelung seiner Familie in die Reichshauptstadt im Jahre 1886 bas berlinische Gymnasium zum grauen Kloster, an dem er 1895 das Abiturientenexamen Bestand. Da er großes Interesse für Sprachen hatte — er konnte als Schüler stundenlang in Wörterbüchern lesen —, beschloß er, neuere Philologie zu studieren. Daneben hatten die religiöse Erziehung im Elternhause, der Unterricht in der Religionsschule der Adaß-Jisroel-Gemeinde zu Berlin und der Verkehr mit Schulkollegen, welche sich dem Rabbinerberuf widmen wollten, auch in ihm die Lust zur Theologie erweckt. Weil er aber befürchtete, keine genügende Redegabe zu besitzen, wollte er anfangs nicht Rabbiner werden, sondern sich zum Gymnasial- und Religionslehrer ausbilden. An den Universitäten zu Berlin und Kiel studierte er Französisch, Englisch und Spanisch und promovierte an der letzteren Universität mit einer Abhandlung aus der spanischen Literatur „Untersuchungen über die provorbios Noiales von Santob de Carrion". Die theologischen Studien betrieb er zunächst an dem Rabbinerseminar zu Berlin. Um aber in seiner religiösen Entwicklung nicht gehemmt zu sein, trat er bereits nach einem '©emefter in die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums über. Durch diesen Schritt wollte er sich nur die Freiheit des Geistes wahren, sich aber nicht von der Uebung der traditionellen Formen des Judentums tossagen, denn mit dem Herzen blieb er ein konservativer Jude und betrachtete die Zeremonien als einen wichtigen Bestandteil der Religion und als Erfordernis für die Erhaltung des Judentums. Als er darauf im folgenden Jahre an den hohen Feiertagen als Prediger fungierte und dieser Versuch, als öffentlicher Redner auszutreten, glückte, faßte er Muk, doch Rabbiner zu werden, und legte im Jahre 1904 das Rabbinaisexamen ab. Kurz darauf wurde er von der israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden zum Religionslehrer und stellvertretenden Rabbiner berufen. Er verstand es, sich die Herzen der Jugend durch den Religionsunterricht in der Schule der Gemeinde und an dem Freimaurerinstitut zu gewinnen. Besondere Verdienste erwarb er sich durch Einführung des Fortbildungsunterrichtes, da vordem die Jugend in Dresden nach Vollendung des 14. Lebensjahres keinen Religionsunterricht mehr genossen hatte, und ganz vorzüglich durch Gründung eines Jugendheimes der Fraternitasloge, in welchem er in sorüaufenden Zyklen Vorträge über jüdische Geschichte und Literatur hielt, und in welchem die jungen Leute von ihm angehalten wurden, selbst Vorträge zu hatten, und auch kaufmännisches und juristisches Wissen erlangten. Er rief bald nach dem Antritt seiner Stelle einen Verein für jüdische Geschichte und Literatur ins Leben, dessen geistiger Leiter er stets war, reorganisierte und erweiterte die Gemeindebibliothek und richtete ein Lesezimmer an ihr ein. Seine rabbinische Tätigkeit erblickte er nicht nur darin, von der Kanzel in tiefempfundenen Predigten, die sich durch schwungvollen Stil und besonders klaren Aufbau und dadurch auch durch leichte Verständlichkeit auszeichneten, aus die Zuhörer zu wirken, sondern auch wie ein. echter Seelsorger jedem einzelnen Gemeindemitglied näher zu treten, Kranke zu besuchen. Arme zu beraten und zu unterstützen. Durch diese Tätigkeit und sein schlichtes und gütiges Wesen erwarb er sich die Liebe der ganzen Gemeinde. Und trotz einer schleichenden Krankheit machte er es sich zur Aufgabe, in den Lazaretten und Gefangenenlagern die Militärseelsorge zu üben. Daneben betätigte er sich auch wissenschajtlich durch Rezensionen und Aussätze, z. B. in Nr. 7 des Jahrganges 1914 dieser Zeitschrift über Professor Dr. Wünsche in Dresden, und gab eine vortreffliche Jugendschrist „Akiba und seine Zeit" heraus, welche für Gemeinde-, Vereinsbibliotheken und zu Barmizwahgeschenken warm empfohlen werden kann. An der Vollendung eines anderen „Barmizwahbuches", einer Sammlung von guten Aufsätzen, welche geeignet sind, Jünglingen ins Leben mitgegeben zu werden, wurde er durch den frühen und jähen Tod verhindert. Mitten aus seiner schafsensfreudigen Arbeit wurde er in der Blüte des Lebens, noch nicht 42 Jahre alt, am 15. Januar d. I. durch eine schwere Krankheit schnell dahingerafft. Zwei Namen führt der Mensch aus seiner Weltenreise, Der eine ward ihm in der Eltern Haus, Den andern sprechen seine Taten aus. Dr. B a r o n (Kolberg). Lur Geschichte der jüdischen Novelle. Emil Franzos hat in seiner Zeitschrift „Deutsche Dichtung" im Jahre 1895 einen ungemein lehrreichen Aufsatz über die Ghettogeschichten veröffentlicht und namentlich die Frage untersucht, wer der Begründer dieser eigenartigen Novelle ist. Er hat dabei das Verdienst A. Bernsteins stark hervorgehoben und eine feinsinnige Charakteristik von dessen Novellen gegeben. Nachdem diese Aufsätze erschienen waren, erhielt er von dem seitdem verstorbenen wackeren Rabbiner in Oppeln, Dr. A. Wiener, folgenden Brief, den ich der Güte von 'Frau Ottilie Franzos verdanke. Ich lasse ihn hier folgen: „Oppeln, 25. März 1895. Sehr geehrter Herr! Mit der strengsten Akribie untersuchen Sie die Priorität bezüglich der Ghetto-Geschichte. Vielen, selbst gelehrten Forschern, mag eine streng-genaue Untersuchung als ganz unwesentlich erscheinen, einem gründlichen Forscher aber mit vollem Rechte nicht. Der bekannte Salomo Jizchaki (Raschi) schrieb vor 900 Jahren (siehe Gern. Ehül. 17b): Wenn auch