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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-12 · Heft 19 (12.5.1916) · p. Seite 221

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 19 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
Seite 221 (sequence 5)
Language
German
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gewollten Erfolge führen, -den Gesetzen der Menschlichkeit bei ollen kriegführenden Nationen Geltung zu verschaffen, so würde die deutsche Regierung sich einer neuen Sachlage gegenüb e r s e h e n, für diy sie sich die volle Freiheit der Entschließungen Vorbehalten muß. Hoffentlich tragen diese Ausführungen dazu bei, die Amerikaner an ihre Pflicht zu erinnern, und werden sie die Wirkung haben, einen Bruch zwischen Amerika und Deutschland zu verhindern. * Zu der auch von uns in der vorletzten Nummer veröffentlichten Notiz über die Amtsentsetzung des seit mehr als 20 Jahren in Liverpool wirkenden Rabbiners Harris, weil er sich mißbilligend über den Krieg und das englisch-russische Bündnis ausgesprochen hatte, wird dem „Israelitischen Wochenblatt" in Zürich aus London geschrieben: „Dieser Beschluß hat in weitesten Kreisen Englands, sowohl jüdischen als christlichen, die ihn als einen Eingriff in die Gewissensfreiheit betrachten, Widerspruch gefunden, obwohl bei allen Verteidigungen des Rabbiners die Ansicht Zum Ausdruck kommt, daß man mit dem Standpunkt des Rev. I. Harris nicht einverstanden sei. Besondere Beachtung verdienen die Briefe des Pfarrers an der Hope Street Free Church in Liverpool, Rev. Dr. Stanley A. M e l l o r, 6. A. Ph. D., und des Pfarrers Dr. Walter Walsh, v. D. Beide erklären, daß es schimpflich für die Nachkommen von Micha und Jesaia sei, einem kirchlichen Beamten dadurch den Mund zu schließen, daß man ihn, der sonst ohne Fehler fei, wegen von ihm geäußerter Gewissensbedenken brotlos mache. Trotz des Versuches des Vorsitzenden der Liverpooler jüdischen Gemeinde, ihre Handlungsweise als berechtigt zu verteidigen, ist doch die Folge der allgemeinen Bewegung, daß Rev. Harris wieder in sein Amt eingesetzt worden ist. Doch herrscht großer Unwillen über den Chief Rabbi, weil er sich noch nicht über den Fall geäußert habe, obwohl er die Generalaufsicht über sämtliche Rabbinate hat und erst kürzlich sich in London ein ähnlicher Fall ereignete, wo der Betroffene, Rabbiner Dr.Heckmann, freiwillig resignierte." Besondere Beachtung verdienen folgende Mitteilungen des betreffenden Berichterstatters: 1. Frech erhebt der Antisemitismus sein Haupt in England, und man sieht täglich mehr ein, daß das Bündnis mit Rußland nicht den bisherigen englischen Freiheitsgeist nach Rußland verpflanzte, sondern umgekehrt der russische Geist der Bedrückung und Verleumdung der Juden sich in England breitzumachen beginnt. Hiervon einige Beispiele: „The Investors Review", eine englische Handelszeitung, bemerkt, wir müssen Italien von der Vasallenschaft des deutschen Kapitalismus befreien, und ergänzt es dahin, daß unter „deutschem Kapitalismus" jüdischer Kapitalismus gemeint ist. — 2. Der jetzt vielgepriesene Herr Hughes, der australische Premierminister, hielt eine Rede in dem „City Carlton Club", in der der Satz vorkommt: „Dieser Krieg hat die Totenglocke einer Politik der „Billigkeit" geläutet, die keinen Gedanken für soziales und industrielles Wohlergehen der Arbeiter in sich trug, die Reichtum als Größe ausfaßte; kein Unterschied, ob sich der Reichtum in unseren Händen oder in denen von deutschen Juden befand." 3. Ein Jude namens Nienberg erklärt, daß ihm seine Religion zu töten verbiete. Daraus die Frage des Richters: „Wer tötete Christus? Waren es nicht deine Glaubensgenossen?" Was soll man zu solchen, gelinde gesagt, Geschmacklosigkeiten sagen? 4. Im kanadischen Parlament machte ein Mitglied „die schurkischen Juden" für jede Spekulation verantwortlich. Der Premierminister hat ihn allerdings widerlegt und die Juden in Schutz genommen. 5. In Birmingham wurde ein bewährter Pfadsinderführer abgesetzt, „weil sie die Mitarbeit eines Juden nicht ferner wünschen". Das ist nur eine kleine Blütenlese, die allwöchentlich um viele Beispiele vermehrt werden kann. — Fatal ist die Position der englischen Juden in bezug auf Rußland überhaupt. Es ist ihnen unmöglich, länger ihre Augen vor den ihnen täglich bekanntwerdenden russischen Greueln gegen die Juden zu verschließen, aber die Bundesgenossenschast verbietet ihnen, sich „in die inneren Angelegenheiten" des Freundes zu mischen. Da leisten sie nun an equilibristischen Kunststücken das Ungeheuerlichste und bemühen sich das, was Rußland angeht, auf Deutschland abzuwälzen. Und doch leuchtet überall die jüdische Seele, das jüdische Gewissen, die jüdische Barmherzigkeit hervor, so daß begründete Hoffnungen vorhanden sind, daß die Verständigung nicht lange wird auf sich warten lassen. * Ueber den Selbstherrscher aller Reußen, Nikolaus II., unter dessen Regierung unsere Glaubensgenossen auch in Friedenszeiten in einem fürchterlichen Kriegszustände sich befanden und häufiger und schmerzlicher als alle anderen unterdrückten Völkerschaften die Wucht der russischen Knute an ihrem Leibe verspürten, gehen viele Mären um, die sein Charakterbild den Zeitgenossen illustrieren. Aber kaum eine reicht an die Schilderung heran, welche F i l i p e s c u, der russenfreundliche, sonst aber redliche rumänische Politiker, nach seiner Rückkehr aus Rußland von Nikolaus II. den Bukarester Pressevertretern gegeben hat: „Der Zar macht den Eindruck eines vollkornmen zerrütteten Menschen. Unfähig, eine Frage durchgreifend zu erörtern, springt er von einem Thema zum andern. Beim Sprechen läuft der Zar immer erregt hin und her. An den Menschen sieht er vorbei. Der Zar spricht vom Kriege als von einem fürchterlichen Unglück, das Rußland betroffen hat. Trotz der sich oft bei ihm wiederholenden Versicherung, Rußland werde sich aufrasfen und seine Feinde niederschmettern, spreche eine tiefe Mutlosigkeit aus dem Zaren. Hin und wieder merkt man dem Zaren eine gewisse Gereiztheit an. Die Audienz beim Zaren dauerte etwa eine halbe Stunde. In Gesellschaft . des Zaren befand sich R a s p u t i n, der aus jeden einen unangenehmen Eindruck machte. In seinen tiefliegenden Augen lodern böse Leidenschaften. Er unterbricht den Zaren öfters im Gespräch und führt das Gespräch fort, wenn der Zar stockt. Rasputin, der sich bald zurückzog, verstand trotz seiner anscheinenden Intelligenz sehr wenig von den geführten Gesprächen. Man gewinnt von dem sonderbaren Mönch nicht den Eindruck eines hervorragenden Menschen. Es ist unfaßbar, wie Rasputin auf den Zaren solchen Einfluß gewinnen konnte." Im Anschluß hieran mag es von Interesse sein, daß Kaiser Nikolaus schon in den Anfangsjahren seiner Regierung auf einen unparteiischen Beobachter den gleichen unvorteilhaften Eindruck gemacht hat. Andrew White, ehemals amerikanischer Botschafter in Berlin und am Zarenhofe, schreibt in seinen Erinnerungen: „Der jetzige Herrscher, ein Schwächling auf dem Throne, läßt, weil er indifferent, sorglos und absolut unfähig ist, die Zügel der Regierung fest in seine Hände zu nehmen, die reaktionäre Partei seiner Umgebung willkürlich schalten und walten. Seine Dynastie, vielleicht gar er selbst, wird die Folgen zu tragen haben; das kann ich ihm prophezeien. Von jeher hat die Geschichte davon Zeugnis abgelegt, daß solche Verbrechen (bezieht sich auf Finnland — Die Redaktion.) nicht ungeahndet bleiben... Der junge Monarch, dessen Schwäche so fürchterliche Zustände verschuldet hat, beschwört die Vergeltung des Himmels auf sein Haupt und auf das seiner Nachfolger herab. Die Romanows werden noch an sich erfahren müssen, „daß es in der Welt eine Macht gibt, die höher als die unsere und allgerecht ist" . . . Als ich mit dem jungen Fürsten, der damals noch nicht auf dem Throne saß, mich unterhielt und sah, wie sehr er in seinem Reiche ein Fremdling war, wie er gar nicht einmal davon unterrichtet war, daß die Hungersnot ein zweites Jahr furchtbar in verschiedenen großen Bezirken seines Landes wütete — da tönten mir, wie schon so oft, Oxenstiernas Worte an das Ohr: „Zieh' nur hinaus, mein Sohn, und sieh, mit wie wenig Weisheit die Welt regiert wird." Es ist ein schmerzliches Erkenntnis, das ich hier aussprechen muß, daß Nikolaus II. von allen Herrschern Europas Karl IX. von Frankreich am ähnlichsten ist: jenem Karl IX., der sich unter dem Einfluß seiner Familie, männlicher und weiblicher Verwandten, unter dem Einflüsse von Höflingen und Priestern dazu hergab, das Blutbad der Bartholomäusnacht gutzuheißen. Daß die Strafe auch Nikolaus II. und sein Haus treffen wird, ist nur zu sicher . . * Sonst ist von allgemeinen und speziell jüdischen Verhältnissen nichts- Besonderes zu melden. Nur eine Nachricht über

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