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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-12 · Heft 19 (12.5.1916) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 19 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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219 Produktion flößt die der Ethik Vertrauen und Hoffnung ein. Sie schafft gewissermaßen theoretisch, dh. nicht einem unausweichlich gewordenen Zwange einer Wirtschaftsgruppe folgend, sondern dem Erfordern der Gerechtigkeit an sich, um dem. sich fühlbar machenden Drange nach Umgestaltung der menschlichen Verhältnisse zu dauernder gegenseitiger Erhaltung zu genügen. Solche Produktion ist künstlerisch und hat „Schönheitswert", weil sie das Gepräge eines ihr vorschwebenden Wertziels annimmt, welches stetiges Fortschreiten garantiert. Jene wirtschaftliche Produktion ist dagegen Gelegenheitswerk ohne ethisches Zielbewußtsein und darum auch ohne ethische Folgerichtigkeit. Die künstlerisch-ethische Betätigungsart bezeichnet die psychische Eigenart eines Volkes, einer gesonderten Gvuppe. Geht diese Eigenart verloren, so besteht kein Anlaß zur Absonderung der betreffenden Gruppe mehr — zumal Absonderung stets auch Schaden im Gefolge hat. Dem Volk der Moral ist die Moral Herzenssache, nicht Geschäftsmethode.. Es ist nicht befriedigt, wenn Ordnung und Ruhe geschaffen ist, gegen die keine starke Gruppe Einspruch erhebt. Vielmehr ist sein Interesse gebannt, sobald unter den menschlichen Beziehungen eine solche zerstörender Art, die dem Eingriff zugänglich ist, sich darbietet, um den Fall zu zergliedern und zu klären und den Schönheitsfehler der menschlichen Gesellschaft zu beseitigen. Auch ein Fall, dessen Behandlung nicht von einer wirtschaftlichen Interessenvertretung gefordert wird, ist ihm ein Gegenstand des Studiums und der Schaffenslust. Die Träger solcher Moralität freuen sich natürlich auch, wenn im Getriebe der wirtschaftlichen Gruppenkämpfe ein großer Fortschritt der Gerechtigkeit erzielt wird, wie dies jüngst der Fall war, als durch Deutsches Reichsgesetz vom 8. Juni 1915 endlich der längst als unhaltbar erkannte Zustand beseitigt wurde, daß ein Hypothekenschuldner dem sein Grundstück beschlagnahmenden Hypothekengläubiger noch für sehr lange Zeit, selbst über den Zuschlag hinaus, die Einkünfte des Grundstücks zu eigenem Nutzen entziehen konnte. Nur wundern sie sich, wie solch ein Zustand so lange bestehen und selbst durch die Rechtsprechung verschlimmert werden konnte. Darin wie in mancher anderen Schwächlichkeit gegenüber zerstörenden Tendenzen sehen sie einen Strukturmangel des Rechts der Gesellschaft, einen Mangel an künstlerischer Geschlossenheit, an ethischer Zielbeherrschtheit seiner Regeln und seiner Ausübung, deren Erkenntnis und Bekämpfung ihnen die ethische Eigenart ihrer Weltausfasiung zur Pflicht macht. — Es wäre merkwürdig, wenn das Volk der Juden nicht bald an die Stelle des ihm früher so teuer gewesenen Talmud- und Dezisorenstudiums ein Studium des jetzigen menschlichen Zusammenlebens, des heutigen Rechts- und Wirtschaftslebens setzen sollte, um wieder als Faktor des Lebens zu wirken und die Berechtigung seiner Existenz dadurch zu erweisen, daß es wieder, sein altes Panier mit der Inschrift: „Schasset Recht den Waisen und führet den Streit der Witwen!" erhebt. Eine solche Betätigung auf Grundlage besonderer Volksart und eigenartiger Weltanschauung kann durch keine Teilnahme an irgendwelchen Bestrebungen und Betätigungen anderer ersetzt, und entbehrlich gemacht werden. Vielleicht klaffte — gemäß den Berichten der Bibel — im alten Judentum ein unausgefüllter Spalt zwischen der Moraltheorie der Führer und der praktisch-wirtschaftlichen Wirklichkeit. Vielleicht fehlten damals die Kräfte, die eine heilsame Wirkung der ersteren auf die letztere und damit ein geschlossenes Volksleben ermöglichten. Darum will Israel für jetzt und die Zukunft sich auch nicht von der Beteiligung an den wirtschaftlichen und technischen Arbeiten der anderen Völker fernhalten. Aber es darf auch keineswegs die Eigenart seines Volksgeistes, die sich auch bei ihm nur in der Eigenart seiner großen Geister deutlich ausprägt, vernachlässigen. Wenn es seine ethische Idee aufgibt, deren Tiefe und Klarheit gerade darin besteht, daß sie nicht planlos neben dem Wirtschaftsleben vegetiert, sondern als zielsetzende Idee der Gerechtigkeit praktische Arbeit, Arbeit an der ethischen Durchwirkung des Rechts- und Gesellschaftslebens verlangt, so gibt es sich damit selbst auf und gibt dem Anspruch recht, daß es sich endlich zur Ruhe setze und anderen Volksarten einfüge, wie es selbst das Genievolk der Griechen getan hat. So viel sei hier für Freunde des jüdischen Geistes über die Aufgabe des jüdischen Volkes gesagt. Zur größeren Klärung derselben wäre eine eingehende philosophische Betrachtung erforderlich. Den Geist der nachstaatlichen jüdischen Geschichte zu ergründen, ihn in Zusammenhang mit dem der biblischen Geschichte zu bringen und aus dieser Erkenntnis der gesamten Geschichte die Charakterart des Judentums festzustellen und nachzuweisen, ist schließlich die schwierige Aufgabe derjüdischenGeschichte,die hier auch nicht einmal versucht werden kann. Sir Woche. Berlin, den 9. Mai 1916. egenüber den großen Erfolgen der letzten Berichtswoche ist diesmal nicht allzuviel von Kriegsereignissen zu melden. (Nur am 8. d. M. sind hübsche Erfolge gegen Franzosen ■unb Italiener erzielt worden.) Glücklicherweise auch nichts Unerfreuliches, außer daß ein „Zeppelin" an der norwegischen Küste zugrunde gegangen ist. Ueberhaupt hat der Luftkrieg einen ungeheueren Umfang angenommen: man kämpft nicht inehr mit einzelnen Fahrzeugen, sondern mit ganzen Geschwadern. Nach einer Zusammenstellung unserer Obersten Heeresleitung sind in der zweiten Hälfte "des Monats April leider zweiundzwanzig unserer Luftschiffe zugrunde gegangen; dagegen ist es gelungen, nicht weniger als 36 feindliche Luftschiffe im Westen zu vernichten. Im Osten und Süden sind Valona und Brindisi erfolgreich mit Bomben belegt worden. Auch ein neuer Luftangriff auf England wurde unternommen, der vielen Schaden angerichtet hat. * Die Anstrengungen unserer Feinde, die namentlich in Frankreich mit ganz besonderer Heftigkeit geführt wurden, sind glücklicherweise ohne jeden Erfolg geblieben. Mich von keiner anderen Front ist etwas Unangenehmes zu melden; die deutschen und die verbündeten Truppen halten gute und starke Wacht und sind bereit, etwaige Angriffe der Gegner kräftig zu erwidern und abzuschlagen. Ms erfreuliche Nachricht von dem mazedonischen Kriegsschauplatz ist zu melden, daß Doiran genommen worden ist. Griechenland hat weiter energisch die Zumutung der Westmächte abgelehnt, die Truppendurchzüge der serbischen Heeresmasfen zu gestatten. Die Gewaltakte gegen die Griechen dauern fort. Man hat vor dem Hofe der bulgarischen Gesandtschaft in Athen eine Bombe explodieren lassen, die nachweislich englischen Ursprungs ist. Griechische Dampfer werden gekapert, und es wird, wie man jetzt wohl ziemlich sicher erwarten darf, Griechenland kaum etwas anderes übrig bleiben, als sich von seinen Peinigern, deren es sich im Frieden nicht mehr erwehren kann, zu befreien und den Mittelmächten sich anzuschließen. * Zwischen russischen und französischen Diplomaten finden Verhandlungen statt, die außer finanziellen Fragen auch die behandeln sollen, wie das Kriegsende zu

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