Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1916)
- Date
- 1916-05-12
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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218 oder jener Gemeinschaft anschließt, aber die in geistigen Führern zum Ausdruck kommende Selbstbesinnung der Volksgemeinschaft schafft derselben Widerstandskraft und erhält das Volk. In seinen Dichtern und Denkern erfaßt sich ein Volk als Besonderheit. Solange es sich mit ihren Schöpfungen identifiziert, sucht es sich zu erhalten. Dadurch wird es bald zu Verteidigungskämpfen genötigt. Bald macht die uferlose Art des Volksgeistes in Verbindung mit Geringschätzung gegenüber den Nachbarn zu Eroberungs- und Angriffskriegen geneigt. Andere Völker werden schließlich reif, vom Lebensbaurn zu fallen wie die reife Frucht. Das sind die rätselhaftesten Schicksale der Völker. Wie fiel das Griechentum auf der Höhe seiner Philosophie und Kunst? Wie ging das Römerreich zugrunde? Wie starb Judäa, als noch Jeremia in ihm wirkte — und lebt doch heute noch? Das sind die geheimnisvollen Fragen, mit denen sich die Geschichte stets beschäftigen wird. Es waren doch wahrlich nicht die charakterlosesten Menschenkreise, die sich so auflösten oder lockerten. Was bedeutete ihr Schicksal? Man muß die Geistesarten der großen Kulturvölker schärfer erfassen, wenn man eine Ahnung von den Gründen ihres Untergangs erlangen will. Von den Griechen und Juden. läßt sich vielleicht sagen, daß, je mehr sich die 'Geistesart ihrer Großen ins prinzipiell Geistige verstieg, desto größer der Abstand von der Volksmenge und desto größer auch die nationale Gleichgültigkeit der Volksmenge wurde. Im übrigen drängte aber der ideale Volksgeist schließlich selbst zur Auflösung. Der Geist der Griechen und der ihnen verwandte, wenn auch nicht auf gleicher Höhe stehende der Römer hat den Begriff der übersehbaren Ordnung und Sicherheit in die Verhältnisse der Welt gebracht. Dieser Geist drängte aber auf Uebergang in entgegengesetzte Art hin. Stabilität und Uebersichtlichkeit — in Kunst und Wissenschaft der Griechen, glich im Recht der Römer bilden diese gleichmäßig das Prinzip — verlangen die Ablösung durch Neuerwerb, seelische Eroberung, Hinausstreben und zeitweise Auflösung des Systems. So negierte sich das Griechentum schließlich selbst. Es konnte sich als abgesonderte Art nicht dauernd behaupten, behielt aber seinen sich immer wieder erneuernden Teil an der Gestaltung der menschlichen Verhältnisse. Das einst gefestete Griechentum mußte als Volk untergehen, als daliernd befruchtendes Element aber an den Seelen anders gearteter Individuen weiterwirken. Hiermit dürfte die politische Schwäche der Griechenstaaten in Zusammenhang stehen. Und wie ist das Schicksal des Judentums zu bewerten und zu erklären? Das Judentum hat das Prinzip der linnachgiebigen echten Moral entwickelt. Dem Wesen der Moral entsprechend hat es in der Theorie den Begriff des unteilbaren ewigen Gottes, in der Praris den Moralbegriff der Ewigkeitswert erzeugenden Gerechtigkeit geschaffen. Jesaja war es, der diese Erkenntnis zur Durchbildung brachte („Zion wird durch Recht erlöst, es wird erneuert durch Gerechtigkeit"), während Jeremia sich im wesentlichen um die Rettung der Ideen bemühte, die in der drohenden politischen Zerstörung dem Untergang geweiht zu sein schienen. Die Juden waren, wie die Griechen, ein echtes Genievolk, ein Künstlervolk im weiteren Sinne des Wortes. Sie begnügten sich nicht damit, eine Nuance in den Varietäten der Völker zu bilden, zwischen den Nachbarn einen geistigen Uebergang darzustellen. Sie schufen vielmehr in stürmischer künstlerischer Entwicklung eine wesentlich neue Art der Lebensgestaltung der Menschen. Schufen die Griechen ein eigenes Weltbild unter dem Gesichtspunkt der Ordnung und Ableitung der Teile vom Ursprung, so bildeten die Juden die Welt nach dem Gesichtspunkt des ewigen Wertes und der Erhaltung des an der Welt Bedeutsamen um. In diesem Sinne wirken die Elemente der Gerechtigkeit, die Beurteilung, strafende Vergeltung und sich durchsetzende Heilbestimmung. Auch dieser Volksgeist mußte sich wie der griechische wegen seiner scharf bestimmten Eigenart zunächst isolieren und von der Verbreitung über andere Volksarten absehen. Wenigstens betonten die geistigen Führer, trotz ihrer allmählich wachsenden Neigung zum Kosmopolitismus, den Gegensatz der jüdischen Geistesart gegen die anderen Völker, während die Volksmaffe schon frühzeitig zur Anlehnung an die Nachbarvölker und zur Assimilation hinneigte. Dann aber verlangte auch dieser Volksgeist in die Weite der Vielgestaltigkeit des Lebens und der Welt, da diese in kein Schema dauernd zu fassen und in keinem Wertungsshstem eindeutig sestzuhalten ist. Unfähig, sich über andere auszudehnen, andere zu erobern, gab die Vereinzelnung das Volk der Ueberflutung größerer Völker preis; seine Lebensbetätigung sog sich nach Auflösung des eigenen Staates innerhalb der Lebensbetätigung anderer Völker fest. Niemals aber wurde aus dem Judenvolk eine bloße Geistesart, wie das Griechentum sich in eine griechische Lebensart auflöste. Die echte Moral ist etwas durchaus Souveränes. Ihre Stimme kann gegenüber dem Vorherrschen anderer Lebensrichbung eine Zeitlang leiser ertönen. Da sie aber die Welt von dem selbständigen Gesichtspunkt des Dauerwertes aus betrachtet und behandelt wissen will, kann sie sich mit andersgearteter Weltbehandlung nie verschmelzen, ohne ihren Maßstab zu verlieren. So wurde die Judenart nie Geist am Geiste anderer, eine Unmöglichkeit für den Geist der Gerechtigkeitsmoral, sondern blieb stets selbständiger Geist, der den Geist anderer aufnahm, beurteilte und aus selbständigem Geistesguell immer wieder zu beeinflussen suchte. Das Judenvolk blieb selbständiges Volk, auch nach der Auflösung des Staates. Es wurde nicht zur Religion der Völker — wenn es auch die Grundlage ihrer Religionen schuf —, sondern war ein Volk der Religion: ein Volk, desien Wille es ist, die praktischen Beziehungen der Menschen zueinander zu einem Mittel der Schaffung einer Welt von Ewigkeitswert zu gestalten, ein „messianisches Zeitalter der Menschheit" herbeizuführen, in welchem die Kräfte die Tendenz dauernder gegenseitiger Stützung und Erhaltung unter Ausschluß der Vernichtung haben. Die Kunst der Gerechtigkeit ist die Kunst der Behandlung der menschlichen Beziehungen als Dauereristenz, Ewigkeitswert. Es ist schon gesagt, daß eine solche echte Ausübung der Gerechtigkeit sich nicht zu einer Einheit mit wirtschaftlicher Betätigung verschmelzen kann, obgleich auch diese eine wirtschaftlich wachsende Ausgleichung der Jntereflengegensätze herbeiführen kann. Die Regelung der griechischen Antike ließ sich im Verlauf der Geschichte mit gotischer Vielgestaltigkeit verschmelzen, indem bald die eine, bald die andere Art stärker betont wird. Dagegen kann die Moral der Gerechtigkeit durch den wirtschaftlichen Egoismus nur verdrängt werden, widerspricht ihm aber immer und kann sich nie mit ihm vereinigen. (Als ein Bindeglied zwischen beiden kann vielleicht die Liebe aufgefaßt werden, die eine meist unklare Vorstufe der Gerechtigkeit ist und vom unerkannten Wertfaktor abzusehen sucht.) Die Eigenart echter Gerechtigkeitsmoral prägt sich in ihrer Wirkung aus. Sie produziert Gerechtigkeit um ihrer selbst willen; wie die Propheten sagten, um der Kindschaft Gottes, des Eigentums Gottes an Israel (Jesaja), der Heiligkeit Gottes willen. Dem durch den wirtschaftlichen Kampf erzeugten teilweisen Interessenausgleich spürt man stets das Erzwungene an: die Unsicherheit, die darin besteht, daß es sich nur um den Erfolg einer gerade erstarkten Wirtschastsgruppe handelt, während dicht daneben im Rechtsleben kraffe Ungerechtigkeit bestehen bleibt. Im Gegensatz zu dieser