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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-12 · Heft 19 (12.5.1916) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 19 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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80. Jahrgang Nr. 19 Berlin, 12. Mai 1916 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-p reis-, durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IN. — Postscheckkonto 324-. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums^, Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Tlttfttflft*' Das Volk der Juden. Von M. Lewinski. — Die Woche.— yilijllll.» Rabbiner Dr. Leopold Stein. Von Dr. Baron, Kvlbercr — Zur Geschichte der jüdischen Novelle. Von L. G.— Einiges vom jüdischen Redner und seinem Publikum. Von Dr. Max Steif, Raußnitz. — Feuilleton: Auge'um Auge. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „AllgemeinenZeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i. Pr., Ostrowo, Breslau, München, Nürnberg. Elberfeld, Frankfurt a. M., Wien. — Von Nah und Fern. Das Volk der Juden. Von M. L e w r u s k i. ie Entstehung eines Krieges hat immer etwas Rätselhaftes gehabt. Man hat deshalb immer die verschiedensten Ursachen dafür angegeben. Früher, als noch die Volker nicht durch Repräsentationen an der Regierung mitwirkten, wurde die Auffassung bevorzugt, daß der Krieg das Werk einzelner Personen sei. Man hielt den Ehrgeiz eines Ministers oder die Ruhmsucht eines Königs für Anlaß und Triebfeder des Krieges. Man hoffte deshalb, daß die Kriege aufhören würden, wenn die Allmacht einzelner Personen allsgeschaltet sei und die Völker sich erst selbst regieren würden. Die Hoffnung hat getrogen. Es kann wohl keinem Zweifel «unterliegen, daß seit geraumer Zeit die Volker selbst die Kriege beginnen und führen. Wenn auch, wie in allem geschichtlichen Geschehen, die Wirksamkeit einzelner Persönlichkeiten und einzelner Kreise nicht übersehen werden kann, so empfinden wir doch, daß diese einzelnen Faktoren einen großen Krieg nicht heraufbeschwören können, wenn sie nicht in einer gewissen Übereinstimmung mit dem Volksganzen sind. Gerade die Volkspersönlichkeit ist es, die sich heute bei Entfesselung eines Krieges betont. Sie erscheint als die Kraft, die den Krieg führt und möglich macht. Ist sie nicht vorhanden, so mangelt es an der Widerstandsfähigkeit, ohne die ein Krieg nicht denkbar ist. Es kann dann wohl zu einer Kolonisation oder Okkupation, nicht aber zu einem Dölkerringen, einem Kriege kommen. Was ist ein Volk, hat man vielfach gefragt und darauf die verschiedensten Antworten gegeben. Heute dürfte man definieren können: ein Volk ist eine Gemeinschaft von Menschen, die sich der Aufsaugung durch andere Gemeinschaften widersetzt, weil sie sich als etwas Selbständiges und anderes fühlt. Die alte Frage, ob der Besitz eines Landes für ein Volk notwendig sei, ist keine Frage der Definition, sondern des politischen Bedürfnisses. Man wird den Inden auch heute noch nicht die Volkseigenschasten absprechen können, obgleich sie schon jahrtausendelang kein Land besitzen. Aehnlich dürste es mit den Polen stehen. Die Zigeuner sind vielleicht hauptsächlich deshalb noch selbständig und abgesondert, weil die höher kultivierten Völker, unter denen sie wohnen, sich ihrerseits mit ihnen nicht vermischen wollen. Daß die Zigeuner selbst sich assimilieren wollten, wenn sie nur könnten, erscheint wenigstens möglich. Nach der Beantwortung dieser Frage dürfte sich die Frage entscheiden, ob wir hier noch von einem Volke reden können. Aber diese- Definition enthält Unklarheiten. Es ist an Stelle des Volkes der Begriff der Gemeinschaft, einer besonders gearteten Gemeinschaft, gesetzt. Also nicht der einzelne enthält an sich die Merkmale des Volkes. Auch durch die Vielheit der einzelnen können sie an sich nicht erwachsen. Die Gemeinschaft muß so geartet sein, daß sie einen Gemeinschaftsgeist erzeugt und daß durch ihn die Gemeinschaft sich aktiv der Aussaugung durch andere widersetzt. Je stärker und unbedingter diese Widerstandskraft ist, desto unbedingter bildet sich die Erscheinung des Volkstums. Der einzelne Mensch aus dem Durchschnitt der Menschheit ist im Mittelpunkt seines Wesens stets Egoist. Er sieht wenig mehr als sein vereinzeltes Individuum und kann deshalb auch die Merkmale des Volkstums, wenn man ihn vereinzelt betrachtet, kaum zur Erkenntnis bringen. Zum Volksgeiste gehört das mehr oderminder deutliche Bewußtsein einer nichtindividuellen, sondern die Gesamtheit kennzeichnenden Geistesart, eine Selbstbesinnung, die nicht nur den einzelnen, sondern die Gesamtheit in Betracht zieht. Ein Volk kennzeichnet sich daher durch die Existenz großer Geister, die ein überindividuelles Bewußtsein haben. Ist dieses Bewußtsein nicht kosmopolitisch, d. h. befindet es sich nicht ans der Suche nach fremden unbekannten Genossen, sondern verbindet es sich mit den geistigen Ansätzen eines umschlossenen Kreises von Menschen, so beweist der große Geistesträger die Existenz eines Volkes, das sich durch einen Volksgeist verbindet oder wenigstens zu verbinden im Begriffe ist. Wo nicht ein Dichter oder Denker ist, der sich in seinem Kreise heimisch fühlt, da ist noch kein Volk oder es ist keins mehr vorhanden. Willst du ein Volk erkennen und überhaupt erkennen, ob ein Volk ist, so blick' auf Träger eines überindividuellen Bewußtseins, die sich an die Betätigung der Gruppe anlehnen. Sind sie nicht vorhanden, so ist kein Volk vorhanden, sondern eine durch irgendwelche Ursachen zusammengedrängte Horde. Suchen sie sich an andere Gruppen anzulehnen, so besteht Gefahr für das Volkstum. Die völkischen Eigenschaften überhaupt, auch die der völkischen Masse, kannst du nur an dem Vorbild der großen Geister erkennen. Wolltest bit bloß die Durchschnittsmenschen betrachten, so blieben diese Merkmale unerkennbar und undeutlich. Der Volksgeist enthält das Schicksal der Gemeinschaft. Er bestimmt über Krieg und Frieden, Bestand und Untergang. Ubi bene ibi patria, sagt ein altbekanntes Wort. Das bedeutet, daß das wirtschaftliche Individuum an sich unpatriotisch ist. Geschäfte lassen sich überall machen, ob man sich dieser

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