Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 /ytau im Hause ihrer Schwester, der Frau Rabbiner Dr. Eckstein', Bamberg, wo sie zu Besuch weilte, nach ganz kurzer Krankheit. Das Andenken der edlen und selbstlosen Frau wird in unserer Gemeinde memals erlöschen; es wird, wie sich Herr Rabbiner Dr. Fr e-u dent f) a T in feinem tiefempfundenen und allen Teilnehmern AU Herzen gehenden Nachrirfe ausdrückte, segnend und vorbildlich fortwirken, um öer Verblichenen in ihren Taten und Werken nachzueifern. O. Z. Offenbach a. M., 28. ^lp-ril. Am Sonntag, den 16. d. M., vormittags 11 Uhr versammelte sich in der neuerbauten Synagoge die israelitische Gemeinde zu einer eindrucksvollen Einweihungsseier,;u der zahl reiche Ehrengäste usw. sich eingefunden halten. Als Vertreter der Großherzoglichen Regierung nahm Staatsminister Dr. v. H o m b e r g k an der Feier teil; ferner bemerkten wir u. a. Ureisrat G e n n e s, die Vertreter des Bataillons, der städtischen Verwaltung und der Stadtverordnetenversammlung, der übrigen Behörden, -der Geistlichkeit, der Schulen usw. Mt einem feierlichen Präludium eröffnte Organist Fritz den iveihevollen Festakt. Brausend hallten die vollen Akkorde durch den weiten Kuppelraunr, dessen Schallwirkung, die Sorge jed-eS Baumeisters, geradezu hervorragend ist. Nach dem Chorgesange „Wie schön sind deine Zelte, Jakob!" wurde vom Rabbiner das -ewige Licht,- das Symbol der -ewigen Wahrheit und Treue und der Unvergänglichkeit des geheiligten Gotteswortes, entzündet, -das feine milden, roten Strahlen aus seiner silbernen Hülle herniedersandte und mit dem Licht zusammenfloß, das aus dem gewaltigen Kronleuchter sich über den Tempel ergoß. Hierauf ergriff Justizrat Dr. Goldschmidt das Wort: „Gott zur Ehre, der Gemeinde zur Freude .und Erbauung und der Stadt Offenbach zur Zierde ist dieses Haus errichtet worden." Ter Redner entbot der Gemeinde und allen Ehrengästen seinen Gruß und dankte -allen, die -an dem Werke mitgewirkt haben, allen Künstlern und Handwerkern und vor allen den Architekten Schwa r z und Wagner. „Im Jahre 1729 hat die Gemeinde sich die erste Synagoge erbaut, in demselben Jahre, als Gotthold Ephraim Lessing geboren wurde, der Mann, der der deutschen Kulturentwickelung neue Bahnen zeigte und der seinen israelitischen Mitmenschen -den Platz anwies, der ihnen gebührte. Damals war die israelitische 'Gemeinde arm, und -das Gotteshaus war deshalb schlicht und schmucklos. Die Schatten des Mittelalters lagen damals noch schwer aus dem Judentum, wenn auch di-e Jsenbur-gische Negierung sich durchaus wohlwollend und die Bevölkerung tolerant verhielt.. Und als vor hundert Jahren das Land zu Hessen kam, setzte -die hessische Regierung dieses Wohlwollen fort, und die Offenbacher Bevölkerung bewies durch Brüderlichkeit und Freundschaft ihre Toleranz. Die Synagoge in der Marktstraße genügte trotz mancherlei Um- und Erweiterungsbauten den Ansprüchen der Gemeinde nicht mehr. Vor 18 Jahren beschloß daher der Vorstand der Gemeinde, einen Neubau zu errichten. Ter Plan siel zunächst wieder, wurde aber vor fünf Jahren abermals ausgenommen und ist nun zum guten Ende geführt. Aber auch der geistige und kulturelle Fortschritt drängte hinaus aus der alten Synagoge. Uns Heutigen ist das Leben zur Religion gemacht, alles, was gut und sittlich ist, ist heute in die Religion ausgenommen. diesem Sinne wird heute der Gottesdienst durch die Werke der Kunst verschönt. Und dann waren die Juden vor 200 Jahren noch gedrückte Menschen, heute genießen sie die Segnungen der Kultur und wollen sich den schwer errungenen Platz an der Sonne bewahren. Gotteslehre, Jugendunterweisung und Geselligkeit sollen unter diesem Sache wohnen. Wohl hatte die alte Synagoge einen reichen Schatz von Erinnerungen aufzuweisen. Aber dieser neue Tempel wird einen 'Nimbus dadurch erhalten, daß er im Frieden begonnen und mitten int Kriege zu Ende geführt wurde. Unseren tapferen Truppen gebührt der Dank. Unter ihrem Schutze konnte das Werk vollendet uierden. Menschen werden immer ihre Anschauungen ändern, was nb-cr bleibt, das ist die Glaubenslehre, die Lehre des Sittlichen und des Guten, die Pflicht gegen Mitmenschen und Vaterland. Und diese Gotteslehre soll hier eine neue Heimstatt finden." Nach dem Terzett ..Gott, deine Güte reicht so weit. . ." hielt Rabbiner Dr. Gold- 'chmidt eine eindrucksvolle Festpredigt: „Nach mehr als zwanzig Kriegsmonaten führen unsere Heere den Krieg im Lande des Feindes; üe haben es ermöglicht, daß diese denkwürdige Feier jetzt, mitten im Kriege, 'stattfinden konnte. Erinnerungen von Jahrhunderten, Hoffnungen und der gewaltige Eindruck dieser Zeit vereinigen sich heute unter dem Dache des neuen Tempels, der in jedem Herzen eine tiefe Ehrfurcht hervorruft. Die Kantsche Gottesidee von dem hochgewölbt-en Himmel als dem Zeichen der Unendlichkeit und dem moralischen Gesetz in jedem M-enschen hat auch in diesem Bau seinen Ausdruck gefunden. Die gewaltige Kuppel ist das Symbol des Himmels über uns, und die Lehre ist der Inbegriff des moralischen Gesetzes in uns. Im Mittelalter riß sich die Lehre von der Erde los und strebte ins Wesenlose. Aber wir von heute sind andere Menschen. Die Leiter, die zum Himmel führt, muß auf der Erde stehen. Das Unendliche soll in das Endliche, ins Räumlich^-Begrenzte hineingezogen werden. So soll denn auch der neue Kuppelbau den Himmel auf Erden darstellen in feierlicher Stimmung. Wer Stimmung ist doch nur das seelische Gefäß, das nach Inhalt verlangt. Und diesen Inhalt soll die Bestimmung des Gotteshauses vermitteln. Es soll eine Pforte des Himmels sein. Hier sollen wir das Unendliche in uns erleben. Der bewiesene Gott der Wissenschaft ist nicht der Gott der Religion; der will und muß erlebt sein in tiefstem Herzen, und das ist die Aufgäbe der Religion. Die Welt ist voll von Wundern und Mysterien, wer sie erlebt, der erlebt seinen Gott in sich. Und aus dein Erlebnis wird man die Verheißung vernehmen, wie einst der Patriarch Jakob in seinem Traum von der Himmelsleiter, als Gott sich zu ihm wandte: „Siehe, das Land will ich dir geben . . ., alle Geschlechter der Welt sollen gesegnet werden durch dich . . ." Wir erleben heute das deutsche Wunder, die Widerstandskraft eines von allen Seiten bedrängten Volkes aus wirtschaftlichem, aus militärischem und moralischem Gebiet, und wir vernehmen heute die göttliche Verheißung schon: . . es soll am deutschen Wesen noch einmal die Welt genesen!" Eine Pforte des Himmels soll der neue Tempel sein, erheben soll er über alles Kleinliche, über Berechnungen und Zahlen, erheben zu den heiligen Regionen des Ewigen, des Unendlichen, des Göttlichen." Und dieser heiligen Bestimmung übergab der Prediger den neuen, weihevollen Tempel. Wieder hallten Orgelklänge durch den weiten Raum und feierlich erklang das Gebet für Landesfürst, für Kaiser, Volk und Vaterland zur Höhe. Nach dem Segen sang der Chor den 150. Psalm, und die Feier hatte ihr Ende erreicht. Im Kriege ist das Kulturwerk gewachsen. Möge es unter der Sonne eines baldigen Friedens blühen und seinen hohen Zweck erfüllen als eine Quelle des Guten und Sittlichen, der Stützen, die unserem Volk in dieser schweren Zeit die Kraft gegeben. 22 Frankfurt a. M., 29. April. Wie bekannt, hatte das Kriegsministerium durch eine Verfügung vom 15. November 1915 Nr. 2148/10 15. 6 2 die Befreiung rituell lebender jüdischer Mannschaften von der Truppenküche auch während der Dauer der Mobilmachung als zulässig! erklärt und dieftn Mannschaften eine Geldabfindung in entsprechender Höhe zugebilligt. Diese Verfügung galt jedoch nur für Angehörige immobiler Truppenteile, nicht jedoch für Mannschaften des Feldheeres, auch wenn sie sich in festen Standorten in der Etappe befanden. Erfreulicherweise hat das Kriegsministerium nunmehr durch Verfügung vom 15. April d. I. Nr. 3725/2 16. B 1 den Herrn Generalintendanten des Feldheeres davon verständiat, daß auch den Angehörigen mobiler Truppenteile, wenn sie sich in festen Standorten befinden, die Erlaubnis zur Selbstverköstiglmg, und zwar u n t er Gewä h r u n g des B e k ö st i g u n g saeldes, erteilt werden kann. Gleichzeitig hat das Kriegsministorrum in Erläuterung eines Erlasses vom 13. Januar d. I. ausdrücklich klargestellt, daß , auch ben Ma nn schaften an d er F r o n t die Selbswerköstigung, soweit sie ihnen möglich ist, jedoch ohne Geldabfindung, gestattet werden darf. In allen Fällen liegt die Entscheidung, ob die Erlaubnis im Einzelfalle ohne Schädigung der dienstlichen Interessen möglich ist, natürlich in den Händen der Druppenkommandeure. Kaien. z. Lodz, 28. April. Der Ausschuß der Aeltesten und Nebenültesten der Handwerkerinnungen richtete an die Schuldeputation das Gesuch, Abendschulen für Lehrlinge zu eröffnen. Wie man hört, ist die Schuldeputation diesem Plan näher getreten und wird demnächst mit seiner Verwirklichung beginnen. Die jüdischen Chederschulen, die sich in dem südlich der Konstantiner und der Mittelstraße sowie nördlich der Andreas- und der Meisterhausstraße gelegenen Teil der Stadt Lodz befinden, sind laut einer Verordnung des Kaiserlich Deutschen Polizeipräsidenten vom 15. April geschlossen. Da sich in diesem Stadtteil auch einige jüdische Elementarschulen befinden, so stellten auch diese den Unterricht ein. Die Inhaber derselben wandten sich - durch Vermittlung des „Vereins der Inhaber