Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- Seite 216 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 216 Geschmack abgewinnen konnte, sondern auch, weil er fast vor^ Ungeduld verging, endlich das Verlangen seines Herzens zu befriedigen. Er konnte die Zeit nicht erwarten, um Baruch zu sehen und auch das Nähere über den Tod seiner Eltern zu erfahren. Auf dem Wege vom Bahnhof hatte er sich erst gar nicht nach ihm umgesehen; es wäre doch vergeblich gewesen. Er wußte, daß Baruch nicht der Mann sei, auch nur ein Glied zu bewegen, um die eitle Neugierde zu befriedigen. Die beiden älteren Herren hatten sich schon längere Zeit mit leiser Stimme unterhalten, und es siel Gabriel auf, daß der Präfekt hin und wieder ängstliche Blicke ihm znwars. Er wurde darum aufmerksam, und er hörte, wie der Gouverneur ärgerlich sprach: . . ich habe bisher meine eigene Politik befolgt und bin fest entschlossen, auch in Zukunft meine eigenen Wege zu gehen. Freundlichkeit wäre hier übel angebracht. Eine feste Hand, ein starker Druck, Einschüchterung, Schrecken, das sind die einzigen Mittel, um mit diesen elenden Hunden fertig 31t werden, wenn man aus ihnen noch etwas erpressen will. Was meinen Sie, Herr Schmulikof?" „Von welchen Hunden sprechen Sie, Herr Graf?" Der Baron ließ Torakow zu keiner Antwort? kommen. Er erhob abwehrend seine Hand und sprach mit erzwungener Freundlichkeit: „Jetzt ist es genug, mein lieber Graf. Ich bin nicht hier, um politische Probleme zu lösen. Davon habe ich in Odessa genug; hier will ich nur meiner Erholung leben." Die Damen hatten bereits die Tafel verlassen, und die Herren folgten ihrem Beispiele. „Bitte, nehmen Sie eine von meinen," sprach der Offizier herablassend, Schmulikof seine Zigarettentasche hinhaltend; „es ist eine seine Marke, die meinen Ruf als Feinschmecker im ganzen Regiment begründet." „Danke," sagte Gabriel kurz, sich eine solche anzündend. „Sie haben ja während der Tafel so wenig gesprochen, Herr Schmulikof, obwohl man es Ihnen anmerken konnte, daß Sie viel zu sagen verstehen, wenn Sie nur wollen." Gabriel durchschaute seine Absicht. Karol war ein wenig erregt, wahrscheinlich durch seinen Erfolg bei Alma, möglich aber auch durch den schweren Wein, dem er öfter zugesprochen. Er war jetzt überzeugt, daß er in dem Sekretär keinen Nebenbuhler zu fürchten habe, daher wollte er seinen Sieg ausnutzen, und wie ein 'ausgelassener Schulbube, wollte er sich das Vergnügen nicht nehmen lassen, dem Gegner seine Ueberlegenheit unter die Nase zu reiben. Gabriel hatte auf die letzte Bemerkung gar nicht recht hingehört, denn mit Ungeduld wartete er auf eine passende Gelegenheit, sich zu entfernen. Karol aber wollte seinen Triumph ganz auskosten, bcimm sprach er etwas gönnerhaft: „Meine Cousine ist jetzt anderweit beschäftigt, daher will ich eine halbe Stunde meiner Zeit Ihnen widmen. Kommen Sie, wir wollen eine Partie Billard spielen." „Tut mir leid, nicht dienen zu können. Ich verstehe das Spiel nicht." Karols Miene drückte unverhohlenes Mitleid aus. Armer Federfuchser, dachte er, der von Sport keine Ahnung hat. -- Es war wirklich eine rechte Dummheit, auch nur einen Augenblick auf einen solchen Menschen eifersüchtig zu sein! Ohne daß eine besondere Veranlassung vorlag, betrat Alma etwas geräuschvoll das Zimmer. Schmulikof ging ihr sofort entgegen, um sich bei ihr zu verabschieden. Es entging ihm nicht, daß sie sich vergeblich bemühte, ihre Enttäuschung zu verbergen. „Ich muß mich doch überzeugen, wieviel mir noch von Ditvmsk in Erinnerung geblieben ist," sprach er mit erzwungenem Lächeln. „Dürfte nicht das Tageslicht und die Begleitung eines heimischen Führers sich besser dazu eignen?" „Man soll eine gute Sache nicht auf morgen verschieben. Räuber und Mörder wird es wohl doch hier nicht geben. Uebrigens scheinen solche auch im Kaukasus nicht auf einen grünen Zweig kommen zu können, da ja auch Vetter Karol von dort wieder Zurückgekehrt ist — zum größten Leidwesen der hiesigen Hasen und — Juden." Sie war so verblüfft, daß sie nicht die passende Antwort fand, und ehe dies geschehen konnte, war er bereits ver- . schwunden. „Was hat denn dieser Mensch von mir gesprochen? Ich hörte doch ganz deutlich meinen Namen nennen." „Ich habe es nicht recht verstanden. Im übrigen scheinst du etwas sehr neugierig zu sein, Vetter Karol," war ihre schnippische Antwort. VI. Der Weg zur Fähre war ein schlecht ausgetretener, wenig benutzter, schmaler Fußpfad. Die Fähre selbst war keine beliebte Einrichtung in Ditomsk. Zwei Kopeken für eine Fahrt von fünf Minuten zu zahlen, wäre ja die reinste Verschwendung, zumal man nur einen kurzen Umweg von einerkleinen halben Meile zu machen brauchte, um ganz umsonst über eine Brücke gehen zu können; aus ein bißchen mehr Seitenstechen und Rückenschmerzen kam es ja nicht an. Wußte man denn, ob man heute überhaupt zwei Kopeken verdienen würde? — So sah man denn an jedem Morgen eine förmliche Auswanderung jüdischer Hausierer über die Brücke ziehen, um drüben im Städchen oder in den umliegenden Ortschaften den kärglichen Unterhalt zu erkämpfen. Nur wenn alles gut ging oder wenn die müden Beine durchaus nicht mehr weiter wollten, nur dann wurde die Bequemlichkeit der Fähre in Anspruch genommen. Natürlich waren auch einige vorhanden, die sich diesen Luxus zu jeder Zeit gestatten durften, weil sie nichts zu zahlen brauchten: der Arzt, der Pope, die Beamten und selbstverständlich alle, die zum Haushalt des Gouvernellrs gehörten. Die letzteren mußten sich häufig der Fähre bedienen, weil das eigentliche Städtchen auf der anderen Seite des Dnjeprs lag, während hier nur das Gouvernementsgebäude sich befand, nebst einer kleinen Kaserne für die Kosaken, die Torakow als Leibwache dienten. Das übrige Militär war ebenfalls im Städtchen selbst untergebracht, so daß Torakow, in seiner Eigenschaft als General und Gouverneur, häufig des Tages hin und her fahren mußte. Für den Fährmann war es daher kein leichter Dienst, den schweren und plumpen Kahn so oft durch die Strudel und Wirbel des Stromes lenken zu müssen. Die zwei Rubel wöchentlich mußten sehr sauer erarbeitet werden. (Fortsetzung folgt.) Mcheremlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Die Kriegspsalmen und die jüdische Volksseele. Vortrag von Professor Dr. I. Hirsch, Rabbiner in Prag-Karolinenthal. Separatabdruck aus der „Freien Jüdischen Lehrerstimme", 5. Jahrgang, Nr. 1 und 2, Verlag von I. Kaussinmm, Frankfurt a. M. 1916. Der lebendige Baum. Von Paul L e h m a n n. Otto Hendel Verlag, Halle a. S. Akabjah. Von P a u l L e h nr a n n. 7. Auslage. Otto Hende! Verlag, Halle a. S. Akabjahs Ruf. Von P a n l L e h m a n n. 4. Auflage. Otto Hendel Verlag, Halle a. S.