Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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215 Der Art, wie sie es tat, erkannte er, daß sie die Herausforderung kampfbereit aufnahm. „Das ist doch etwas stark/ sprach sie rot vor Aufregung. „Oder treiben Sie etwa gar Scherz mit mir, Herr Sekretär?" „Durchaus nicht, Komtesse Torakow. Sie fragten mich um ein Mittel, die Langeweile ju vertreiben-und ich habe Ihnen ein solches vorgeschlagen." „Ihre Phantasie scheint sehr weit ausgebildet zu sein, Herr Sekretär. Die Gesellschaft des Pöbels aussuchen und mit seinen schmutzigen Angelegenheiten sich befassen, ist — ist — eine ziemlich starke Zumutung an eine Gräfin Torakow! Oder Herr Schmulikof," ihre spitzen Zähnchen kamen zum Vorschein, während ihre Augen gleich einer wilden Katze funkelten, die sich sprungbereit macht, „ich frage Sie nochmals, wollen Sie Ihren Spott mit mir treiben? Das möchte ich Ihnen in keiner Weise raten!" „Das haben Sie mir bereits bei unserer ersten Begegnung gesagt. Sie sehen, auch ich habe manche Erinnerung von jenem historischen Ereignis in meinem Innern aufbewahrt." „Herr Schmulikof, mir will es scheinen, als ob wir keinen guten Faden zusammen spinnen werden." „Gnädiges Fräulein, ich will Ihren Worten durchaus nicht widersprechen," war seine gleichmütige Antwort Zornig und wortlos wendete sie sich von ihm weg und nahm ihre frühere Beschäftigung wieder aus; doch wurden die Blumen jetzt nicht mehr so zart angesaßt. Arme Blumen, dachte Gabriel, hütete sich aber wohlweislich, eine Bemerkung laut werden zu lassen. „Wo mögen nur die andern bleiben," sprach sie endlich nach einer Weile, um die eingetretene Spannung nicht noch zu verschärfen. Zu gleicher Zeit schickte sie sich an, das Zimmer zu verlassen, als ein hübscher junger Mann in der kleidsamen Uniform eines Garde-Dragoner-Offiziers eintrat, wobei er etwas überlaut mit Sporen und Säbel rasselte. „Ah, Vetter Karol!" rief Alma froh aufatmend, der peinlichen Situation mit Schmulikof ein Ende machen zu können. „Ich war gerade im Begriff, mich nach dir umzusehen. Herr Schmulikof, Baron Glogowskys Privatsekretär — mein Vetter Karol," stellte sie die Herren einander vor. „Kapitän Lamorin," vervollständigte der letztere die Vorstellung, sich steif vor Schmulikof verbeugend. „Ah, entschuldige nur, Vetter," ries Alma etwas spöttisch; „ich hatte ganz vergessen, daß der Komet auch einen Schweif hat. Denken Sie nur, Herr Schmulikof, mein Vetter Karol hat uns gestern mit seinem Besuche überrascht. Nicht wahr, Karol, du wirst recht lange bei uns bleiben." „Das hängt von gewissen Umständen ab, Cousinchen," war seine Antwort. „Etwa von deinem Jagdergebnis?" neckte sie weiter. Sich wieder Schmulikof zuwendend, fuhr sie unbefangen fort: „Mama wünschte, daß ich nicht mit zur Bahn fahren, sondern die letzten Vorbereitungen zum Empfang unserer lieben Gäste hier treffen sollte, und Vetter Karol war so liebenswürdig, mir dabei Gesellschaft zu leisten." Karol bebte vor innerer Wut. „Ich sehe nicht ein, wie dieses Gespräch Herrn — Herrn —" „Schmulikof," half dieser ihm aus der Vergeßlichkeit. „Herrn Schmulikof interessieren kann," vollendete er grimmig. „Insofern, als es vielleicht dazu beiträgt, daß Herr Schmulikof sich recht heimisch in unserer Gesellschaft fühlt. Uebrigens hast du es gar 'nicht lange bei mir ausgehalten. Wo warst du denn eigentlich, Karol?" „Ich habe das Gehölz ntit meiner Flinte durchstreift." Er gab sich alle erdenkliche Mühe, seinen Unmut bei diesem Verhör zu verbergen. „Hast du wenigstens Glück gehabt?" „Ja; ich habe zwei Hasen geschossen und einige Juden fast zu Tode geängstigt," lachte er übermütig. „Bester als nichts," lachte auch Alma. „Meinen Sie nicht auch, Herr Schmulikof?" „Ich verstehe nichts von dieser Art Sport," erwiderte er trocken. „Sie sagen dies in einem Tone, als hätten Sie Ursache, noch besonders stolz daraus zu sein," sprach Karol, Schmulikof einen verächtlichen Blick zuwerfend. Der Eintritt der älteren Herrschaften überhob Schmulikof einer Antwort, die sicher sehr scharf ausgefallen wäre und zu unliebsamen Konsequenzen geführt hätte. Die Unterhaltung wurde jetzt allgemein, und es herrschte bald eine frohe Stimmung, die auch das momentane Unbehagen der jungen Leute beseitigte. Der Diener meldete, daß serviert sei, und man begab sich zu Tische. Oh weh!" rief Gräfin Torakow mit komischer Verzweiflung. „Wir haben ja eine Dame zu wenig!" „Dem kann leicht abgeholfen werden," schmunzelte ihr Gatte. „Die jungen Burschen müssen sich in Alma teilen." Die „jungen Burschen" beeilten sich auch, ihrer Dame den Arm zu bieten. Doch diese sah beide schelmisch lächelnd von oben bis unten an und schlüpfte geschickt zwischen beiden durch. „Ach, nein, Papa. Das mag ich nicht; es ist wirklich gar nicht so angenehm, schon bei lebendigem Leibe in zwei Hälften sich teilen zu müssen." Alle lachten: Karol aber war geradezu entzückt, außer sich vor Wonne. Alle Frauen sind ja wahre, echte Teufel an List und Schlauheit; doch Cousine Alma übertrifft darin alle. Um nur diesem unausstehlichen Menschen nicht den Arm reichen zu müssen, hat sie es über sich gewonnen, sogar auf meinen zu verzichten!- Bei der Tafel allerdings konnte es Alma nicht vermeiden, zwischen den „jungen Burschen" zu sitzen; aber sie richtete ihre Gespräche ausschließlich an Karol, um Schmulikof merken zu lassen, daß er den jetzigen Waffenstillstand nicht etwa mit dem vollen Frieden verwechseln dürfe. Schmulikof amüsierte sich innerlich. Sicherlich hatte dieser oberflächliche Flattergeist sich in den Kopf gesetzt, mit der uniformierten Kleiderpuppe zu ihrer Rechten einen zeitvertreibenden Flirt anzubandeln. Da aber die Kleiderpuppe wahrscheinlich nicht so recht Feuer fangen wollte, so sollte er, Schmulikof, dazu dienen, um bei jenem die Eifersuchtsflamme zu entfachen. — Er gönnte ihr dieses kindliche Vergnügen. Aber er würde ihr ernstlich raten, keine Versuche anzustellen, um auch ihm etwa andere Gefühle einflößen zu wollen! — Er konnte sein inneres Widerstreben gegen dieses Mädchen kaum bemeistern. Allerdings war diese Abneigung nicht sowohl gegen ihre Person gerichtet als vielmehr gegen die dekadente Atmosphäre, in welcher sie lebte, gegen das moralisch und sittlich herabgekommene System, das sie verkörperte. Er glaubte, auch sie hasten zu müssen, weil sie, obwohl noch so jung und kindlich, schon alle diese verwerflichen Neigungen in sich ausgenommen hatte. Schließlich aber, was ging ihn die ganze Sache an? Seine Ausgabe war es ja nicht, Studien über den weiblichen Charakter anzustellen, sondern zu arbeiten, um in der Arbeit Vergessenheit zu finden. Das einzig Angenehme, das der hiesige Aufenthalt ihm bieten konnte, war die Gewißheit, daß er fest im Vertrauen seines Vorgesetzten stand und dessen volle Achtung besaß. Der hiesige Aufenthalt würde nicht allzulange dauern, und war er erst wieder fort, dann stand es ihm ja frei, die hiesige unangenehme Episode aus seinem Gedächtnis zu streichen oder — auch nicht. Für Schmulikof ging die Mahlzeit nur langsam und langweilig fort. Nicht nur weil er der ganzen Unterhaltung keinen