Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- Seite 212 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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r -212 - Werke. Der Sumpf ist weich, der Gipfel felsig. Begehen Sie eine großartige Schweinerei, .damit Zug in die Geschichte kommt." Drittens eine schwärmerische getaufte Berliner Jüdin, die sich hingebungsvoll dem Meister anschließt, von ihm aber, wie so manche andere, die sich zu ihm drängen, mißachtet wivo, eine hochbegabte Dame, bei der man allerdings nicht völlig darüber klar wird, ob sie bloß einer Berühmtheit nachjagt oder ob ihre Hingabe der Ausfluß und die Wirkung eines tiefen künstlerischen Mitempfindens ist. Sie schreibt längere Zeit dem Meister die innigsten glühendsten Briefe, verschwindet aber ebenso rasch, wie sie aufgetaucht ist. Eine nicht episodische, sondern in denn Roman immer wiederkehrende Person ist der jüdische Forscher Friedrich Benda, ein Naturforscher und Mediziner, der als Jude in seinem Streben, an einer Universität zu wirken, scheitert, der sich zuerst in seine Bücher und Arbeiten vergräbt, dann sich jahrelanger Untätigkeit hingibt, endlich nach England geht, von dort aus eine große Forschungsreise nach dem fernen Westen unternimmt, jahrelang verschollen ist und nach dem Bestehen-großer, fast übermenschlicher Gefahren vernichtet an Körper, aber heil an Seele zurückkehrt und im Begriffe steht, die Früchte seiner mühevollen Forscherarbeit zu genießen. Er ist es, der Daniel aus seiner größten Not, da er dem körperlichen Verhungern und dem seelischen Verschmachten nahe ist, errettet, er ist der gute Genius, der den Weltfernen seiner Künstlerschaft wiedergibt. Er ist ein gütiger prächtiger Mensch, und der Dichter braucht einmal zu seiner Charakteristik das köstliche, von feinster Beobachtung eingegebene Wort: „Seine außerordentliche Artigkeit war so groß, daß er mitten im Lachen über einen Scherz offenen Mundes innehielt, wenn man wieder zu sprechen begann, um durchaus nichts von dem zu verlieren, was der andere sagte." Man würde nun sehlgehen, wenn man meinte, daß Wassermann in diesen vier Personen das Wesen des Judentums abschließend hätte schildern wollen, und man darf wohl auch nicht die nahe Beziehung des Werkes zu Juden und Judentum darin sehen, daß das Buch die Aufschrift trägt: „Ich widme dieses Werk Moritz Heimann, dem brüderlichen Freunde." Es war also wohl nicht die Absicht des Dichters, zu sagen: Das sind die vier verschiedenen Eigenschaften der Juden: Gewissenhaftigkeit der Pflichterfüllung (der jüdische Arzt); ekle Streberei (der Musiker Wurzelmann); ungesunde Schwärmerei (die Berliner Briefschreiberin); ideales Streben, das nach langem Verkanntwerden 311111 Siege und Triumphe führen muß (Benda), sondern in dem bunten Treiben, das der Dichter vorführt, in dem Philister, Narren, gute Bürger, schöne Weiber, echte und unechte Künstler, Politiker, Adlige, Spießbürger, tugendhafte Personen, Bummler und Tagediebe bunt durcheinander wimmeln, mußten auch Juden verschiedener Art ihre Stelle haben. Vielleicht aber hat der Dichter, den wir mit Stolz zu den Unseren zählen dürfen, zu der Persönlichkeit des Helden ein jüdisches Modell benutzt: Daniel Nothafft, seinem Ursprung und Wesen nach ein Christ, der geniale, aber unpraktische, höchst widerborstige Mensch, der für das Leben nicht paßt, unzählige Male dem Scheitern nahe ist, sich immer wieder, teils durch eigene Kraft, teils durch eine günstige Fügung des Geschickes erhebt, gemahnt, wenn auch gewisse Züge an ihm an Beethoven und Wagner erinnern, zumeist an Mahler, und es wäre wohl denkbar, daß, wie schon einzelne Kritiker hervorgehoben haben, dieser geniale Komponist das eigentliche Modell des Dichters war, ein Modell, das freilich mit vollkommener poetischer. Freiheit behandelt und dargestellt worden ist. Wie dem aber auch sein mag, denn die Modellfrage darf bei der Beurteilung eines poetischen Werkes, wenn sie auch keineswegs ganz gleichgültig ist, doch nicht im Vordergrund stehen, der Roman Wassermanns ist ein reifes Werk, an dem wir trotz mancher Ausstellungen unsere Freude haben. Will man seine Tendenz erkennen, die tiefere Bedeutung, die schließlich jedem noch so freien Werke der Phantasie zugrunde liegen muß, so halte man sich an ein Wort, das Benda einmal seinem Freunde Daniel sagt: „Ja, ja, du stirbst bei jedem Sturz und wirst bei jedem Aufschwung neu geboren." Es ist der Sieg des Genies über die Widerwärtiglkeiten der Welt. Lur Geschichte der Auslegung des Iudenedikts von 1812. Von Jacob Jacob s 0 n. an wird kaum fehlgehen, wenn man behauptet, daß die Verfassung eines Staates nur die Form abgebe, der eigentliche Inhalt, die Seele, aber die Verwaltung sei, und kann so weiterhin sagen, daß eine fortgeschrittene Verfassung sich erst dann ganz erfülle, erst dann belebte Form werde, wenn die Verwaltung sich ihr ganz anpasse. Wie weit auf andern Gebieten unseres Staatslebens eine solche Verschmelzung, solch ein Jneinandergehen von Seele und Form stattgefunden hat oder stattfindet, steht hier nicht zur Diskussion. Daß diese Verschmelzung aber auf dem uns angehenden Gebiete der Judenfrage noch in weitem Felde ist, ist eine nichts weniger als neue, aber darum bei der jedesmaligen Konstatierung nicht minder schmerzliche Tatsache. Sie verliert für uns jetzt Lebende, mit dem scharf ausgeprägten Gefühl für Ehre und dem Willen zu staats bürgerlicher Vollwirksamkeit Ausgestattete allerdings wenig von ihrem üblen Beigeschmack, wenn wir dieser Verwaltungspraxis historisch nachspüren und dann eine kontinuierliche Linie in ihr entdecken; aber eine solche Feststellung vermag, uns wenigstens, wenn wir nur kühl, abgezogen wägen, einigem Verständnis für ein uns unsympathisches Verfahren beizubringen. Die heutige Verwaltungspraxis — das steht fest — ist kein Erzeugnis der letzten Jahrzehnte, ist nicht-übermäßig beeinflußt von ganz neu ausgetretenen Ideen, auch nicht etwa unliebsam gefördert durch innerjüdische Problemstellungen sondern ist wesentlich verankert in alter Tradition und trüg: deren Bleikugeln und Fesselketten. Nur dadurch, daß man diese von Verwaltungsgeneration zu Verwaltungsgeneration fortgeerbte Tradition als das ge wichtigste Hemmnis erkennt und anerkennt, wird man der schwerfälligen Gang der Entwickelung etwas weniger zorn mütig ansehen können. So auch wird man es richtiger würdi gen können, welche vorbildliche Kraftleistung und bürgerliclp und staatsbürgerliche Bewährung von unserer Seite um welche Selbstüberwindung aus seiten der Verwaltungsorgan dazu gehörte, daß sich doch so manche traditionelle Bleikuge verloren, so mancher Ring in ihren Ketten gelöst hat. Aber genug sind noch der Kugeln, die die Verwaltnngs tradition mit sich schleppt, denn die, die sie am Beginn ver fassungsähnlicher Zustände, gesetzlicher Befreiungen formten — dh. für die preußische Judengesetzgebung seit dem 11. Mär 1812 —, hatten ihr Werk gut verstanden. Mit welcher Energie die Verwaltung sofort nach Erlas des Judenedikts von 1812' an seiner Durchlöcherung, oder besser gesagt an seiner Aushöhlung, seiner Entgeistung arbeitete, mit welcher Zähigkeit sie ihre Exekutive dagegen stellte und damit der zukünftigen Praxis den Weg festzulegen suchte, wird an dem nachfolgenden Schriftwechsel klar werden.