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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-05 · Heft 18 (5.5.1916) · p. Seite 211

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 18 (5.5.1916)
Date
1916-05-05
Page
Seite 211 (sequence 7)
Language
German
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/ 2ii Vorstandes, der Chewra-Kaddischa, des Döblinger Tempeloereins, eine Deputation aus drei Mitgliedern der Kultusgemeinde in Kremsier sowie viele Honorationen und Freunde res Verewigten teilnahmen?) Islmd Wassermann: „Das Gänlrmännchen"^. Besprochen von Ludwig Geiger. ie Entwicklung des Herrn Wassermann, die ich aus literar-historischem und jüdischem Interesse verfolge, -nacht dem Beobachter keine gleichmäßige Freude. Bei dem vorliegenden Roman jedoch habe ich das Gefühl, als wenn der Verfasser einen mächtigenSchritt vorwärts getan habe. Freilich wild genug geht es auch in diesem außerordentlich umfangreichen Werke — es umfaßt nicht weniger als 605 enggedruckte Leiten — her, und am wenigsten möchte sich der Leser mit dem Titel des Romans einverstanden erklären. Denn dieser paßt ',u dem Werke in keiner Weise. Zwar spielt der Roman in Nürnberg und das Gänsemännchen, die bekannte Figur, kommt, wenn ich recht gezählt habe, dreimal vor: einmal wird ie nur kurz erwähnt; ein anderes Mal werden die Gänse, die ras Männchen im Arme trägt, zu einer frivolen Anspielung umutzt; das drittemal erscheint das Männchen persönlich im Zimmer des gebeugten Helden, verweilt lange dort, hält ihm eine große Rede, eine philosophische Auseinandersetzung, üe sich etwa in die Worte zusammenfassen läßt: Die ganze Lebensweisheit besteht darin, ruhig auf seinem Platze zu verharren und teilnahmslos dieBewegungen der Welt zu betrachten. Aber mit dem Roman hat dies, abgesehen davon, daß diese sogenannte Weisheit doch äußerst bestreitbar ist, herzlich wenig zu tun, und zu dem bllnten Treiben der wirklichen Welt, das hier vorgeführt wird, will das phantastische Hineintragen der unwirklichen Welt nicht recht passen. Unser Roman ist die Geschichte eines Musikers Daniel Nothafft. Dies ist ein genialer, aber schwer zu behandelnder Mensch, der seinem Elternhause entläuft, um seinen unbezähmbaren Drang zu stillen, Musiker zu werden und der schließlich ein hochbedeutender Komponist, Lehrer und Schriftsteller wird, freilich ein Komponist, von dem so gut wie gar nichts ausgeführt und außerordentlich wenig gedruckt ist, dessen sämtliche Manuskripte durch eine widerwärtige Kreatur vernichtet iverden, die das böse Prinzip seines Lebens darstellt; ein Lehrer, der erst in der Mitte seines Lebens, da er in den Vierzigern steht, seines wirklichen Berufes inne wird, und ein Schriftsteller, Herausgeber mittelalterlicher kirchlicher Kompositionen, von dessen Leistungen man im einzelnen wenig erfährt. Er ist ein hochsahrender, stiller, außer seiner Kunst nur dem Sinnengenusse lebender Mensch. Dieses Liebesleben bildet den Hauptgegenstand des Romans: die Schwängerung eines Dienstmädchens in plötzlicher sinnlicher Aufwallung — das Kind, das aus dieser Verbindung hervorgeht, wird von der Mutter des Künstlers erzogen, verschwindet aber in seinem elften Jahre, wahrscheinlich von einer Artistenbande entführt; die Ehe mit Gertrud Jordan, einer sinnigen, aber in ihrer Einfachheit dem Künstler nicht genügenden Frau, die aus Verzweiflung sich aufhängt; die Ehe mit der Schwester dieser Frau, Leonore, einer hohen, künstlerisch fein empfindenden, den Mann und Meister innig begreifenden Frau, die bei der Geburt eines Kindes stirbt; endlich die Verbindung mit Dorothea Döderlein, der Tochter eines Musikprofessors, der äußerlich das Muster der Ehrbarkeit, innerlich aber ein very Der Verstorbene war, wie hier dankbar anerkannt werden soll, o"ch ein treuer Mitarbeiter an unserer Zeitung. Die Red. ') Roman. Berlin, Verlag von S. Fischer, 1915. ruchter Mensch ist, der, nachdem er seine Frau planmäßig verdorben und sie als unheilbar in einem Jrrenhause untergebracht hat, heimlich ein sittenloses Leben führt. Diese Dorothea, ein ewig lächelndes Weib, ist eine Hetäre der schlimmsten Art, die dem Mann das Leben zur Hölle macht, von ihm schließlich in der Umarmung eines Verführers entdeckt wird, sich der Bestrafung durch die Flucht entzieht und als Abenteurerin und Dirne ihr Leben beschließt. Alle diese Frauen werden in ihrer verschiedenen Wesensart wunderbar geschildert, die Wonnen und Schmerzen, die Daniel mit ihnen genießt und erleidet, mit ungemein dichterischer Virtuosität dargestellt. Aber man würde sich irren, wenn man meinte, daß mit dieser hier knapp angedeuteten Geschichte der Inhalt des Romans erschöpft wäre. Vielmehr werden wir in unzählige Kreise eingeführt, adlige und bürgerliche. Wir lernen schrullenhafte Persönlichkeiten kennen, die nur Zerrbilder, nicht Darstellungen wirklicher Menschen genannt werden können, z. B. einen Rentier Earovius, die Mischling eines hochbegabten Menschen und eines Trottels; die Familie Ausfenberg, den Vater, Politiker, der schließlich zum Katholizismus übergeht, die Mutter eine feine und stille Frau, den Sohn Eberhard, halb Narr, halb Genie, zuerst in Leonore verliebt, dann mit seiner Cousine, einem Fräulein von Erfft, verheiratet. Sodann die Familie der letzteren, die eine Zeitlang Daniels Wohltäter sind, ihn aus dem Verderben retten und ihm zu einer gewinnbringenden Tätigkeit verhelfen; ferner die Familie eines Onkels Daniels, Jason Philipp Schimmelweiß, eines Buchhändlers, der zuerst Sozialist, dann freisinnig, endlich bloß Trunkenbold ist, aber sein ganzes Leben lang der größte Filou und ein arger Haustyrann ist, ferner dessen Tochter Philippine, ein Ausbund von Häßlichkeit und Sinnlichkeit, die ihr ganzes Streben daraus richtet, Daniel, den sie für sich bestimmt wähnt, zu verderben, ihm und seiner Familie zwar viele Jahre lang umsonst dient, aber nur seine Vernichtung im Sinne hat und ihm schließlich durch Verbrennung seiner Manuskripte den tödlichen Streich versetzt. Man könnte nicht enden, wenn man alle in dem Romane vorkommenden episodischen und manchmal in die Handlung eingreifenden Persönlichkeiten nennen wollte. Alle diese Kreise und Persönlichkeiten werden mit einer technischen Vollkommenheit geschildert, die Staunen erregt. Trotz ihrer Verschiedenartigkeit, trotz der scheinbaren Zusammenhanglosigkeit werden sie alle mit einer derartigen Meisterschaft zusammengehalten, daß das Werk unbeschadet seines Auseinanderflatterns doch wie ein einheitliches wirkt. Man nimmt die zahlreichen Absonderlichkeiten gern in den Kauf, weil man durch die künstlerische Darstellung ber Einzelheiten, durch zahllose Kunst- und Naturbetrachtungen immer wieder gefesselt, durch den psychologischen Reiz der einzelnen Charakteristiken über manche Längen emporgehoben wird. Schon aus allen diesen Umständen verdient das Werk als eine hervorragende Erscheinung rmserer Literatur, da es eben von einem jüdischen Autor stammt, in diesen Blättern hervorgehobeu zu werden. Aber es verdient eine besondere Erwähnung, weil darin viele Juden Vorkommen. Der episodischen jüdischen Figuren sind drei: erstens ein jüdischer Arzt, der der vorgenannten Leonore in ihrer schweren Stunde treffliche und gewissenhafte Dienste leistet; zweitens ein Musiker Wurzelmann, der Häuptling einer Wandertruppe, in der Daniel einen Teil seiner Lehrjahre verbringt, ein vollkommener Lump, der sich einmal selbst charakterisiert durch folgende Rede, die er dem Daniel hält: „Aus Ihnen wird nie etwas Rechtes werden. Ich habe mich in Ihnen getäuscht. Sie haben zu viel Gewissen. Mit der Moral verfertigt man nicht einmal Kinder, viel weniger

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