Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- Seite 210 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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i L Kaiser in Audienz empfangen und durch huldvolle Ansprachen beseelt zu werden. Dr. Frankl-Grün war Historiker im wahren Sinne des Wortes und als solcher hatte er in weilen Gelehrtenkreisen Oesterreichs und Deutschlands einen bekannten Namen. Während seiner 35jährigen Amtstätigkeit in der geschichtlich interessanten Stadt Krvmsier durchforschte er alle Archive und Bibliotheken der größeren Städte Mährens. Als bedeutendste Frucht seiner wissenschaftlichen Arbeiten entstand die dreibändige „Geschichte der Juden in Kremsier und den Nachbar gemeinden" (1896, 1898. 1901), mit der er dieser Gemeinde in ihren Beziehungen zum Olmützer Erzbistum (er hatte solche zum Fürstbischof Fürstenberg und Dr. K o h n, dessen jüdische Abstammung er nachwies) und in ihrer inneren Entwicklung und Tätigkeit ein würdiges Denkmal setzte und der jüdischen Lokalgeschichte neue Wege wies. Weiter erschien eine Geschichte seiner Heimatstadt Ungarisch-Brod und „Jüdische Zeitgeschichte und Zeitgenossen mit literarischem Beitrag des Professors S. Krauß" (1913), die an Graetz anknüpft. Und bei diesem profunden Wissen, das der Verewigte auf dem Gebiete der Theologie und der historischen Wissenschaft besaß, bei der klassischen Bildung und Schulung, die er hatte, und bei der meisterhaften Feder, die er mit Geschick und Leichtigkeit führte, war er von geradezu beispielloser Bescheidenheit; nie trat er persönlich in den Vordergrund, sprach nie von sich und seinen Arbeiten und konnte im Studium sich nicht genug leisten. Dafür aber rühmte er sich immer wieder mit Stolz, ein Schüler seiner großen Meister und Lehrer gewesen zu sein (außer den bereits Genann-. ten noch die Lektoren am Wiener Beth - Hamidrasch M. Friedm a n n und S. H. W e i ß), die den strebsamen und talentierten Jünger richtig erkannten und einschätzten und ihm stets ratend und fördernd zur Seite standen. Nicht genug konnte er erzählen von dem freundschaftlichen Verkehr im Hause von Grätz, Fränkel, Jellinek, Kaufmann (Biographie des Freundes Professor Kaufmann, Budapest) sowie von den freundschaftlichen Beziehungen zu Güdemann. Bescheiden war sein ganzes Wesen — er redete wenig und meist leise. Aber, was er sprach, war faßbar und greifbar und enthielt in lapidaren Worten einen ganzen Gedankenkonrplex, der auf den Zuhörer stets anregend wirkte und ihn zur Arbeit aneiferte. Von immensem Fleiße und zäher Ausdauer erfüllt, arbeitete er — obwohl immer schwächlich und oft leidend — unermüdlich und unverdrossen, und auf dem Krankenbette, als ihn die Kräfte verließen, schrieb er mit zitternder Hand und hatte die Absicht, ein schönes Werk („Das Kriegsrecht der Juden") zu edieren. Als Redner hatte er ein ausgesprochenes Talent, und seine Sprache war immer edel und vornehm, oft von philosophischen Gedanken erfüllt (Joel und Jellinek waren seine Vor-' bilder), und er konnte — wie ich als Gymnasiast zu beobachten Gelegenheit fand, da ich tagtäglich fast in seinem Hause zu verkehren die Ehre hatte — seine Manuskripte ändern seilen und wieder abschreiben, bis ihm die Rede aus einen, Gusse geformt und zum Vortrag geeignet erschien. Von seinen Reden erschienen: Kleiner Weinberg (Experten) 1901, Die vier ausgezeichneten Sabbate 1887, Zählen und Sieben 1887, Des Kaisers Jubel- und Trauertage — der Weg zu Gott 1911. Als Lehrer verstand er es — und damit ist, zumal in jener Zeit, da er als Lehrer in die Schule eintrat, sehr viel gesagt —, im Unterricht Zucht und Ordnung zu halten, allc Schüler beim Unterrichte heranzuziehen und ihnen Hochachtung vor dem Gegenstand, den er lehrte, einzuslößen. Geger Nachlässige und Indifferente konnte er ernst und strenge auftreten, bis sie sich selbst aufgerafft und sich seiner Weisung und Ordnung fügten. Dabei aber hatte er ein warmfühlendes Her, für die Jugend, nahm sich ihre; in geistiger und materieller Beziehung, wo er nur konnte, fürsorglich an und wußte sich in ihren, Herzen eine dauernde und dankbare Erinnerung zu sichern, die sic ihmallezeit treu bewahrte. In seiner Gemeinde hatte er den Jugendgottesdienst geschaffen und eingerichtet, bei dem die Schüler der obersten Klassen (Gymnasium und Realschule) mii den kantoralen Funktionen betraui wurden (Schreiber dieser Zeile«« fungierte als Baal-Kore), ander« Schüler wirkten als Gaboim, un« etwaige Tempelspenden wurde« für Schülerzwecke, Freitische usw gewidmet. Die Experten hielt er natürlich immer selber. Und so ge staltete sich der Jugendgottesdienst an dem die Schüler selbst tätiger Anteil nahmen, zu einer In stitution, wie sie derzeit in viele« Gemeinden besteht und ihren wohl tätigen Einfluß auf die religiös-sitt liche Erziehung der Jugend ausübt Von seinen literarischen Leistungen seien hier noch angeführt „Die Varianten in den biblische« Parallelen" (1890) — „Das Lebe. Juda Halevis" (1885) — Ausgab der Psalmen für die Schule (1907 und dazu ein Kommentar (1915). Als Dr. Frankl-Grün als junger Rabbiner nach Kren« sier kam, suchte er wiederholt Rat und Bescheid bei meine» seligen Vater, den er hoch verehrte und von dessen tiefer tal mudischer Gelehrsamkeit und Beredsamkeit er oft mit Bewunde rung sprach. Die letzten Jahre verlebte er hier in Wien ir Muße und Ruhe, nur seiner schriftstellerischen Tätigkeit sich widmend. Eine große Anzahl wissenschaftlicher Aussätze, Artikel, Rezensionen usw. ist in den verschiedenen jüdische» Zeitungen von ihm erschienen. Sein angegriffener Gesundheitszustand zwang ihn, in dem Ruhestand zu treten. Sein« edle, gebildete, feinfühlige Gattin (geb. Freund aus Gleiwitz stand ihm in allen Lagen und Verhältnisien des Lebens immer ratend und helfend zur Seite. Er hinterließ außer der trauernden Witwe zwei Söhne und eine Tochter, die in zärtlicher kindlicher Liebe ihm angehörten. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer große» Trauerkundgebung,. an der Vertreter des Wiener Kultusprof. Dr. A. Frankl-Grün.