Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- Seite 209 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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209 Auslieferung Bestinnnten sind fix lind fertig. Ohne ein Wort des Mitleids, ohne die leiseste m e n s ch l i ch e R e g n n g wird man einige Tausend auf den in Marseille vor Anker liegenden Transportschiffen einladen. Dafür liH doch Rußland eine Division nach Frankreich kommen, dafür geht es jetzt mit den Westmächten bis ans Ende! Das gab Briand den Gegnern der Zwangsrekrutierung russischer Flüchtlinge zu bedenken, und alle moralische Bedenken schwanden oahin. Leider erklärten sich auch die einflußreichsten Mitglieder der Alliance für außerstande, die harte Verordnung zu bekämpfen. Wie oiele Hasser des Zarismus, der russischen Willkürherrschast werden die Republik verlassen müssen? Wohl 35- bis 40 000. Sie lebten in Frankreich als fleißige Arbeiter, die zur Allsrechterhaltung )es Kleinhandels wesentlich beitrugen. Frankreich wird ihren Verlust unpfindlich spüren. Da ja bekannt ist, daß der Antisemitismus in Irankreich zurzeit im Steigen begriffen ist, so billigt die Oeffentichkeit mit einer merkwürdigen Schadenfreude den Abtransport der linsten. Ich selbst hörte von einem Pariser Deputierten die Worte: .Unsere Leute wunderten sich seit langer Zeit, daß die russischen Flüchtlinge ungestört ihrem Beruf nachgehen können, während wir Ale unsere Männer ins Feld schicken. Die sollen in ihre Heimat." Ran merkt, wie hartherzig der Franzose ist. Er will sich der entsetzlichen Leiden, die das Judentum in Rußland erdulden mußte und noch erduldet, nicht erinnern. Seine Kriegswut unterdrückt in hm jede humane Regung." . . . Diese Ausführungen finden eine Bestätigung in folgender Drahtmeldung aus Rotterdam, 24. April: Nach der Jewish Chronicle" werden alle in den Vierverbandsländern veilenden russischen Juden militärpflichtigen Alters gezwungen verden, nach Rußland zurückzukehren, um dort Heeresdienste u nehmen. Man will diese Maßregel umgehen durch die Bildung jüdischer Bataillone in den Vierverbandsländern. * Im Namen der drei Millionen in den Vereinigten Staaten rnsässigen Juden hat sich, wie von uns in der vorigen Nummer bereits mitgeteilt, der Vorstand des „Amerikanisch-Jüdischen Allsschusses" in New Jork mit einer Bittschrift an den Papst gewandt, worin er die Vermittlung des Papstes uachsucht, daß den in gewissen kriegführenden Ländern an den Faden verübten Grausamkeiten Einhalt getan werde. Fn dem vom 30. Dezember 1915 datierten Schreiben, das der .Temps" jetzt veröffentlicht, heißt es: Die Bittsteller, Bürger der Vereinigten Staaten Amerikas und Anhänger des jüdischen Glaubens, haben mit wachsendem Entsetzen üe namenlosen Grausamkeiten und Härten erfahren, die gegen ihre Glaubensgenossen in verschiedenen kriegführenden Ländern seit Beinm des Weltkrieges verübt worden sind. Weit über die Leiden hinaus, die dieses Unglück den Andersgläubigen zugefügt hat, und lußer den Zerstörungen, die durch den Auseinanderprall der ämpfenden Armeen allen verursacht werden, die sich im Bereich der Feindseligkeiten befinden, sind die Juden sür eine besondere Verfolgung bezeichnet und Unterdrückungsmaßregeln unterworfen worden, die ihre Landsleute anderer Religionen nicht erlitten Ulben. Die Leidenschaft und Vorurteile sind gegen unsere nnglückichen Brüder entfacht worden oft von denen, welche demselben politischen H u l d i g u n g s e i d unterlagen, bis ihr Los nicht nehr erträglich war. In einigen Ländern, wo sie seit langem wohnten, oben ihre nächsten Nachbarn ihre Vernichtung betrieben, gegen sie •ie ausgesuchtesten Grausamkeiten angewandt und in vielen Füllen 'e dann mittels ihres wirtschaftlichen Boykotts zum Hungertode ernrteilt. Wir fügen dieser Bittschrift ein Verzeichnis betau bi g t e r Tatsachen bei, die nur einen kleinen Teil der heußlichen Wahrheit sagen. Im Namen des Papstes beantwortete Kardinal lasparri die Bittschrift am 9. Februar, indem er bekannte, aß der Papst nicht in der Lage sei, sich über die in der beiegebenen Denkschrift berichteten besonderen Tatsachen aususprechen, aber im Grundsatz als Haupt der katholischen Uirche getreu ihrer Lehre und ihren ruhmreichen Überlieferungen alle Menschen als Brüder ansehe und deshalb jede Vergewaltigung der natürlichen Rechte der Kinder Israels ebenso verurteile wie die aller andern Menschen. Schmerzlicher als jemals fühle der Papst angesichts des gewaltigen schrecklichen Krieges die Notwendigkeit sür alle Menschen, sich wieder zu erinnern, daß sie Brüder seien. Erdete zu Gott, damit der Friede endlich erscheine zum Glück der Menschheit. Hierzu bemerkt die „Kölnische Zeitung" sehr treffend: Es ist schade, daß der „Temps" zu der Bittschrift des Amerikanisch- Jüdischen Ausschusses nicht auch noch nähere Kenntnis von dem ihr beigesügten Verzeichnis der beglaubigten, an Inden begangenen Grausamkeiten gibt. Daraus hätte man uüt Bestimmtheit ersehen können, gegeil welche kriegführenden Nationen insbesondere der Ausschuß seine Anklage hierüber richtete, und welcher Station die Katholiken angehören, denen er auch den Vorwurf macht, sich daran beteiligt zu haben. So kann man nur annehmen, daß seine Anklage sich zunächst gegen Rußland richtete, dessen Heere allein sich solcher planmäßigen Verfolgung der Juden in seinem und im österreichischen Gebiet schuldig gemacht haben. Weshalb, muß man auch weiter fragen, hat der jüdische Ausschuß von Nerv s)ork sich rvegen dieser planmäßigen, an den Juden begangenen Grausamkeiten, von denen er ein Verzeichnis beglaubigter Fälle in Händen hatte, nicht an den Präsidenten des eigenen Landes, Herrn Wilson, gewandt, der doch sonst als Präsident der großen amerikanischen Republik es sür seine erste Pflicht hält, die „Gebote der Menschlichkeit" bei den Kriegführenden, wo er sie planmäßig sür verletzt hält, ebenso spontan rvie hartnäckig zur Geltung zu bringen? Der „Temps" rveiß zu der Bittschrift mitzuteilen, daß sie zunächst der Genehmigung der Bundesregierung in Washington Vorgelegen habe und erst abgesandt worden sei, als Staatssekretär Lansing erklärt habe, daß er nichts dagegen einzuwenden habe. Welch merkwürdige Gleichgültigkeit hat man also notwendigerweise bei dem Auswärtigen Amt in Washington und dem Präsidenten Wilson gegenüber dieser ihnen in tatsächlichen Beweisen von den Bürgern des eigenen Landes vorgelegten fürchterlichen Verfolgung der Juden festzustellen! Sollte sie nur darin ihre Ursache haben, daß diese namenlosen Grausamkeiten in Rußland begangen wurden und die russische Regierung, der Bundesgenosse Englands, dafür verantwortlich 31t machen wäre? Herr Wilson, der seine Pflicht der Menschlichkeit entdeckt und mit den spitzfindigsten Begründungen zu betätigen strebt, wenn Deutschland sich durch seine Unterseeboote gegen die englische Unmenschlichkeit verteidigt, das ganze deutsche Volk durch den wirtschaftlichen Weltbvhkott dem Verhungern zu überliefern, der seine eigenen amerikanischen Bürger aber an den Papst verweist, wenn diese sich über denselben wirtschaftlichen Boykott beschweren, der in Rußland die Juden dem Verhungern überliefert, möge sich über diese seltsame Verschiedenheit seines Pslichtbewußtseins gegenüber dein Gegner und dem Bundesgenossen Englands erklären. Lsbbimr Dr. Mols Frankl-Grün geboren am 21. Januar 1847 — gestorben am i/j. Februar ( <) 1 Von H. Polka k. eboren in Ungarisch-Brod (Mähren) besuchte Dr. Adolf Frankl-Grün — wie er selbst von sich in der „Geschichte der Inden in Kremsier" schreibt — die Rabbinatsschule Blechs in Leipnik, Hildesheimers in Eisenstadt und vollendete seine rabbinischen Studien am Jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau, wo er unter Direktor Frankel sowie den Professoren Frendenthal, (Steil?, Lazarus. Rosin und Zuckermann studierte. Nach Absolvierung aller seiner Studien wurde er als Rabbiner an die Kultusgemeinde in Kremsier berufen, wo er von 1877 bis 1911 sehr verdienstlich wirkte. Nach der Berufung meines seligen Vaters aus Holleschau zum Rabbinatsassessor der Wiener israelitischen Kultusgemeinde versah er als Rabbinatssubstitut wiederholt daselbst Funktionen in den Jahren von 1890 bis 1893 und in Kojetein von 1892 bis 1894. Viermal genoß er die Allerhöchste Auszeichnung, von Seiner Majestät, unserem allgeliebten