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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-05 · Heft 18 (5.5.1916) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 18 (5.5.1916)
Date
1916-05-05
Page
Seite 208 (sequence 4)
Language
German
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208 - „Weisen des Vaterlandes", von Franz Denk, erbte er das große Gut schivär ine rischen Liberalismus, war er der Hohepriester des liberalsten Gedankens während der Kämpfe und Siege Szilügyis und Weckerles aus Anlaß der Neugestaltung der kirchenpvlitischen Reformen in seinem geliebten Baterlande. Lückenlose Logik vereint mit rhetorischer Meisterschaft gaben seiner blendenden Beredsamkeit die Schärfe und Treffsicherheit. Dem gesamten Judentum auf dein weiten Erdenrund wurde der Name Karl Eötvös geläufig und lorbeerumkränzt, denn in Millionen jüdischer Herzen bleibt der Triumph unvergessen, den der Meister der Rede und der Beweisführung, der Heros liberaler Gesimnlng in der Tragikomödie in Tisza-Eszlar feierte, als er die unselige Blntbeschuldigung, von den Häuptlingen derer, die den Judenhaß aus ihrer Fahne trugen, augezettelt, titanenhaft niederrang und den aus den Zeiten finsterer Heren Prozesse in die Gegenwart verirrten Wahn heldenhaft bezwungen hatte. Erinnern wir uns dieses denboürdigen Prozesses, in dessen Mittelpunkt Karl Eötvös stand, und versetzen wir uns um 34 Jahre zurück. Damals konnte blindwütiger Haß von Personen, die längst verdorben, gestorben sind, das folgende düstere Drama auMhren. Im Lenz des Jahres 1882 lief in dem kleinen Dorfe Tisza-Eszlar ein junges Bauernmädchen zum Händler, um Farbe für Ostereier zu kaufen. Sie kam von diesem Gange nicht zurück. Es war Pessach>- zeit, die Juden waren zur Andacht im Tempel versammelt. Hiezu gesellte sich die Anwesenheit dreier Probekantoren und Schächter, welche der Phantasie des Pöbels Gelegenheit gab, das Verschwinden des Bauernmädchens Esther Solhmosi als eineil Ritnalmord zu verzeichnen, und das Gerücht, das aufschwirrte, wuchs, von antisemitischen Politikern, wie Onodi, Berhovah und Jstoezh, an gefacht, lawinenhaft an. Ein elfjähriger Sohn des Tempeldieners wurde mit allen Mitteln präpariert und der berüchtigt gewordene Knabe Moriz Scharf gab ari, er habe beim Fenster des Tempels die Juden belauscht, als sije das Mädchen in den Tempel lockten; die drei Schächter durchschnitteil den Hals der Solhmosi, das Blut wurde in irdenen Gefäßen aufgefanaen. Das Geständnis des famosen Jungen trug die Unterschrift: „Ich habe das alles ohne Zwang gestanden. Moriz Scharf." Die spätere Untersuchung stellte die Art fest, wie dieses „Geständnis" zustande kam. Doch was mußte geschehen, bis fünfzehn verhaftete Juden sich voll der Anklagebank erheben konnten ... Da trat Karl Eötvös als Verteidiger der arnien Juden auf den Plan. Unbeirrt von einer Hochflut von Drohungen und Verleumdungen rtit§ dem Laaer der erbittertsten Großfaiseure der Schandkomödie von Tisza-Eszlar. Das Auftreten Eötvös ward zum monumentalsten Ereignis seines an Siegen und Erfolgen überreichen Lebens. Die Kunst seiner Berteidiguna ist unvergeßlich. In der Geschichte der wochenlang währenden Hauptverhandlnng leuchtet Eötvös gleich einer legendarischen Gestalt, nnd die Blätter jener Tage wußten zu berichten, „wie Eötvös als scharfsinniger Kenner aller Geheimnisse der Völkerpsychologie, der forensischen Medizin, der Organisation, des Verwaltungswesens auftrat, gewappnet bis an den Hals, unbesiegbar, ein Drachentöter, der die Bösewichte niederzwingt. Jede Zeile der Hauptverhandlnng beginnt mit dem Namen Eötvös, eine Frage bezeichnend, die den falschen Zeugen oder den irregeführten ait§ der Fassung bringt, ihn zwingt, der- Wahrheit ihr Recht zu geben; ein Bild des Kreuzverhörs, in dem der überragende Verstand Karl Eötvös' feine Perlen glänzen ließ lmd die Lüge zu Boden streckte." Unter dem Bann der Verteidigungsrede, die unvergänglich dastehen wird, mußte die sittliche Kraft, die in der ungarischen Justiz noch damals wirksam war, den Oberstaatsanwaltsubstituten Dr. Eduard Seyffert, als den Vertreter der Anklage, entwaffnen, dessen Worte ein Ehrenschild der ungarischen Justiz bleiben: „Es verstumme", so sprach dieser Staatsanwalt, „die Sprache häßlicher Verleumdungen gegen Konfessionen, denn sonst müsse auf den Lippen dieser Agitatoren die Verkündigung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zum Fluch für Ungarn werden. Jawohl „milla fiat mentio“ auch des rituellen Mordes der Juden! Insbesondere i ln N a m e n uns e r c r n a t i o na X e n In st i z protestiere ich feierlich dagegen, daß in den hoheitsvollen Kreis de r s e l b e u . de r Aberglaube einges ch m u g g e l t w e r d e. . . . N n ch nt e i n er Ueberzeugung ist d i e e n t s e tz l i ch c G e s ch i dj t e d c r I r r t ü m e r u m e inen Fall reicher geworden, den ich im Interesse der E h r e n n s e r e r v a t e r l ä n d i s ch e n I u st i z a u f d a s t i e s st e beklag e. I ch iv ü ns ch t e, ich könnte jenes Blatt aus der Geschichte n n s e r e s B a t e r l a n d e s r e i ß e n, a n s d c in dieser Fall verzei ch n e t st e h t. Nach meiner Ueberzeugung sind aste hier anwesenden Angeklagten u n s ch u l d i g." Der königliche Gerichtshof von Nhiregyhaza sprach alle Beschuldigten frei. Karl Eötvös aber bleibt ein stetes Danken und Gedenken. Aber nicht das Judentum allein legt dankbar den Jmmortellenkranz auf sein Grab; niemals wird er seiner dankbaren Nation entrückt sein, der durch seine Ditanenarbeit Ungarn vor dem Schandmal bewahrte, welches ... Dem Entschlummerten aber, der ein zag in die Welt der Unsterblichkeit, gilt das Wort der Weisen, welches an der Spitze dieser ber Manen der großen Verklärten geweihten Erinnerung steht: „Auch die Frommen und Gerechten anderer Bekenntnisse Habei Anteil an einer künftigen Welt - - an dem ewigen Leben." Unter der Überschrift „Wenn man mit Rußland der bündet ist" bringt „Der Tag" vom 26. v. M. folgenden be merkenswerten Artikel: Roozendaal, 23. April. Bon einer neutralen Persönlichkeit, die im Aufträge der A l l i a n London und Paris besuchte, erfahre ich folgendes: „Die schmerzlichste Ueberraschung, die mir in den beiden Entente- Hauptstädten zuteil geworden, ist, daß die französische und englische Regierung mit der Petersburger eine Abmachung getroffen hat, kraft welcher bis zum Juni d. I. alle wehrfähigen russischen A u sw anderer (wovon 63 Prozent Juden sind) in ihre Heimat zurückgesandt werden müssen. Für unsere Glaubensgenossen, die Rußland und Polen als Bettler verließen, um sich im gastfreier' Frankreich nnd England eine neue Existenz zu begründen, ist dieser Akkord der Verbündeten ein furchtbarer Schlag. Maß gebende Personen verwendeten sich in London für die Einwanderer: ihre Anstrengungen brachten aber keinen Erfolg. In England führten Rabbiner eine scharfe Polemik gegen die Regiernngsorgane, besondere gegen den britischen Botschafter Sir Buchanan, um den hartherzigen Plan zu bekämpfen. Was nutzte es ihnen? Sechs Rabbiner wurdei' ihres Amtes enthoben, darunter befanden sich sehr geschätzte von ihren Gemeinden verehrte Männer. Den jüdischen Zeitungen sitzt die Zensur ebenso im Nacken wie den Mitarbeitern des „Läboni Leader". Versammlungen wurden untersagt, Juden, die sich tr Gesprächen gegen das anglo-russische Bündnis äußern kommen vor den Richter und büßen ihre Unvorsichtigkeit mit Ge f ä n g n i s. Zurzeit könnte die russische Heeresleitung aus Englaiü allein an 80 000 diensttaugliche Kleinrussen und Polen erhalten, foliv der Kontrakt in voller Ausdehnung in Kraft tritt. Von Zuständigei englischer Seite wird mir jedoch mitgeteilt, daß man sich vorerst darauf beschränken werde, die Juden russischer Nationalität vor 18 bis 30 Jahren einzuziehen. Später, wahrscheinlich im September soll die Altersgrenze bis auf die 42jährigen ausgedehnt werden. Dm Bekanntwerden der Vereinbarung führte natürlich zu einer A u s w a ii b e r u n g der mit Auslieferung Bedrohten nach Amerika herbei Seit Anfang Februar erhalten die Leute keine Reisepässe mehr: wi es scheint, läßt man die Juden nicht'mehr an Land. Von verschiedene Seiten wurden Gerüchte verbreitet, daß die Auswanderer „deutsch Agenten" sind. Und unter diesem Vorwände verweigert man ihne: das Betreten amerikanischen Bodens. Viele wenden sich naä Brasilien, suchen Beschäftigung als Landarbeiter. Zweigstelle: der Israelitischen Allianz bemühen sich, den Mittellosen Verdienst zverschaffen, aber das Elend unter den aus England geflüchtete: Emigranten ist sehr groß. Wie gesagt, die Londoner Regierung laß' jetzt keinen mehr hinaus. Denn es werden bereits für die Aus lieferung der Unglücklichen, die Rußland aus tiefstein Herzen hassen große Vorbereitungen getroffen. Die zum Waffendienst Gezwungenen befürchten die denkbar schlechteste Behandlung im Zarenheer. Sic bezeichnen sich als das „billigste Kanonenfutter". Ob die englische Regierung für die Zurückbleibenden Familien zu sorgen gedenkt, weiß ich nicht. Bisher verlautete darüber nichts. Man glaubt, daß Sammellager für die Armen geschaffen werden . . . Was nun Frankreich anbetrifft, so stehen dort die Dinge nock viel schlimmer. Es glückte der Pariser Regierung durch Machen schäften, deren Niedrigkeit ich nicht des näheren schildern möchte, den Widerstand einiger für die russischen Emigranten plädierenden Politiker und Zeitungsleute zu besiegen. Die Listen der zm

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