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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-05-05 · Heft 18 (5.5.1916) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 18 (5.5.1916)
Date
1916-05-05
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
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206 Töchtern hingezogen fühlten, bald um deren Hand an. Die Eltern, fromme und zuversichtliche Leute, brauchten keinen Vermittler, hatten die Gesinnung und den Charakter der Bewerber nun aus eigener Anschauung kennengelernt und gaben freudig ihre Zustimmug, und heute, nach zehn Jahren, welche die beiden Paare in glücklichster Harmonie verlebten, gesegnet von je einigen Sprößlingen, haben beide Männer das Füns- bzw. Zehnfache ihres damaligen Einkommens und befinden sich in guter sozialer Stellung. Man kann sagen, daß die Eltern glücklicherweise keine großen Mittel besaßen, denn sonst wäre wahrscheinlich nach dem oben erwähnten Tarif aus beiden Ehen nichts geworden. Auch lassen es sich die Eltern nicht genügend angelegen sein, jungen Männern die erforderliche Gelegenheit zu geben, um die Töchter unbefangen und harmlos kennenzulernen. Sie führen sie zwar aufBälle und in dieBadeorte, in die Cafös und Restaurants — wer aber die heutigen Lebensverhältnisse kennt, wird zugeben, daß, von wenigen Ausnahmen abgesehen, hier nur selten die zarten Bande sich anknüpfen, die zu einer späteren Heirat führen. Man lernt sich flüchtig kennen, weiß kaum, wes Namens und Art man gegenseitig ist, und sieht sich manchmal erst nach einem Jahre und manchmal überhaupt nie im Leben wieder. Ganz anders wäre es aber, wenn die jüdischen Eltern, wie es in früheren Zeiten der Fall war, ihr Hans und ihre Familie zu einer gastlichen Stätte machen möchten, an welcher sich die jungen Leute wohlfühlen, Anregung finden und Gelegenheit haben, die Töchter in ihrem Schalten und Walten im häuslichen Kreise zu beobachten. Ganz besonders dürfte hierzu der Freitagabend geeignet sein, wenn man ihn wieder mehr zum wöchentlichen Familienfeste erheben würde. Wenn dev Gast die durch die Sabbatlampen erleuchteten Zimmer betritt, einen heiteren und friedlichen Familienkreis vorfindet, und wenn ernste und würdige Gespräche geführt werden, so wird sich kein junger Mann dem Zauber und der Weihe einer solchen Stimmung entziehen können, er wird mit Freuden wieder und immer wieder kommen, und so werden allmählich die Keime gegenseitiger Wertschätzung und Liebe entstehen, die später zur Ehe führen. Allerdings sind Mißgriffe zu vermeiden, die leider so häufig begangen werden: denn wenn mal die Angehörigen die Wahrnehmung zu machen glauben, daß der junge Mann ihrer Tochter ein gewisses Interesse entgegenbringt, so sollten sie sie nicht allzuschncll mit Fragen bestürmen: Ob er sich schon erklärt und ausgesprochen habe und dergleichen mehr, auch nicht nach wenigen Wochen schon, da der junge Mann in ihrem Hause verkehrt, an diesen indirekt herantreten, wie er sich zur Frage einer Heirat stelle. — Er merkt die Absicht und wird verstimmt, es hört sofort die Unbefangenheit auf, der Mann kommt vielleicht noch ein- oder zweimal wieder, um dann dauernd zu verschwinden. Wie auch der Landmann, wenn er die Saat dem Boden anvertraut hat, mit Zuversicht das Wachstum und die Reife abwartet und nicht täglich in neugieriger Weise an der sich entwickelnden Frucht herumstöbert und sie dadurch leicht vernichtet, so sollten auch die Eltern mit Geduld abwarten, bis der göttliche Keim der Liebe Knospen treibt und ihnen schließlich der ernstliche Wunsch des jungen Mannes, ihre Tochter zum Traualtar zu führen, als reife Frucht in den Schoß fällt. Wie so oft im Leben, sind es auch hier kleine Ursachen, welche große Wirkungen auslösen, und die Folge der eben geschilderten Mißgriffe ist häufig, daß die jungen Männer sich allzuleicht an ein sozial und in ihrem Bildungsgrade weit unter ihnen stehendes Mädchen hängen, das sie vielleicht auf dem Tanzboden kennenlernten, wo sie nicht sofort über ihre späteren Absichten befragt wurden, und nach Jahresfrist erlebt man dann die Aeberraschung von der vollzogenen Eheschließung eben dieses jungen Mannes — wohingegen die jüdische Tochter ungeachtet ihrer Tugendhaftigkeit und ihres Vermögens sitzenbleibt. Diese befremdlichen Ehen aber, die ich im Auge habe, sind in den meisten Fällen ein Verlust für das gegenwärtige und zukünftige Judentum, da die Nachkommenschaft, wenn die Eltern verschiedenen Religionen angehören, dem Judentum meist verloren zu gehen Pflegt. Ich habe häufig Gelegenheit genommen, mit älteren jüdischen Junggesellen die Ehefrage durchzusprechen, bin meistens auf die gleiche Schilderung gestoßen, aber nur selten fand ich bei ihnen eine grundsätzliche Abneigung gegen die Ehe Der Krieg, der den Verlust tausender jüdischer junger Männer im Gefolge hat, welche im kommenden Jahrzehnt zur Ehe berufen wären, wird die Frage der Versorgung der jüdischen Töchter zu einer brennenden machen, und wenn aucl manche anderen Mittel vorgeschlagen werden, die teilweise zurr Ziele führen mögen, so ist und bleibt doch für das Weib d i e Ehe diebeste und ideal sie Versorgung, in materieller Beziehung sowohl wie auch hinsichtlich der inneren seelichen Befriedigung, und wenn die Eltern die oben gegebenen Winke beherzigen möchten, so wird manchen von ihnen die sie Jahre hindurch bedrückende Sorge wegen der Zukunft ihrer Töchter genommen werden. Je mehr sich aber die jüdischen Ehen wieder heben, desto mehr wird auch als natürliche Folge die Anzahl der jüdischen Geburten steigen und die theoretischen Berechnungen der Statistiker werden zuschanden gehen. Sir Woche. Berlin, den 2. Mai 1916 ie vergangene Woche war reich an bedeutenden Kriegsereignissen. Auf dem w e st l i ch e n K r i e g s s ch a u - Platz setzten die Franzosen alles daran, die strategisch wichtige Höhe „Toter Mann" wieder in ihren Besitz zu bekommen. Auch im Caillettewalde mißglückten die wiederholten Angriffe gegen die deutschen Stellungen völlig. An den übrigen Frontteilen wurden im Argonnenwald die französischen Stellungen auf der Höhe La Fille Morte vernichtet und umfangreiche Trichter vor der deutschen Linie besetzt. Im Süden von St.-Eloi wurden die Engländer, die Handgranatenangriffe unternahmen, .zurückgeschlagen. Das gleiche Schicksal fand ein Angriff stärkerer englischer Abteilungen im Süden des Kanals von La Bassse gegen von unseren Truppen eroberte Sprengtrichter. In den Vogesen konnten die Deutschen nordöstlich von Colles die erste und zweite feindliche Linie auf und vor der wichtigen Höhe 542 nehmen und auch im dritten Graben vielfach sran zösische Deckungen zerstören. In den einzelnen Gefechten habei rinsere Truppen zahlreiche Gefangene gemacht, mehrere Ge schütze und viel Kriegsmaterial erobert. Unsere Marineflugzeuge unternahmen neuerliche Ausflug an die englische Ostküste und auf London und richteten au militärische Anlagen, Bahngleise und in den Fabrikzentren, im Kriegsmaterial und Munition erzeugt wird, große Verheerungen an. Auch die flandrische Küste wurde von unsere» Piloten heimgesucht, und die Hafenanlagen und Befestigunge» und der Flugplatz von Dünkirchen bombardiert. Sehr rege war die Fliegertätigkeit im Westen namentlich im Festungsgebiet von Verdun. Auf dem französischen Kriegsschauplatz ivurde wieder eine Anzahl feindlicher Kampfflugzeuge unschädlich gemacht, außerdem wiederholt französische Flughäfen und Truppenlager aus den Lüften beschossen. Die Deutschen unternahmen auch einen Lustangriff auf die russische Insel Oesel und bombardierten die russische Flugstation Papenholm. All diese Unternehmungen verliefen für uns glücklich. Einen bemerkenswerten Flug unternahm ein türkisches Flugzeug über

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