Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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30. Jahrgang Nr. 18 Allgemeine Berlin, 5. Mai 1916 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse j Diese Zeitung erscheint wöchentlich, j AbonnementS'PveU: durch den Buch-? Handel oder die Post (in Berlin, und vorj orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen! vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32<*. vegrün-et von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Ierusalemer Straße -6-4-, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Mahn wort an jüdische Eltern. Von Bernhard Petuchowski, Berlin. — Die Woche. — Rabbiner Dr. Adolf Frankl-Grün. Von H. Pollak. — Jakob Wassermann: „Das Gänsemännchen". Besprochen von Ludwig Geiger. — Zur Geschichte der Auslegung des Judenedikts von 1812. Von Jacob Jacobson. — Feuilleton: Auge um Auge. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. — Büchereinlauf. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Köpenick-Berlin, Labiau, Kattowitz, Hamburg, Nürnberg. Offenbach a. M., Frankfurt a. M., Lodz. — Bon Nah und Fern. Lin Mahnwort an jüdische Litern. Von Bernhard Petuchowski, Berlin, emjenrgen, der mit warmem Interesse die Entwicklung der deutschen Judenheit verfolgt, nicht an gestern und heute haftet, seinen Blick vielmehr aus das Morgen und auf die Zukunft richtet, drängt sich schon jetzt die Notwendigkeit auf, zu manchen Erscheinungen Stellung zu nehmen, die nach dem Kriege, der Tausende jüdischer junger Männer im blühendsten Lebensalter dahinrasft, eine noch weit erhöhtere Bedeutung erlangen werden. Zu diesen Erscheinungen dürfte in erster Linie die bedauerliche Tatsache gehören, daß in den letzten Jahrzehnten die jüdische Bevölkerung innerhalb des deutschen Reichsgebietes sowohl relativ als auch absolut immer mehr im Rückgänge begriffen ist, so daß, wenn die Verhältnisse sich nicht zum Besseren wenden, der Statistiker mit Hilfe wissenschaftlicher Berechnung für einen bestimmten, wenn auch fernen Zeitpunkt das völlige Verschwinden der Juden in Deutschland ermitteln zu können glaubt. Wie es nun in der Heilkunst für den Arzt, um ein Leiden heilen zu können, die Hauptsache ist, zunächst die richtige Diagnose zu finden, so wollen auch wir uns der Gründe bewußt werden, auf welche die obige Tatsache zurückzuführen ist, und mau geht wohl nicht fehl, wenn man als die Hauptsache den Rückgang der rein jüdischen Ehen und die hiermit in natürlichem Zusammenhang stehende Geburtenminderung bezeichnet. Wir wollen uns nun mit den Ursachen beschäftigen, aus denen heraus die Anzahl rein jüdischer Ehen sich stetig vermindert, und um nicht als konfessionell unduldsam zu erscheinen, möchte ich vorausschicken, daß im einzelnen Falle die Eingehung einer Mischehe, die die innerlichste Angelegenheit der beiden Beteiligten ist, jeglicher Kritik entrückt sein muß und häufig, wenn sich mal die Herzen in Liebe zueinander gefunden, sogar als ein in ethischer und sittlicher Hinsicht erfreuliches Ereignis zu betrachten ist. Nichtsdestoweniger darf es gestattet sein, jüdische Eltern mahnend darauf hinzuweisen, daß sie nicht selber durch verkehrte Beeinflussung und durch Mißgriffe mannigfacher Art ihren Töchtern die Gelegenheit zum Anschlüsse an den Gatten erschweren und unmöglich machen. j Anstatt nämlich der Heranwachsenden Jugend die Ehe als; einen heiligen Bestandteil unserer Kultur zu schildern, bei! welchem neben Fragen materieller Art das Hauptgewicht aus , Charakter, Gesinnung, Lebensart und seelische Harmonie zu - legen ist, wird leider in jüdischen Kreisen die Ehe vielfach geradezu zu einer Rechenaufgabe gemacht und eine Formel konstruiert, nach welcher bei Hergabe von soundso viel Mitgift vom Manne soundso viel Vermögen und Einkommen geboten werden muß, und stafselweise geht diese Berechnung, ähnlich der Steuerveranlagung, progressiv hinauf. Die Kunde von der Verlobung eines Bekannten wird zunächst mit der Frage begrüßt: Wieviel Mitgift da wohl vorhanden sein mag. Es fällt den Eltern kaum ein, ihre Töchter darauf hinzuweisen, daß sie in den ersten Jahren der Ehe keineswegs die gleichen wirtschaftlichen Verhältnisse, die gleiche Anzahl von Zimmern und ebensoviel Wohlhabenheit erwarten dürfen, wie sie es zu Hause bei ihren Eltern vor sich gesehen, welche diese materielle Lage vielleicht in 30jähriger mühevoller Lebensarbeit sich erkämpft und erspart haben. Man sollte sich dessen bewußt sein, daß es bei den heutigen Lebensverhältnissen zu den seltenen Ausnahmen gehört, wenn ein Dreißigjähriger, sei er Kaufmann, Arzt oder Rechtsanwalt, ein gleich hohes Einkommen aufweisen kann, wie es bei den Eltern vorhanden ist, und man sollte in den Töchtern die Zuversicht großziehen, daß aus bescheidenen Anfängen heraus der strebsame Mann, wenn er von der innigen Liebe der Frau gestützt wird, ganz von selbst alle Kräfte anspannen und allmählich immer mehr vorwärts kommen wird. Die Folge der verkehrten Erziehungsart ist nun vielfach, daß junge Mädchen, welche über die übliche großstädtische Durchschnittsmitgift verfügen, viele Jahre hindurch vom Schadchen vergebens angeboten werden, daß beide Teile viele, und zwar die besten Lebensjahre zur unfreiwilligen Ehelosigkeit verurteilt sind, der Anschluß an den Gatten sich viel zu spät vollzieht und naturgemäß die Zahl der Nachkommenschaft hierdurch ungünstig beeinflußt wird. So paradox es klingen mag — man möchte fast nach genauer Beobachtung die Behauptung aufstellen, daß ein jüdisches Mädchen ohne Vermögen oft weit schneller zum Manne kommt als mit Hilfe der sogenannten Dnrchschnittsmitgift, die aber mit hohen und 'Unberechtigten Ansprüchen verknüpft ist. Als typisch möchte ich ein Beispiel herausgreifen: Es verkehrten da im Hanse einer mir bekannten, zwar hochgeachteten, aber unvermögenden Familie mehrere junge Leute. Der eine war bei einer großen Firma mit einem Einkommen von vielleicht 3500 M. angestellt und der andere hatte sich gerade ein Jahr vorher etabliert. Da es ein gastliches Haus war, bei welchem es zwar keine großen Diners gab, dafür aber stets Frohsinn, Gemütlichkeit und anregende Unterhaltung herrschte, so hielten die jungen Leute, die sich allmählich zu den