Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1916)
- Date
- 1916-04-28
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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hm bis in die Kehle hinauf —, hier war auch das Haus, > ms er so gut kannte und wo, wäre er nur einige Monate früher gekommen, sicherlich auch Vater und Mutter gestanden hätten, tm, schüchtern und halbversteckt, diesen Aufzug mit anzusehen. Das Häuschen war noch genau so, wie er es verlassen: in Litomsk geht ja alles sehr langsam, sogar der Verfall: höchstens, daß noch einige Löcher mehr im Dache und einige Papierpslaster mehr im Fenster waren. Es war jetzt von fremden Leuten bewohnt, wie er sich, durch ein halbes Dutzend ungewaschener Kinder auf der Schwelle, überzeugen konnte. War es denn denkbar, daß auch er einst eine solche Range genesen? Eine heftige Bewegung des Wagens entriß ihn seinem Nachdenken. „Schon wieder ein solches erbärmliches Loch!" wetterte Torakow. „Du wirst mir bald glauben, daß ich hier Schreckliches durchzumachen habe. Ich sage dir, ich habe mir schon die Finger wundgeschrieben, um einige hundert Rubel aus Petersburg zu bekommen, um diese Rinnsteine wenigstens halbwegs einer Straße ähnlich zu machen. Aber die regelmäßige Antwort lautet, daß man für solche Nester kein Geld übrig Habe; wenn aber durchaus solches nötig sei, dann sollte ich nur sehen, daß ich es in der Stadt selbst auftreibe. — Natürlich habe ich diesen Ausweg schon oft benutzt — in dieser Hinsicht bin ich durchaus nicht blöde. Aber die Muschiks leben ohnedies nur noch vom Stehlen und Betteln, und von den elenden Hunden, von den Juden, ist auch nichts mehr zu erlangen: eine ausgepreßte Zitrone gibt keinen Saft mehr. Es ist da wirklich nichts mehr zu machen." Schmulikof war dieser Herzenserguß Torakows ganz und gar entgangen, da er sich weit aus dem Fenster gelehnt hatte, um sich noch weiter über seine Vaterstadt zu orientieren. Vor einer unliebsamen Wiedererkennung war er ja ganz sicher; er kannte sich selbst hier so wenig wieder, wie sollte dies bei niederen möglich sein. Er sah viele bekannte Gesichter, und er mußte die Zähne sest zusammenbeißen, um nicht laut hinauszurusen: Ihr Narren, warum fürchtet ihr euch denn? Kennt ihr denn nicht den Gabriel, den Sohn des Pantosfelinachers, der sich nur einen kleinen Scherz erlaubt und spaßeshalber sich ein bißchen verkleidet hat? Ein schmerzliches Gefühl des Fremdseins bemächtigte sich seiner und trotz der vornehmen Umgebung fraß sich das Bewußtsein der Einsamkeit, der Verlassenheit immer tiefer in sein Herz hinein. Warum kam denn nicht einer von jenen, die er doch so gut kannte, und die auch ihn kennen würden, wenn sie ihre Sehorgane nur ein ivenig mehr anstrengen möchten — warum kam nicht ein einziger, um ihn mit einem frohen, freien Blick zu begrüßen? Kaum aber hatte er diesen schmerzlichen Gedanken ausgedacht, da sollte er auch schon eine Art Antwort aus seine Frage erhalten. Die Diener hatten endlich den Wagen aus dem Sumpfloch herausgezogen, da bemerkte Gabriel hinter der zerrissenen Fenstergardine eines gegenüberliegenden Hauses ein Frauengesicht, aus welchem ein Paar stechende, schwarze Augen scharf und durchdringend ihn anblickten. Es war kein Blick, der nur müßige Neugierde befriedigen wollte, sondern in welchem Furcht und grenzenlose lleberraschung sich wideripiegelten. Ehe er aber Zeit fand, sich mit diesem Blick noch mehr zu beschäftigen, setzte sich der Staatswagen, rumpelm- »ud knarrend, wieder in Bewegung, und er sah nur noch die ichwankende Gardine, als wäre sie von einer bebender, Hand erfaßt worden. Sollte er dennoch wenigstens von einer Person erkannt worden sein? Gregor Schmulikof, in welchem man bald den Günstling des Barons und der Baronin erkannte, wurde von Graf und Gräfin Torakow mit besonderer Liebenswürdigkeit begrüßt und empfangen: man konnte es schon daraus ersehen, daß eine ganze Zimmerflucht in dem alten Gebäude für ihn hergerichtet war. Freilich war in dem weitläufigen, düsteren Regierungsgebäude kein Mangel an Räumen; zwei Kosaken wurden ihm als Diener zu seiner eigenen Verfügung gestellt, und der Gouverneur und seine Gattin baten ihn wiederholt, seine Wünsche ungeniert zu äußern und sich so heimisch und bequem als möglich zu fühlen. Als Gabriel allein in seinem Zimmer sich befand, legte er sich ernstlich die Frage vor, ob denn sein Verstand noch immer nicht genügend ausgereift sei, um endlich diesen Wechsel zu begreifen. In seiner Unruhe verließ er bald das Haus und ging nach dem Garten, in der Hoffnung, dort seine Gedanken besser sammeln zu können. Im Korridor sah er die Tür nach dem Speisesaal halbgeöffnet und bemerkte auch eine schlanke Mädchengestalt, die sich anmutig hin und her bewegte, um die Blumen auf der Tafel zu ordnen. Er erkannte Alma. Sie hatte sich in den zwei Jahren nicht viel verändert. Er hatte bisher nur ihr Profil betrachtet; jetzt aber machte sie eine Wendung, so daß ihr ganzes Gesicht vom Lampenlicht bestrahlt wurde. Gabriel sah nun ein, daß er sich doch geirrt hatte, so ganz war sie doch nicht mehr dieselbe geblieben. Ehe er aber noch Zeit fand, die Einzelheiten der Veränderung herauszufinden, hatte sie ihn schon bemerkt und kam freundlich lächelnd, mit ausgestreckter Hand, auf ihn zu. „Ich heiße Sie herzlich willkommen, Herr Schmulikof! Wie geht es Ihnen denn?" „Ich bin entzückt. Sie wiederzusehen, gnädiges Fräulein", sprach er mit steifer Höflichkeit, die im scharfen Gegensatz zu ihrer Herzlichkeit stand. Und jetzt hatte er Gelegenheit, die Veränderungen auch eingehend zu studieren, unbekümmert um das Unschickliche seines Gebarens, zumal sie ein gleiches Studium ihrerseits für angebracht hielt. Das Kindische, Eckige schien aus ihrem Wesen verschwunden zu sein, aber das Elsenhafte, Porzellanmäßige war geblieben nur daß es eine härtere, festere Färbung angenommen hatte. Ihr Blick war strenger, aber zugleich freier und offener geworden, und die zusammengezogenen Mnndivinkel erzählten von Kraft und Widerstand und schienen das Lachen ganz und gar verlernt zu haben. Als Schmulikof mit seiner Betrachtung fertig war, mußte er unwillkürlich über sich selbst lachen. Wieder einmal hatte er seiner Phantasie die Zügel schießen lassen und aus ihr mehr herausgelesen, als sie sicherlich dem forschenden Auge darzubieten geneigt war. Seine Steifheit machte auch sie etwas zurückhaltend, und sie blieb schweigend wie er. Als sie endlich irgendeine Bemerkung machte, schien es nur die Eingebung des Augenblicks zu sein. „Allem Anscheine nach haben Sie sich doch nicht vor dem Unglück schützen können." „Wie soll ich das verstehen?" „Sagten Sie nicht damals in Odessa, daß nur ein Nilglück die Möglichkeit biete. Sie nach Ditomsk zu bringen?" „Habe ich das wirklich gesagt? Dann war es mehr als ungalant. Und Sie, gnädiges Fräulein, haben es nicht vergessen?" „Ist das etwa ein weiteres Unglück?" fragte sie leicht errötend. Um aber ihre zunehmende Befandenheit zu verbergen, fuhr sie schnell fort: „Und wie gefällt Ihnen Ditomsk im Festgewand?" „Ich sollte meinen, daß es auch da keinen Grund hat stolz zu sein." „Das aber ist wirklich nicht unsere Schuld. Wir haben ja alles ausgeboten, um es so stattlich wie möglich herauszuputzen, aber der Regengott hat uns einen bösen Streich