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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-28 · Heft 17 (28.4.1916) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 17 (28.4.1916)
Date
1916-04-28
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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wenden. Allmählich hatte die jetzige Freiheit sein inneres Zagen zur Alltäglichkeit abgestumpft; er hatte es sich endlich abgewöhnt, heftiges Herzklopfen zu verspüren bei dem Gedanken, daß er vielleicht in die Berlegenheil geraten könnte, zerrissene Fäden wieder anknüpsen zu müssen; die Vergangenheit war für ihn tot und abgestorben, und er wollte nur noch für die Zukunft leben. — — — Nur hatte er vergessen, was die Sterne ihm in jener verhängnisvollen Nacht offenbart, daß der Mensch, bei all seiner Beharrlichkeit, bei all seiner Willenskraft, doch nur ein schwaches, hinfälliges Geschöpf sei; allerlei Zufälligkeiten und Begleiterscheinungen unterworfen, die er früher als außer dem Bereich der Möglichkeit liegend gehalten. Darum fühlte er sich in seiner innersten Seele tief erschüttert, als der Schicksalsgott auf verschlungenen Pfaden an ihn herantrat und das Buch der Erinnerung mit eiserner Faust vor ihm aufschlug. „Adele," sprach der Baron zu seiner Frau: „ich habe Schmulikof gebeten, heute mit uns zu speisen, da wir nachher noch viel zu arbe'ten haben. Ist es dir recht? Die beiden Gauner, Onagrvn und Gorfky, sind heute wieder nicht gekommen, trotz der dringenden Geschäfte, die sie zu erledigen haben." „Mir ist es sehr recht, Sergi. Ich freue mich sogar, Schmulikof endlich wieder einmal zu sehen. Doch, sage mir bloß, warum bist du so nachsichtig gegen die Pflichtvergessenen? Warum schickst du sie denn nicht fort?" „Liebes Kind, wo denkst du hin? Weißt du denn nicht, daß sie beide einflußreiche Gönner in Petersburg haben, und daß ein solcher Schritt mich um meine Stellung bringen könnte? Arbeiten oder nicht arbeiten, ich kann da nicht viel machen und muß beide Augen zudrücken. Wirklich, Adele, ich kann dir nicht genug dankbar sein, daß du mir Schmulikof verschafft hast. Er ist ein sehr tüchtiger Mensch." „Wenn man dich so hört, könnte man glauben, ich habe ihn mit Licht auf der Straße für dich gesucht. Es war doch nur der reinste Zufall." „Das mag in diesem Falle richtig sein; doch nach einer anderen Richtung hin, Adele, mußt du dir meinen Dank doch gefallen lassen." „Sergi, du ängstigst mich," sprach sie scherzend. „Was meinst du denn eigentlich da^nit?" „Zu den vielen guten Eigenschaften, die ich an dir bewundere, kommt jetzt noch die, wie geschickt du dein Verhalten gegen Schmulikof eingerichtet hast. Ich muß dir gestehen, daß ich anfänglich, bei deiner förmlichen Begeisterung für ihn, etwas ängstlich geworden war, du könntest vielleicht vergessen, die richtige Linie zu ziehen, und würdest ihn als neuentdecktes Wunder männlicher Schönheit und Tugend auf allen Bällen und zu allen unseren Freunden Herumschleppen. Damit wäre aber weder mir, noch der Präfektur, noch ihm selbst gedient. Ich freue mich wirklich, daß du, bei all deinem Wohlwollen für ihn, es doch verstanden hast, die trennende Kluft zwischen uns und ihn: ihm begreiflich zu machen; denn was er auch jetzt sein mag, seine etlvas anrüchige Herkunft kann doch nicht ungeschehen geinacht werden. Wie gesagt, dein Takt hat alles ins richtige Fahrwasser gebracht." „Da irrst du dich ganz gewaltig, Sergi. Dieses Verdienst kann ich mir durchaus nicht zuschreiben. Schmulikof selbst war es, der alle Einladungen beharrlich mit dem Bemerken ablehnte, daß er zum Arbeiten lind nicht p Spielereien angestellt sei." „Sehr vernünftig. Ja, er arbeitet viel und gut; der Mann wird es noch weit bringen." „Möchtest du ihm auch ein wenig dabei helfen, Sergi?" Als er sie fragend ansah, nahm sie einen Brief aus der Tasche und fuhr fort: i „Gräfin Torakow bittet lins, unsere diesjährigen Ferien in Ditomsk zu verleben. Ich glaube, wir müssen diesmal die Einladung annehmen, wenn wir sie nicht direkt beleidigen wollen; wenigstens wüßte ich keinen triftigen Grund für eine abermalige Ablehnung anzugeben. Da du aber, bei deinem Arbeitseifer, auch auf den Erholungsreisen einen Sekretär mitnimmst, so könnte es wohl diesmal Schmulikof sein; schon, um den beiden anderen deine Unzufriedenheit mit ihnen zu erkennen zu geben." Der Baron überlegte eine Weile und sprach dann galant: „Dein Wunsch ist mir Befehl." Der Präfekt machte später seinem Sekretär davon Mitteilung und fuhr dann fort: „Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie ja die Frau Gräfin bei uns kennen gelernt. Es sind sehr nette Leute, und sicherlich wird es Ihnen dort gut gefallen." Gabriel fuhr bestürzt auf. „Bei Torakow? In Ditomsk?" fragte er erbleichend. „Ja, er wohnt in Ditomsk. Aber warum erschrecken Sie? Fürchten Sie, daß es Ihnen dort zu einsam sein wird?" „Das wohl nicht, Exzellenz. . . Aber . . ." „Bitte, kein Aber; die -Sache ist erledigt. Und nun, zur Arbeit." Gabriel verrichtete seine Arbeit, aber es geschah nur mit halben Gedanken, da die andere Hälfte mit seiner bevorstehenden Rückkehr nach dem Heimatstädtchen sich beschäftigte, wobei er sich immer und immer wieder die Frage vorlegen mußte, ob die Gelegenheit am Grabe der Eltern p beten, für ihn Strafe oder Versöhnung bedeuten würde. V. In ganz Ditomsk sollte eine festliche Stimmung herrschen: so hatte es der Gouverneur anbefohlen, um die Ankunft seiner vornehmen Gäste aus Odessa als öffentliches Ereignis zu feiern. Daher sah man auch hier und da vereinzelte Versuche einer Straßenausschmückung, die aber durch den anhaltenden Regen einen trübseligen und trostlosen Anblick darbot. Außer diesen primitiven, halbverwelkten Blattgewinden waren keinerlei Anzeichen einer allgemeinen Begeisterung erkennbar, und die für diese Gelegenheit etwas possenhaft ausstafsierten Kosaken, die auf ihren kleinen, mageren Kleppern gewichtig durch die Stadt rasten, hatten nur geringe Mühe, die Straßen für die Einfahrt der Gäste freizuhalten. Außer einigen betrunkenen Mufchiks und einigen sich herumbalgenden Kindern war überhaupt kein Mensch zu sehen. Die Stadt war wie ausgestorben: jeder ging gern dem Gouverneur aus dem Wege, und die wichtigtuenden Kosaken trugen noch ein übriges dazu bei, um die Neugierigen und Müßiggänger in respektvoller Entfernung zu halten. Die Gäste waren pünktlich eingetroffen und fuhren jetzt in der Staatskarosse, von einem Haufen Berittener umgeben, nach dem Regierungsgebäude. Schmulikof fühlte sich von einer unwahren Empfindung bedrückt; es schien ihm absolut unmöglich, daß er so in Ditomsk einziehen sollte. Der Anblick der bekannten Straßen ließ die dazwischenliegenden Jahre ganz und gar verschwinden. Er sah sich wieder als hungernden, zerlumpten Jungen herumlaufen, dem schon der Anblick des Gouvernementsgebäudes einen heillosen Schrecken einjagte, der vor dem schwachen Schimmer einer Uniform, vor dem undeutlichen Klirren eines Säbels Reißaus nahm. Und heute war er wieder in derselben Straße, aber die uniformierten Männer standen da, seines Winkes gewärtig und wetteiferten, ihm Beweise ihrer Unterwürfigkeit zu geben. Und richtig: hier war auch der Graben, wo er und Baruch in der Nacht vor ihrer Flucht sich verborgen gehalten, um nicht von der vorüberziehenden Patrouille erwischt zu werden. Und hier — hier — das Herz stieg

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