Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1916)
- Date
- 1916-04-28
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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200 durch alle Zeiten, bevor sie Nation war, während der Blüte ihres Reiches und nachdem sie aus ihren väterlichen Sitzen in alle Welt zerstreuet worden, die Erwartung einer außerordentlichen Veränderung, eines Messias, durchschlingt. Sie nehmen an, daß diese Erwartung durch das Licht der Aufklärung aufgehoben sei. Wenn das ist, und ich will hierin gern Ihrem Scharfblicke trauen, dann ist das größte Hindernis Ihres menschenfreundlichen Plans gehoben, dann werden Sie nur die Hindernisse zu bekämpfen haben, die in dem allgemeinen Zeitgeist liegen, worin Ihre Nation vielleicht-weniger als andere ebenfalls mitfortgerisfen worden. Diese Hindernisse scheinen nicht so groß, weil es in dem Geist der Zeit liegt, für alles, was als gut erscheint, leicht empfänglich zu werden. Aber eben diese Leichtigkeit verschließt der tief eindringenden dauerhaften Flamme den Eingang. Die Religion befindet sich bei allen Nationen in einem Zustande, worin es eines Moses, Jesus, Mohammeds oder Luthers bedarf, nicht um der Erkenntnis willen, sondern um in den Herzen das wohltätige Feuer zu entzünden und zu nähren, welches allein echte Religiosität ins Leben rufen kann. Wir verdanken Ihrer Nation unsere heiligen Schriften Alten Testamentes. Aus ihrer Mitte ist Jesus von Nazareth hervorgegangen und Sie haben in den Schriften des Neuen Testaments uns seine Lehren aufbehalten, die eine von allen Veränderungen der Form politischer Gesetze unabhängige Religion begründet haben, welche für gerechte Verfassungen erwärmt, unter andern tröstet, alle befestigt, verbessert und überlebt. Die Wirkung des Laufes der Zeiten ist an ihr nur insofern sichtbar geworden, daß sie sich in mancherlei Formen gefügt hat, die nach Umständen bald so bald anders eingerichtet sein können und müssen. Mögte es Ihnen doch gelingen, sich solche Formen z» geben, die so wenig Ausschließendes mit sich führen, als der echte Geist der Religion selbst, die uns belehrt, daß wir alle Kinder eines himmlischen Vaters sind. Welch ein neues Verdienst um die ganze Menschheit würde sich Ihre Nation dadurch erwerben. Der Name des Mannes, der dazu den ersten Anlaß gegeben hat, würde von der spätesten Nachwelt dankbar genannt werden. Ich kenne niemand, der auf diesen Ruhm einen gegründeteren Anspruch hätte als Sie . . . ." Auch der Justizminister Kircheisen hatte dieselbe Schrift bekommen und warf in seiner Antwort, 7. Oktober 1812, die Frage auf, ob die Hindernisse sehr groß seien, wenn man den jüdischen Ruhetag vom Sonnabend auf den Sonntag verlegte. Dann äußerte er sich folgendermaßen: „In allen Geschäften des bürgerlichen Lebens verstärkt diese Verschiedenheit die Kluft, der Sie so tätig entgegenarbeiten . . . Was soll der unbeschäftigte Lehrbursche den Sonntag tun, der den Sonnabend nicht beschäftiget werden kann, und wieviel Zeit verliert er selbst und sein Lehrherr?" Derselbe Minister dankte in freundlichster Weise für die Uebersendung einer neuen Ausgabe des „Phädon" am 7. Juni 1814 und für eine andere Schrift über Mendelssohn am II. Dezember 1817. Ungemein inhaltreiche Briefe schickte Wilhelm v. Humboldt von 1787 bis 1831. In ihnen, die einen so außerordentlichen Umfang haben, daß sie hier unmöglich äbgedruckt werden können, wird manches Geschäftliche berührt. Grüße an gemeinsame Berliner Bekannte werden aufgetragen; einmal findet sich eine längere Beschreibung der Gesellschaft und der öffentlichen Verhältnisse in Spanien. Von besonderer Wichtigkeit ist aber ein Brief des Jahres 1788 aus Göttingen vom 17. Dezember, aus dem wenigstens zwei Stellen hervorgehoben sein mögen. Die eine, eine Antwort auf Friedlaenders Sendung seiner Uebersetzung des „Predigers", der eine Abhandlung über den besten Gebrauch der Heiligen Schrift in pädagogischer Rücksicht vorangeschickt war, lautet so: „Ich wünschte Ihnen, wenn ich Ihnen schriebe, zugleic, etwas von den Ideen mitteilen zu können, welche die Lesun, Ihres „Salomo" in mir erregt hat, und dazu fehlte es mi: bald an Muße, bald an der rechten Stimmung. Herzlich danke ich Ihnen für das Vergnügen, das mir Ihr Aufsatz verschafft hat. Ich habe darin ganz die edle Wärme, den tätigen Eifer für die Ausbreitung nützlicher Arbeiten wiedergesundei. der mir auch Ihre Gespräche sonst so interessant und so lehrreich machte und mich mit tiefer Achtung für den Mann erfüllte, der sich davon durchdrungen fühlt. Schon der Gegen stand, den Sie bearbeitet haben, zog mich an. Mich dün':- immer, die wichtigsten Untersuchungen sind die, welche unmittelbar auf das praktische Leben gehn, — welche sich mir der Natur — der leblosen oder der lebendigen, physischen odc. moralischen — beschäftigen. Die bloß spekulativen sind woli nur insofern nützlich, als sie den Kops zur Bearbeitung jene, bilden. Ganz spekulative Wissenschaften haben auch imme etwas Trocknes und Einseitiges, da sie lauter einfache, ab gezogene Begriffe behandeln. Wie mannigfaltig, wie vie! festig sind hingegen alle die Wissenschaften, welche die wirk liche Natur, den wirklichen Menschen — und — um bei diese, stehn zu bleiben — vorzüglich den moralischen Menschen zun Gegenstand haben — sie mögen ihn nun bloß schildern wollen wie die Psychologen, oder zu höherer Vollkommenheit uni dauerhafter Glückseligkeit bilden wie Moral, Gesetzgebung Politik." Die zweite Stelle lautet: „Sehr willkommen und lieb ist cmir gewesen, daß Sie sich länger bei dem Satze aushälten, das die Religion Ihrer Nation keine Glaubenspflichten auferlegt Gewiß ist es zu keiner Zeit, am wenigsten aber der jetzigen unwichtig, alles, was diese Materie betrifft, weitläuftiger aus einanderzusetzen. Sie können es sich kaum vorstellen, wi unrichtige Begriffe hierüber nicht bloß bei Gelehrten, sonder, auch bei solchen Männern herrschen, die wenigstens auch da- Publikum seltene Männer nennt. Ich habe in diesen letzte, Monaten Gelegenheit gehabt, mehrere dieser Art zu sprechen Allein die wenigsten finden mehr Schwierigkeit darin, Lehr Vorschriften als — verzeihen Sie das Gleichnis, das ein wem« hart sein mag; —- Exerzierreglements zu geben, ohne zu be denken, daß sie daidurch den Lehrer des Volkes, das wichtigste ehrwürdigste Glied des Staates, zu einem bloßen Mietling herabsetzen." Wie schon in den Briefen Wilhelm v. Humboldts, so wird auch sonst in den an Friedlaender gerichteten Schreibe» manches Geschäftliche berührt. Besonders interessant ist i„ dieser Beziehung eine Kabinettsorder Friedrichs des Großen die an die Seidenfabrikunternehmungen Gardemin u. Fried laender, Potsdam, 28. Juni 1783, gerichtet ist. (Ich gebe si getreu nach der Handschrift des Königs, während sonst in de» Abdruck die moderne Orthographie beobachtet ist.) Der Köm« lehnt den erbetenen.-ginsfreien Vorschuß ab und fährt dau, fort: „sie müszen nur hübsch ordentlich wirthschaften und fick mehr Mühe geben, um den debit Ihrer Wahren; da habe, Sie gantz Pohlen, wohin Sie die Menge von Seiden Maaren absetzen können, wenn solche sonsten gut, und die Preise billig sind, wonach sie sich zu achten . . ." Ein solcher Brief, in welchem eine geschäftliche Schrift Friedlaenders und seine persönlichen Verhältnisse erwähnt wevden, in dem aber auch Menschliches berührt wird, ist von dem Minister Schuckmann geschrieben, 4. Januar 1817, und lautet so: „Euer Wohlgeboren danke ich für die Mitteilung, Ihrer Briefe über die Moral des Handels. Sie stehen in der „Jedidja" gewiß am rechten Orte, und ich wünsche, daß die Worte des braven Veterans in recht vielen Gemütern Wurzel schlagen mögen; ich fürchte aber auch, daß Viele dabei sagen werden: ,Tugendhast ist der Schreiber dieser Briese zwar