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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-28 · Heft 17 (28.4.1916) · p. Seite 196

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 17 (28.4.1916)
Date
1916-04-28
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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196 Land vor den verräterischen Juden beschützte. Der bemerkenswerte Artikel schließt mit nachstehenden Sätzen: Besonders ein Umstand ist geeignet, den Judenhaß zu fördern, des ist folgendes: Die jüdische Sprache gleicht der deutschen, so daß die Juden leicht Deutsch, aber so gut wie gar nicht Russisch verstehen. Das hat bei den russischen Soldaten Mißtrauen erregt. Einige Begebenheiten dieses Krieges haben dieses Mißtrauen genährt. Es ist klar, daß unter diesen Umständen die von gewissen Kreisel! systematisch geschürte judenfeindliche Politik bei der breiten Bevölkerung Widerhall finden mußte. Welche Gefahren hieraus entstehen können — und zwar jetzt sowohl wie in der Zukunft —, das erkennen die fortschrittlich gesinnten Teile selbst genau. Deshalb protestierten auch die Kadetten in der genannten Konferenz gegen die Judenverfolgungen. In ihrer Resolution betonten sie, daß die patriotische Begeisterung, die die Juden in diesem Kriege bewiesen haben, vollständig die reaktionären Einwände gegenüber den progressiven Forderungen auf Gleichberechtigung der Juden mit anderen Nationalitäten umstürzt. „Aber," fährt die Resolution fort, „diese Gleichberechtigung ist sehr gefährlich für die reaktionäre Partei, da sie in dem Antisemitismus die beste Waffe gegen die politische Freiheit hat. Im Namen dieser Freiheit müssen wir den heftigsten Kampf gegen die reaktionären Versuche führen, mit Hilfe der Judensrage das Band zu zerreißen, das Volk und Armee zusammenknüpft. Und wir müssen dem Volke sagen, daß man es irreleitet,, iudern man seine dunklen Instinkte zu erwecken und seine Aufmerksamkeit dadurch von seinen wahren Interessen abzulenken versucht." * Das unerhörte Verfahren der französischen Republik, die sich hierbei ganz als Söldling ihrer russischen Verbündeten zeigt, wird durch nachstehende Notiz der. „Frankfurter Zeitung" illustriert: Von der Schweizer Grenze, 14. April. Unter der Ueberschrift: „Ist es wahr?" erzählt die „Humanite": „Als die serbische Armee sich auflöste, wünschten mehrere russische A e r z t e, die sich in Serbien engagiert hatten, in der f r a n z ö - fischen Armee weiter zu dienen. Der französische Minister antwortete hierauf: „Entsprechend den Wünschen der russischen Negierung werden die orthodoxen Russen in der französischen Armee zugelassen; die politischen Flüchtlinge' werden, je nach dem einzelnen Fall, zugelassen oder nicht; die russischen Juden können in k e i n e m Fall ausgenommen werden." Um alle diese Abscheulichkeiten durch ein Lichtbild zu verdrängen, sei hingewiesen auf eine Skizze von Paul Michaelis im „Berliner Tageblatt" „Die kleinen Judenkinder". Darin wird gezeigt, wie eifrig und erfolgreich trotz mancher Mißverständnisse und großer Schwierigkeiten die jüdischen Kinder Rechnen und Deutsch lernen, wie' vor allem die Kinder durch die liebevolle Art der Lehrer und durch die gute Behandlung seitens der Behörden die Schule lieben lernen und dem Deutschtum gewonnen werden. Der sehr ausführliche Artikel, der viel zu lang ist, um hier wörtlich abgedruckt zu werden, schließt mit folgenden Abschnitten: Aber im ganzen hatte man doch eine lebhafte Freude über die gespannte Aufmerksamkeit der ganzen Klasse. Selbst die Augen der Kleinsten blitzten, als von der klugen Maus die Rede war. und sie bemühten sich redlich, wenn auch nicht gerade glücklich, sich die falsche Aussprache abzugewöhnen. Kein Zweifel, die Schule war für sie alle kein Zwang, sondern ein frohes Erlebnis. Sie dürsteten danach, etwas von draußen zu hören, von der weiten Welt, in die ihnen durch die deutschen Truppen ein kleiner Ausblick eröffnet worden war. Wie weit die Erwachsenen noch fähig und bereit sein mögen, sich in neue Verhältnisse zu schicken, das mag fraglich sein. Allzuviel loird man in dieser Hinsicht nicht erwarten können. Aber in die empfänglichen Herzen der Kinder wird durch solchen Unterricht etwas Neues eingesät. Es ist vielleicht das beste Mittel, um in die weitere Zukunft zu wirken, daß man sich an die empfänglichen Herzen der Kinder wendet. Der Deutsche ist, auch im Felde, zu leicht geneigt, sich allzusehr in die Einzelheiten des Lebens zu mischen, zu reglementieren und die Tinge nach seinem besonderen Geschmack umzuschaffen. Dabei geht es ohne Enttäuschungen nicht ab. Aber in den Bemühungen um die Seele des Kindes kann nicht leicht zu viel getan werden, sofern man sich damit begnügt, ihren Blick zu weiten und sich vor aufdringlicher Beeinflusstmg hütet. Das Heranwachsende Geschlecht wird dann, ganz von selbst eine neue Orientierung zu den tatsächlichen Verhältnissen suchen. Au Empfänglichkeit fehlte es wenigstens den Kindern, diemi unmittelbarer Nähe des russischen Nonnenklosters ausgewachsen waren, gewiß nicht. Als wir die Schule verlassen hatten unb die Straße zum Kloster znrückgingen, kaur plötzlich ein kleiner Judenjunge, der kaum mehr als vier Jahre Zählte, aus einem Winkel hervorgelausen, zog seine Kappe und rief laut: „Guten Morgen, Herr Rittmeistär!" Dann machte er sich nach einer höflichen Verbeugung schleunigst wieder ans dein Staube und lief in seinen Winkel zurück, so schnell ihn seine Beinchen tragen wollten. „Mau kann Ihnen dazu gratulieren, Herr Rittmeister," sagte ich. „Die Anerkennung aus dem Munde der Unmündigen ist der schönste Lohn für alle Ihre Arbeit." * Zum Schluß mag auf folgenden Artikel aus «der „Täglichen Rundschau" hingewiesen werden: Das M o s a i f ch e Gesetz und die Kriegs w i t w e n. Zn den schwersten sozialen Kriegsproblemen gehört das der Kriegswitwen. Es mag manchen überraschen, daß im jüdischen Kodex des Alten Testaments — 5. Mosis 24, 14, 15 — das eherne Gesetz -dieser sozia-len Fürsorge schon geschrieben ist — also Jahrtausende vor unserer heutigen Kultur: „Du sollst dem dürftigen Armen seinen Lohn nicht vorenthalten, sondern sollst ihm seinen Lohn des Tages geben, daß die Sonne nicht darüber nntergeht; denn er ist .dürftig und erhält seine Seele damit, auf daß er nicht wider dich den Herrn anruse, und es dir Sünde sei." Wie seinfühlig denkt das Mosaische Gesetz, feinfühliger als mancher heutige Rechtslehrer. Moses stellt ein ethisch begründetes Loh n g e se tz auf: Seine Se e >1 e, nicht nur seinen Magen will der Dürftige erhalten, d. h. die Höhenlage derjenigen Lebensform, die er als Mensch, als Inhaber einer mit Lebenswillen und Lebenszielen erfüllten Seele — zu leben Rechtsanspruch hat der Gesamtheit seines Volkes gegenüber —- auch dann, wenn er — wie durch den Krieg — das Unglück hat, von normaler Lebenshaltung eine Stufe tiefer zu steigen, bis an den Rand der Dürftigkeit. Und ein weiterer feinfühliger Zug ist in dem Gesetz Moses sestgelegt mit der Verpflichtung, daß die Lohnzahlung stattzufinden habe jeden Tag vor Sonnenuntergang. Damit ist dem Dürftigen die Sorge genommen für den morgigen Tag. Es ist ihm so ein gewisses Gleichgewicht für seine Seele zugesichert. Daraus entwickelt sich dann aber weiter 'der lebenserhaltende fruchtbare Gedanke in volkswirtschaftlichen Sinne, daß der Dürftige in ein Gleichmaß des Lebens, des Ausgebens und Ein nehmens kommt, das schützt vor zu raschem Ausbrauch der leiblichen und seelischen Kraft. , Wendet man diese mosaischen Grundsätze aus unsere Kriegswitwen in wissenschastlich-rechtlicher Logik an und verbindet damit noch den im selben Kapitel (Vers 17) ausgesprochenen Grundsatz: „Du sollst der Witwe Kleid nicht zum Pfand nehmen" so bekommen wir folgenden Rechtssatz: „Du — dein Volk — soll für Kriegswitwen und -Waisen so sorgen, daß ihre Seele leben kann", d. h. daß sie nicht Not leidet unter den veränderten Lebensbedingungen durch Demütigungen." Abgesehen von den vermöglichen Kriegswitwen, bedeutet, von einer gewissen sozialen Lebenshaltung an, der Kriegstod des Mannes neben den .seelischen Leiden eine gesteigerte Sorge für den Kamps ums Dasein. Auch wenn die private Wohltat den ungenügenden Sold des Staates erhöht, bleibt, wie jeder, z. B. Avbeiterpfarrer, seststellen kann — jeder Witwentag ein Tag der Sorge, und „wenn die Sonne untergeht", ist der Frau und Mutter das Herz schwer, wenn sie über die Häupter ihrer Lieben hinsieht uüd das Ideal ihrer Zukunft: ihre Kinder, das sie mit ihrem Gatten in Friedenstagen erstrebt, grausam zerbrochen ist. Wenn ich recht unterrichtet bin, so sind die Erwägungen über das Los unserer deutschen Kriegswitwen — die als ein doppelt heiliger Stand geführt werden sollten — für Beratungen im Bundesrat maßgebend gewesen, und es steht eine Besserung des Loses unserer Kriegswitwen vor der Tür. Dr. David Koch.

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