Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-28 · Heft 17 (28.4.1916) · p. Seite 195

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 17 (28.4.1916)
Date
1916-04-28
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229250--72175-3284602
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

195 wichtigen Komnüssionsarbeiten des Reichstages tatsächlich ausgeschlossen wären, die Mitarbeit 31t ermöglichen. Im übrigen aber hätten sich diese Gruppen ihre volle Selbständigkeit und Eigenart bewahrt. Das werde man sich stets gegenwärtig halten müssen, wenn man die Reden der Mitglieder der Deutschen Fraktion in den Vollsitzungen des Reichstages richtig bewerten wolle. Das mag richtig fein, aber es ist doch ein seltsames Fraktionsgebilde, in dem immer ein Teil feierlich versichern muß, daß er mit beit Ausführungen des Fraktionsredners nicht einverstanden sei und lücht für sie verantwortlich gemacht zu werden wünscht. * Eine sehr merkwürdige Nachricht wird von vielen deutschen Blättern verbreitet. Wir geben sie an dieser Stelle wieder, können aber unsere Verwunderung nicht verhehlen, daß sich die amerikanischen Juden an den Papst wenden; sie hätten sich der Erfolglosigkeit ihres Schrittes von vornherein bewußt sein müssen und werden durch die mehr als kühle Antwort des Papstes in ihrem guten, aber etwas unbedachten Streben herbe enttäuscht sein. Die Nachricht lautet: Der Vorsitzende und die Mitglieder des New I 0 rker j ü - d i s ch e n K 0 m itees richteten an den Pap st eine Bittschrift, worin sie den Schutz des Heiligen Stuhles für die durch politische Leidenschaften und Vorurteil gefährdeten israelitischen Gemeinden verschiedener kriegführenden Länder anrnfen. Kardinal G a s p a r r i antwortete, daß die katholische Kirche alle Menschen als Brüder ansieht und daß die Menschenrechte wie aller anderen so auch der Kinder Israels gewahrt werden müßten; der Papst werde für Frieden beten und um Rückkehr der Menschlichkeit, deren Hüter er sei. Der Mitteilung dieser Nachricht fügt die „Frankfurter Zeitung" folgendes hinzu: Der „Temps" glaubt dazu bemerken zu sollen, daß die amerikanische Petition nur die Katholiken im Auge habe, die in nicht näher bestimmten Ländern die Juden mehr oder weniger verfolgt hätten.! Wenn aber in dem Schreiben der Amerikauer auch von der Teilnahme > römisch-katholischer Christen an- -den Judenverfolgungen gesprochen wird, so stellt die ganze Petition doch eineil deutlichen Protest g e g e :: ü nterdr i’fcf it n g und Verfolgung der Juden in R n ß l a n d dar. * Etwas auffallend und nicht ganz unverdächtig, weil in einem antisemitischen Blatte, der „Deutschen Tageszeitung", abgedruckt, ist die nachstehende Notiz: E i n englischer Rabbiner seines Amtes entsetzt. L 0 n d 0 n, 13. April. Die israelitische Gemeinde in Liverpool hat ihren Rabbiner Harris, der mehr als 20 Jahre sein Amt j bekleidete, weil er sich mißbilligend über den Krieg und das englischj russische Bündnis ausließ, seines Amtes entsetzt. j Sollte sie sich bewahrheiten, so müßte man dem englischen Rabbiner seine volle Sympathie zuwenden und das Verfahren der Gemeinde in stärkster Weise mißbilligen. *! Sonst gibt wieder Rußland Gelegenheit zu vielen krassen! Schilderungen. So lesen wir in einem Münchener Blatte; einen Artikel, der der Erfindung des Korrespondenten Ehre i macht: ] R u s s ische L ü g e n. Unter der Ueberschrift „Eine Brotrinde" , veröffentlicht die „Nowoje Wremja" nachstehenden Artikel, den: ein! in gleichem Stil gehaltener Aufruf folgt, man möge in ganz Nuß-! land doch Brotrinden sammeln, lim die kriegsgefangenen Russen in j Deutschland vor dem Hungertode zu bewahren: „Erniedrigend, nn-! erträglich erniedrigend, kalt und hungrig . . . hungrig bis zur Um- > Wandlung gesunder-blühender Menschen in mit Haut bedeckte Skelette:; das ist das Leben der russischen Soldaten in deutscher Gefangenschaft.! Das ununterbrochene Entsetzen, in dem unser Soldat in Deutschland! lebt, ist etwas aus Dantes Hölle, etwas Fürchterliches, Rasend-! machendes. Wenn man die Einzelheiten erführt, so kann man vor; Grauen den Verstand verlieren, vor Entrüstung, vor Schmerz — all : dies über die Schändung der russischen Würde. Unsere Soldaten in j Deutschland erhalten zweimal täglich unter dem Namen Kaffee eine! abscheuliche Brühe aus Zichorie, eiu viertel Pfund Brot mit Stroh und eine „Suppe", in welche für 500 Menschen sechs Pfund Fleisch gelegt werden. Man möchte schreien und heulen, wenn man diese eidlich erhärteten Mitteilungen unserer aus Deutschland zurückgekehrten Invaliden oder der entflohenen Gefangenen hört, die von der außerordentlichen Untersuchungskommisston des Senators Kirgofs vernommen worden sind. Die unbeschreiblichsten Foltern werden bei unseren Gefangenen angewandt. Man schlägt sie mit Ruten bis zur Bewußtlosigkeit, prügelt sie mit Stöcken und Gununiknütleln, inan hetzt sie mit abgerichteten Hunden, die sie an den Füßen beißen, man stellt sie mit nackten Füßen in den Schnee, man spannt sie auf, man schließt sie in Särge ein und legt den Deckel auf, dann bringt man die Erstickten ins Bewußtsein zurück und schließt sie nochmals ein; und all dieses wilde Entsetzen übertönt das unaufhörliche Stöhnen: Hunger, Hunger, Hunger! Es ist eine Schande und ein Schrecken, dieses auszudrücken. Möge aber unsere Heimat wissen, bis zn welchem Grade der Hunger unserer Soldaten in der Gefangenschaft geht! Bei einen: ehrlichen Verhalten zu den Verwundeten würden die Deutschen mit ihrem praktischen Sinn es schon verstehen, Mittel und Wege zu sinder:, um die zur Ernährung der Gefangenen erforderlichen Lebensmittel zu schaffen, ohne der eigenen deutschen Bevölkerung etwas zu entziehen. Wir haben hier ein durchdachtes Aushungerungsshsten:. Schmutzig von Natur aus kämpft der rachsüchtige, boshafte Deutsche in der Person des Gefangenen mit der russischen Zukunft, indem er es aus die kommenden Generationen Rußlands abfleht. „Je schlimmer für die Gefangenen, je mehr solche umkommen, desto besser und vorteilhafter für Deutschland." — Dies ist die Losung der deutschen Militärärzte in den Gefangenenlagern. Die Gefangene:: werden nicht als solche Zurückkehren, wie sie Rußland verlassen haben. Es werden dies ausgemergelte, infolge des Hungers und der Stickluft mit Tuberkulose Behaftete sein, die dem Verderben geweiht sind und nicht imstande sein werden, eine gesunde Nachkommenschaft zn zeugen. Wir müssen die Gefangenen ernähren — dies ist unsere Aufgabe." Dieser Artikel enthält Dichtung und Wahrheit. Wahrheit insofern, als die genannten Qualen und Foltern wirklich stattfanden. Dichtung dagegen deshalb, weil diese Vorfälle sich nicht in unseren Gefangenenlagern ereigneten, sondern bei den jüdischen Pogromen, wie sie uns Gorki und andere schilderten — Schriftsteller, die unser russischer Journalist hübsch kopierte und variierte. Wir wissen, im Gegensatz zu dieser erlogenen Schilderung, daß die russischen Gefangenen in Deutschland es sehr gut haben, sind aber anderseits durch unwiderlegliche Zeugnisse unterrichtet, wie schlimm es den Juden in Rußland ergeht. Darüber gibt das „Berliner Tageblatt" nach einer dänischen Zeitung unter dem Titel „Sieben Millionen jüdischer Flüchtlinge in Rußland" eine ausführliche Darstellung. In diesem Aufsatz wird vorgeführt, mit welcher Grausamkeit und Hinterlist gegen die flüchtigen Juden gewütet wird, wie von dem russischen Generalstabe folgende Fragen verbreitet werden: „Unter welchen Umstünden lassen sich j ü d : s ch e Soldaten gesangennehmen? In wieviel Fällen haben sich j ü d i s ch e Soldaten eines Eidbruches schuldig gemacht oder einer Pftichtversünmnis in bezug auf ihre Obliegenheiten?" wie in einem offiziellen Militärblatt der nachstehende lügnerische Bericht veröffentlicht wird: „In der Nacht zun: 11. Mai griffen die Deutschen in der Landstadt K u s ch i Abteilungen eines unserer Jnfanterieregiinenter an. Das zeigt, wie aufrührerisch ein Teil der Bevölkerung, besonders Juden, sich gegen unsere Truppen verhält. Denn bevor unsere Soldaten zu dieser Landstadt kamen, hatte:: die Juden deutsche Soldaten in die Keller versteckt und aus ein gegebenes Signal einen Brand in der Stadt verursacht. Die Deutschen stürzten aus ihren Verstecken heraus und stürmten das Hans des Regimentschefs. Diese traurige Begebenheit beweist aufs neue, daß die wichtigsten Forderungen des Felddienstes auf das genaueste beachtet werden müssen. Man :nnß so sorgsam wie möglich auf die Sicherheit der Truppen bedacht sein, und das besonders an Orten, die einmal n: der Hand des Feindes gewesen sind und die speziell von Juden bewohnt sind." und wie in einzelnen Gouvernements feierliche Gottesdienste abgehalten werden, um Gott dafür zu danken, daß er das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.