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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-21 · Heft 16 (21.4.1916) · p. Seite 192

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 16 (21.4.1916)
Date
1916-04-21
Page
Seite 192 (sequence 12)
Language
German
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192 „Nie! nie!" polterte Maierl. „Niemals werde ich mich zum Mitschuldigen eines frevlen Treibens machen, welches es wagt, an den unverrückbaren Worten unserer Talmudweisen willkürlich herumzudeuteln, bis nichts mehr von ihrem ursprünglichen Gehalte zurückbleibt. An den heiligen Ueberlieferungen, wie Ihr wißt, darf nicht gerüttelt werden; denn sie sind nach dem Ausspruch unserer Weisen noch strenger zu nehmen als selbst die Worte der Thora." „Beruhige dich doch erst, Maierl, damit. . ." „Nicht eher, als bis der Rabbi Mottls zügellose Ausschreitungen zurückgewicsen, ihm verbietend, solche gottlose Ausblicke in unserer Gegenwart den Weisen des Talmud imterzuschieben . . ." „Nein, Maierl, das werde ich nicht. Du weißt, und ihr alle wißt, daß ich, entgegen der Uebung mancher meiner Schule, auch in religiösen Dingen jedem seine Freiheit lasse, selbständig zu Prüfen und zu urteilen, solange er sich nicht aus Frevelmut gegen Gott und seine Lehren auflehnt. Das hat Mottl niemals and) nur im Traum getan. Du aber, Maierl, vergehst dich in deiner fanatischen Unduldsamkeit nicht nur gegen unsere Gesetzeslehrer, die den Weg der religiösen Diskussion eröffnet und freigchalten haben, sondern auch gegen die Schrift, die uns unausgesetzt einschärft: zu d e n k e n u u d zu forschen; du sündigst sogar gegen das markante Beispiel des Heiligen, gelobt sei Er . . ." „Wie das? wie das?" stotterte Maierl, sich vereinsamt sehend, mühselig hervor. „Denke doch nur an Hiob, dem, lvie die Schrift von ihm nachdrücklichst rühmt, „keiner im ganzen Lande an Frömmigkeit gleich käm"! Wie willst du dich aber mit seiner radikalen Stellung zur Tradition abfinden? Er läßt sich durchaus nicht das Recht verkürzen, die Ueberlieferungen selber prüfen und beurteilen zu dürfen, geradeso „wie der Gaumen die Speise prüfen darf". Und wie schonungslos ist die Kritik, die er an den hergebrachten unbeweglichen religiösen Anschauungen übt, zu denen ihm seine drei ehemaligen hyperorthodoren Freunde um seines Seelenheils willen bekehren wollen! Ihre auswendig gelernten, ewig gleichen, nur mit mächtigem WortschN'all vvrgetragenen Lehrsätze nennt er wegwerfend: „ D c n k s p r ü ch e v o n S t a u b", „ W ü l l e v o n L e h m ", den Freunden verächtlich zurufend: „Was hat euer Wort der Ohnmacht je geholfen, dem kraftlosen Arm je genützt? Wie habt ihr dem geraten, der ohne Weisheit, und wessen Eingebung ging von euch aus?" — Und verrät nicht schon das ganze Buch Hiob eine neue, über alle Enge weit hinausgehende Weltanschauung?" „Irren kann auch der Frömmste," wendete Maierl ein. „Wie magst du nur da von Irrtum sprechen, wo die von Hiob mit jugendlichem Ungestüm gegen alles Ueberlebte geführten Streiche von höchster Seite gebilligt und Hiobs neue Richtung für die gottgewollte erklärt wird?" „Wie versteht Ihr das?" lispelte Maierl kleinlaut. „Wie ich das verstehe? Du scheinst in der Tat zu jenen Talmudisten zu zählen, die in der „mündlichen Lehre" weit besser Bescheid wissen als in der „geschriebenen". — Ist es dir denn entfallen, daß im Epilog zum Buche Hiob Gott selbst das Urteil füllt über Hiob und seine unbarmherzigen, buchstabengläubigen Gegner? Und wie lautet es? Es verwirft in Bausch und Bogen den blinden Uebeplieferungsglauben, stellt hingegen Hiobs ans dem freien Forschen sich hervorringeuden Glauben als mustergültig auf: „Und es geschah" — so schließt unser Buch — „nachdem Gott zu Hiob gesprochen ... da sagte er zu dessen Bestreitern: „Entbrannt ist mein Zorn wider euch, weil ihr nicht Richtiges vor mir geredet habt wie mein Knecht Hiob. ■ So nehmt euch denn sieben Stiere und sieben Widder und geht zu meinem Knecht Hiob und bringt sie für euch dar, und H i o b m e i n K n e ch t s o l l f ü r e u ch b e t e n : d e n n n u r auf ihn werde ich R ü ck si ch t n e h m e n, d a ß ich n i ch t schmählich mit euch verfahre; denn ihr habt nicht Richtiges vor mir gesprochen, wie mein Knecht Hiob!"-Dieses nun sind Gottes höchsteigene Worte. Hiernach erklärt er Hiob für seinen auserwählten Priester und Lehrer der Zukunft und verwirft gleichzeitig die Verfechter des blinden Glaubens, die unberufenen Eiferer für den starren Buchstaben der Ueberlieferung, die er der Vergangenheit zuweist." — — Noch steht es, als ob es sich erst gestern zugetragen hätte, in lebendiger Erinnerung vor meinem geistigen Auge, wie unsere Gäste bei diesem meinem Vater abgerungenen Bekenntnisse ins Staunen geraten, ihn sprachlos anstarren, Maierl aber, der in einen Stuhl gesunken war und vor sich hinbrütete, nicht weiter beachten. Ich sehe es noch, wie mein Vater plötzlich stockt, als hätte er sich dabei ertappt, etwas zu weit gegangen zu sein; und wie er, als besorgte er, noch weiter gedrängt werden zu können, jetzt zu bremsen sucht und bemüht ist, die Diskussion mit dem Hinweis auf den bereits anbrechenden Morgen zu vertagen; wie die Gäste aber unbeweglich auf ihren Plätzen verharren, bis mein Vater auf jeden einzelnen zuschreitet und ihm zum Abschied die Hand schüttelt. Ich sehe es noch, wie er jetzt. Inst not least, tief ergriffen, den wie verzückt dastehenden Mottl unter den Arm nimmt, und höre noch die innigen Worte, die er an ihn richtet: „Dir, Mottl," sagt er, „sind wir heute zu ganz besonderem Danke verpflichtet. Du hast an diesem Abend, an welchem wir nicht nur unsere Volkswerdung feiern, sondern auch schon in gehobenster Stimmung die Morgenröte unserer Gleichberechtigung begrüßen dürfen, derjenigen den Kern unseres Volkes bildenden Massen gedacht, die noch unter dem „eisernen Stabe" von Gog und Magog seufzen und stöhnen; hast mit ungemein glücklichem Griffe in die Weissagungen der Propheten und in die autoritativen Aussprüche unserer Weisen hineingeleuchtet, die sich über die endliche Erlösung dieser noch zu großen Dingen berufenen Diaspora verbreiten, und hast unser Herz gestärkt, unsere Hoffnungen neu belebt; habe Dank, wackerer Mottl, und verfolge unentwegt deine eigenen sicherlich von Gott geleiteten Wege! Werden diese aber von uns einmal allgemein begangen werden, dann wird die Losung unseres Sederabends: „Heut sind wir noch Knechte, im kommenden Jahre jedoch Söhne der Freiheit!" in baldige Erfüllung gehen."- Hofsmmgsstrahlend verließen die Gäste unser Haus. — Ich aber habe nie wieder einen solchen Sederabend erlebt. Mchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Gustav Schneider. Sein Leben und Schaffen. Von Dr. Karl Schwarz, mit einem Vorwort von Hermann Struck. Berlin 191». Die Entstehung des semitischen Sprachtypus. Ein Beitrag zum Problem der Entstehung der Sprache von Dr. Harry Torczyner, Privatdozent an der k. f. Universität Wien. Erster Band. Wien, R. Löwit Verlag (Dr. M. Präger) 1916. - Mauschelpredigt eines Fanatikers von Abraham Schwa - d r o n, verlegt zu Wien durch R. Löwit. MCMXVI. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, begründet von Z. Frankel. Organ der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Herausgegeben von Professor Dr. M. Braun. Sechzigster Jahrgang. Nene Folge, 24. Jahrgang. Januar—Februar 1916. Breslau, Koebnersche Verlagsbuchhandlung (Barasch u. Riesenfeld). Heft 1/2.

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