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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-21 · Heft 16 (21.4.1916) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 16 (21.4.1916)
Date
1916-04-21
Page
Seite 191 (sequence 11)
Language
German
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191 jelbft! Und ihr Schiedsspruch lautet dahin, daß in den Zeiten des Messias, in denen ungeahnte Geschehnisse sich drängen werden, ein ungleich bedeutsameres Fest unseren Peßach in den Hintergrund schieben werde." — Noch hatte Mottl diese Worte nicht ausgesprochen, als Maierl, wie von einer Tarantel gestochen, gegen ihn lossprang und ihm zuschrie: „Glaube nicht, daß mir die Talmudstelle, aus die du deine salsche Behauptung stützen willst, entgangen ist. Ben Soma ist's, auf den du dich berufst. Und wenn du nicht wissen solltest, wer Ben Soma war, und wie er geendet, so will ich dir es sagen. Er war einer von den vier Räbbinen, die in den Pardes — das ist der Garten der philosophischen Spekulation - eindrangen, von denen der Talmud erzählt: „Vier gingen ein in den Pardes: Ben Asai, Ben Soma, Acher und Rabbi Akiba. Ben Asai schaute und starb. Ben Soma schaute und wurde geistesver'wirrt. Acher pflückte die Pflanzungen aus. Rabbi Akiba allein ging heil hinein und kam heil wieder heraus." — Laß dich also warnen, Mottl, die Wege Ben Somas zu gehen, auf denen man, wie Acher, dahin gelangt, die Pflanzungen unserer heiligen Traditionslehre zu entwurzeln; denn halb und halb bist du bereits aus diese Pfade geraten." So predigend, ließ Maierl frohlockend seine Blicke umherschweifen, überzeugt, daß seine Gelehrsamkeit und Schlagfertigkeit einen mächtigen Eindruck bei den Hörern zurücklassen müssen, und daß er Mottln mundtot gemacht habe. --- Dieser aber hatte sich inzwischen, seinen Unnult gewaltsam unterdrückend, zum Bücherschrank begeben, hatte mit sicherem Griff aus demselben einen Tälmudsolianten hervorgeholt, ihn auf den Tisch gelegt, und Traktat Berachoth pag. 12b aufschlagend, sprach er, ohne seinen Gegner eines Blickes zu würdigen, weithin vernehmbar: „Maierl Scholberer widerlegen zu wollen, wäre ein vergebliches Beginnen, denn keiner ist mehr blind, als wer nicht sehen will. Um aber meinen Freunden, von denen manchem vielleicht der Wortlaut jener talmudischen Stelle, die ich vorhin im Auge hatte, nicht gegenwärtig ist, ein selbständiges Urteil zu ermöglichen, will ich denselben buchstäblich wiedergeben. Er lautet: „Es heißt in der Boraitha: Ben Soma sagte zu den Weisen, wird man auch in den Zeiten des Messias noch des Auszugs aus Aegypten gedenken? Hat doch schon der Prophet Jeremia in seiner denkwürdigen Strafrede gegen die falschen Lehrer und Propheten in Israel gesagt: „Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, wo man nicht mehr sprechen wird: so wahr der Herr lebt, der die Kinder Israel aus dem Lande Aegyptens geführt hat, sondern: so wahr der Herr lebt, der den Samen des Hauses Israel geführt hat aus dem Lande der Mitternacht und aus allen Landen, dahin ich sie vertrieben habe, daß sie in ihrem Lande wohnen sollen." „Nach Maierls Ausführungen aber" — so fuhr Mottl erläuternd fort — „würde man zweifellos glauben, daß die Weisen des Talmud Ben Somas Behauptung stracks bekämpft hätten, entscheidend, daß unser Peßachsest für alle Zeiten feinen Bestand und Rang behaupten werde. Das aber wäre grundfalsch. Hört also, was dieselbe Boraitha des weiteren darüber berichtet: „Die Weisen" — so heißt es da — „antworteten: Die Erinnerung an den Auszug aus Aegypten wird zwar auch in der messianischen Zeit nicht gänzlich schwinden, wohl aber in den Hintergrund rücken vor Ereignissen von ungleich größerer Bedeutung, welche die endliche Befreiung der Diaspora aus der unerträglichen Knechtschaft der W e l t r e i ch e herbeiführen werden. So verkündet auch der Prophet Jesaia: „Gedenket nicht des Alten und achtet nicht aus das Vorige; denn siehe, ich schaffe N e u e s, j e tz t soll es hervorsprießen." — „Gedenket nicht des Alten", das geht auf den Auszug aus Aegypten! „Siehe, ich schaffe Neues, jetzt soll es hervorsprießen", das geht, wie Rabbi Joseph gelehrt, auf die Kriege mit G 0 g und M a g 0 g. — Die letzten Leiden machen die früheren vergessen." Lautlose Stille herrschte, während Mottl aus dem Talmud las. Man lauschte mit verhaltenem Atem wie auf eine neue Offenbarung. Nur der eine und andere aus Maierls Sippe schüttelte zweifelnd den Kops, als ob er nicht recht an die richtige Wiedergabe des Textes glaubte. Dieses bemerkend, wandte sich Mottl unverzüglich an den Rabbi mit der Frage, ob er, Mottl, vielleicht die verlesene Talmudstelle falsch aufgefaßt habe? „Du hast sie," erwiderte jener mit Nachdruck, „wortgetreu wiedergegeben." „Nun seht ihr, Freunde," so schloß Mottl, „unsere Weisen haben durchaus nicht die Ansicht ihres sinnigen, weitausfchanenden Kollegen Ben Soma bestritten, sie haben sie vielmehr geteilt, gestützt und unter bessere Beleuchtung gestellt. — Und so wie dieser sie mit dem lapidaren Ausspruch des Propheten Jeremia bekräftigt, so berufen jene sich auf das göttliche, ewig frisches Leben spendende Wort des großen Jesaia, das uns lehrt: daß nur dem mit uns Geborenen, „jetzt Entsprossenen" und im Volk lebendig Gewordenen aktuelle Bedeutung zukonune, daß aber Althergebrachtes, längst Ueberwnndenes, wenn es seine Aufgabe erfüllt hat, nur auf eine historische Würdigung Anspruch erheben dürfe. - - Der ägyptische Pharao gehört der Geschichte an. Der heutige Pharao heißt: G 0 g und Mag 0 g, in dessen mitternächtlichem Weltreiche Millionen und Millionen unserer in unsagbarer Knechtschaft schmachten und physisch und geistig verkommen. — - Zerfällt aber einmal dieser nordische Koloß, dann werden sich, dem Phönir gleich, ungeahnte, bislang gebunden gelegene Kräfte unseres Volkes aus der Asche zur Freiheit emporschwingen, werden den Weg u n b e s ch r ä n k t e r E n t w i ck l u n g suchen und finden. - - Dann aber wird man, wie der Prophet Jeremia intuitiv vorausgeschaut, nicht mehr sprechen: „So wahr der Herr lebt, der die Kinder Israels aus dem Land e A e g y p t e n geführt hat; sondern: so wahr der Herr lebt, der den Samen des Hauses Israel geführt hat aus dem Lande der Mitternacht und aus allen Landen, dahin sie zerstreut wurden." Dann wird auch die ewig neu belebende, aber bis auf den heutigen Tag in ihrer Tiefe nicht gewürdigte Mahnung unseres großen Jefaia in greifbare Erfüllung gehen: „Gedenket nicht m e h r d e s A l t e n u n d a ch t e t n i ch t a u f d a s V 0 r i g e; denn siehe, ich schaffe Neues, jetzt so l l e s h ervorsprieße n." Diese Worte Mottls, zumal die kräftigen Hinweise auf die endlosen Judenverfolgungen im Reiche von Gog und Magog, erweckten einen mächtigen Widerhall in den Herzen unserer Talmudgelehrten, und sie streckten ihm von allen Seiten, ihn beglückwünschend, die Hände entgegen. Wen sie aber in unsagbare Erregung versetzt hatten, das war Maierl. Fassungslos stürmte er auf meinen Vater ein und schrie ihm, mehr lallend als in zusammenhängender Rede in die Ohren: „Wie kann nur der Rabbi solche sündhafte, unsere ganze „mündliche Lehre" aus den Kopf stellende Wort mit anhören? Merkt Ihr denn nicht, daß ans ihnen der moderne, aller Pietät hohnsprechende Geist redet, den Mosche Dessau (Moses Mendelssohn) erweckt hat und der keinen Stein auf dem andern duldet in dem hehren Gebäude unserer für die Ewigkeit ausgesührten Traditionslehre?" „Maierl", beschwichtigte mein Vater, der ebenso streng gegen sich als duldsam gegen andere war, „Maierl, du bist heute nicht mehr in der Verfassung, Neues aufzunehmen. Beschlafe dir vorerst das Gehörte, und du wirst morgen anders urteilen."

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