Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1916)
- Date
- 1916-04-21
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229249--72165-3284591- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
190 Zeit wählten, um ihren Mord den Juden ausznbürden durch den VUrnftiiriff, den Körper in ihre Straße zu legen. In dem einen oder dem andern Fall seht doch, Ihr Pfaffen, Ihr Religionsstifter, ein rührendes Beispiel von Abscheulichkeit, die Eure Lehre berechtigt oder erlaubt. Entweder geschah der Mord, um ein gottgefälliges Opfer zu bringen, oder er geschah in der Zeit, wo Ihr ein zweitnuseudmal wiederholtes Possenspiel wiederholtet und Euer Lamm Gottes würgen saht um der Sünde der Welt willen. Eure Anhänger quälten das Leben ans den durchs Alter erschlafften Fiebern eines alten, armen Weibes in den Stunden, die Ihr lehret, daß vor zweitausend Jahren Gott an seinem Sohne eben das tat — und wälzten dann den Haß der Welt ans Unschuldige, um ungestraft zu feixt. Und warens die Juden, die es taten, o, dann sehet die schöne Stütze, worauf Ihr Eure Weisheit gründet, seht die Wirkung von den Lehren der Männer, die Euren Heiland der Welt verkündet haben sollen. Weil die ganze Welt Altar einer uubetaiiuten, nie zu verkennenden Macht ist, weil man nur Mensch sein darf, um im Kleinen zu tun, wo das unbekannte Wesen im unaussprechlich, undenkbar Großen tut — binden wir unsere Allgen, um nur im Finstern zu sein, verleugnen die Stimme des Weltalls, um uns zu quälen. - Was wollen Sie Ihren Kindern lehren? Mein Kind will ich danken lehren, lvenn der Blitzstrahl, der ihn in Asche verwandelt, noch ein Licht wirst aus das Fleckchen Erde, wo er niedersinkt - aber nie soll er eine Lehre anders kennen lernen, als eine unvollkvnunene Bemühung des Stifters, Gutes zu tun, und als ein Werkzeug in der Menschen Hand, Böses zu stiften. Er soll keine Lehre hassen, jeden Lehrer, wenn er Mensch ist, ehren, weil ihn Gesetze schützen, aber nie eine Religion, die das Volk glaubt, zur Richtschnur und Belohnung seiner Handlungen anschann." L. G. IX. A us „F o r st e r s T a g e b ü ch e r n". (Tort m u n d 1915.) In Wien (1784) war Förster mit zwei, allerdings getauften, Juden, Hennikstein und Epstein, die als Journalisten und Beamte ein hervorragende Stellung einnahmen, viel zusammen. In Prag lernte er eine jüdische Schule kennen und gibt nach dem Bericht des Prager Prälaten, des Propstes von Schulstein, über diese Schule folgende interessante Schilderung: „Tie Judenschule seh gut eingerichtet, und mau sauge an, in österreichisch. Polen sich darnach zu richten, dort währen 2uoooi> Juden, hier nur 40 (HM, in Prag ca. 8000. In Polen stehe eine Beränderilng bevor: das Gerücht, der König wolle abdanken, dauert fort. Schulstein meint, der 08. XX 18 würde König werden. Bon ihm gieng ich in die neue jüdische Schule. Moses Wiener, der deutsche Sprachlehre lehrt, ist ein guter Kops und spricht schönes Tentsch. Günzenhausen lehrt Moral, der mathematische Lehrer ist ein vortrefflicher Mann. Tie Knaben scheinen sehr gut zu begreifen und zu profitieren. Im Rechnen und Schreiben find sie vortrefflich geübt. - Ter Prüflings aal ist ziemlich groß und mit schlechten Gemälden ans der biblischen Geschichte geziert. Es sind gegen Knaben iu 4 Klassen. Schmutzig sind sie freilich noch, doch scheint's, aus diesen Teil der Erziehnilg loird nicht gehörig geachtet." L. G. X. Ans „Wandlungen", Lebenserinriernngen von Karl Jeutsch Leipzig 18%. (Ter Berfa per war Kaplan, lvnrde zur Zeit des Knltnrtalnpses extonluumiziert und trat znm Altkatholizisums über. Erlebt jetzt als Schristsleller in Reiße.) Seite 9 uff.: „Beide (gemeint ist ein jüdisches Ehepaar) waren brave und hochgeachtete Leute, mit denen meine Eltern sehr gut gelebt haben. Als sie sich ein eigenes Hans getauft hatten, was ja bei den Inden nie ansbleibt (??), zog ein anderer Jude ein, ein Testillatenr, mit dessen Familie lvir uns auch bald eng befreundeten . . . Eigentlich hätten lvir schon daurals Antisemiten werden müssen, lvir sind es aber nicht geworden, lveil es vollkommen klar war, daß zwischen dem Gedeihen dieser beiden Familien und nuferem eigeneil Unglück nicht der geringste ursächliche Znsamlnenhang bestand. Bon denr zweiten habe ich als Student einmal Geld gelieheir, lvofür er selbstverständlich keine Zinsen genommen hat." Seite 002: „Ter Begriff (Bolkssittlichkeit) ist ja mm im allgemeinen richtig; irrig ist bloß die Auffassung, wonach sich diese Art Bolkssittlichkeit (daß die Leute fleißig, ordentlich und sparsam sind, nicht spielen, nicht trinken, nicht geschlechtliche Sünden begehen und nicht stehlen) nlit der christlichen Moral decken soll (in Wirklichkeit ist diese bürgerliche Moral immer und überall dieselbe gewesen, nicht bloß bei Ehristeil, sondern auch bei Inden, Griechen, Römern, Chinesen, Indern llnd Türken)." M. Sp. Mein letzter Sederabend im Llternhgule. Von 9ft. ftrieblärtber. (Lchlnß.) us mannigfachen Gründen war Mottl in unserer weiten Umgebung beliebt: er war ein reicher und unabhängiger junger Mann, an dessen Tür kein Bedürftiger vergeblich anklvpste. Er besaß ein gründliches talmudisches Wissen, das damals noch in den jüdischen Gemeinden über die Maßen geschätzt wurde. Und wenn er auch fortschrittlich gesinnt war und von Maierl deshalb als Apikores verschrien wurde, nur die Finsterlinge, die das Anfblitzen des modernen Geistes ängstlich scheuten, glaubten es. Die Gemeinde selbst hegte für ihn die größte Sympathie und Wertschätzung, zumal sein Freisinn sich nur in seinen Reden, nicht aber in seinem Tun äußerte. In seiner Lebensführung hatte sich nichts geändert. Er beobachtete nach wie bor die religiösen Satzungen ans das sorgfältigste, so sehr er sich innerlich über manche derselben erhoben hatte. Es fehlte ihm eben die Kraft, sie auch äußerlich zu überwinden, eine Mutlosigkeit, die ihm bittere Stunden bereitete, in denen er, sich selbst quälend, die Worte seines Lieblingsdichters immer wieder vor sich hin flüsterte: „Es ist i nicht jeder frei, der über seine Fesseln spottet." Doch beruhigte! er sich immer wieder bei dem Gedanken, daß er ja nicht ans [ Schwäche bei seinen mit der Muttermilch eingesvgencn j religiösen Gewohnheiten verharre, sondern ans wohlüberj dachten Utilitätsrücksichten. Er sei ja kein berufener Re-! fvrmator, lediglich ein simpler, für den Fortschritt begeisterter! Geschäftsmann, und als solcher diene er dem Freisinn weit besser, wenn er sich freiwillig, aus Selbstzucht, um nicht ins Uferlose zu geraten, dem Zwange religiöser Satzungen nnterwerfe, als wenn er, mit allen Traditionen brechend, die religiösen Gefühle seiner weiten Umgebung verletzen und beit Finsterlingen Veranlassung bieten würde, hinanszuschreien, er sei nur deshalb vom Gesetz abgefallcn, um ein freies, zügelloses Leben führen zu können. Am heutigen Sederabend aber feiert Maierl Scholbcrer seine Triumphe. Er hatte ein dankbares Publikum, das bewundernd zu ihm emporschante, als er über dasselbe die ganze Fülle talmudischer und midraschischer Zitate nur so aus den Aermeln ansschüttete. Freilich war das Thema ein eng begrenztes, für welches er sich lange vorbereiten konnte. Denn alle wissenschaftlichen Erörterungen an diesem Abend bewegten sich, wie gesagt, um den „Auszug ans Aegypten". - - Immer mächtiger wuchs sein Kampfesmut, der überdies durch die „vier Becher" Weines, die jeder Jude an diesem Abend leeren muß, erhitzt war, und es gelang ihm unschwer, die minder gut Vorbereiteten mit seinem Wortschwall einzuschüchtern. — Jetzt wurde die Frage aufgeworfen, ob auch in der messianischen Zeit das Peßachfest seine überragende Bedeutung behaupten werde: „In alle Ewigkeit!" schrie Maierl, vom ungewohnten Weine glühend, auf. „In alle Ewigkeit!" und bemühte sich, Beweise auf Beweise aus dem Talmud anfzuhäufen und jede andere Meinung unter betäubendem Geschrei zu widerlegen. — Da erhob sich Mottl, der bis dahin mit dem Rabbi, neben dem er saß, über ein talmudisches Thema sich unterhalten hatte, und rief den ungebärdig Streitenden zu: „Das sind ganz zwecklose Erörterungen, da die Frage, um deretwillen ihr euch so sehr erhitzt, schon vor 1800 Jahren endgültig entschieden wurde, und zwar von unseren größten Autoritäten: den Weisen des Talmud