Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1916)
- Date
- 1916-04-21
- Page
- Seite 189 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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169 Ob Humboldt, für ihn emtrat, vermag ich nicht anzugeben; sicher rst, ^nß Birchow noch im Herbst 1856 nach Berlin berufen wurde, wo er bekanntlich bis zu seinem sehr spät erfolgten Tode eine ungeheuere löirksamkeit entfaltete. _ E- 0. VI. Die „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" >9. Jahrgang, Heft 7 bis-10, enthält Seite 193 bis 212 einen interessanten Artikel von M. Brann „Die Kontinentalsperre und die deutchen Juden". Währendgegenwärtig England alle Anstrengungen inacht, den deutschen Handel zu unterbinden, und die deutsche Küste blockiert, um zu hindern, daß auch durch Vermittelung der Neutralen mMndische' Waren nach Deutschland gelangen, bemühte sich vor hundert Jahren bekanntlich Napoleon, es England unmöglich zu machen, seine eigenen Waren nach dem Kontinent zu bringen, um dadurch England zu schädigen. Die Wirkung war eine ähnliche, Deutschland wurde durch diese Kontinentalsperre mancher Waren beraubt, die es ungern entbehrte. Zu diesen gehörte der Kaffee, der ziemlich schnell zmn Lieblingsgetrünk der Deutschen erhoben worden war. Damals erschien ein Lied mit folgendem Titel (im Original mit hebräischen Bnchstab-en, hier deutsch wiedergegeben): „Ein Schehu Neies Kaffeelied, versaßt auf die Theierung des Kaffes in Teitschland im Jahre 1808." Das Gedicht, gewiß tm Westen Deutschlands entstanden, nimmt auf die Frauen besonderen Bezug. Daß es aber, wie der neue Herausgeber Brann Seite 208 für möglich erklärt, vermutlich wegen des manchmal vorkommenden Ausdrucks „Uns Weibsleut" von einer Frau verfaßt sei, halte ich deswegen für ausgeschlossen, -veil wenigstens ebensooft oder öfters von „Unfern Weibern" die Rede ist. Das Gedicht, in deutscher Sprache geschrieben, aber mit vielen hebräischen Wörtern gemischt, ist ein sogenanntes alphabetisches Lied, beginnt also mit einer Strophe, deren erstes Wort mit Aleph ansängt, und schließt mit einer, deren Anfangswort mit taw beginnt. Poetisch ist das Lied gewiß nicht, aber kulturhistorisch ist es außerordentlich interessant. Zur Probe seien hier zwei aufs Geratewohl heraus-, gegriffene Strophen mitgeteilt, die genügen, um einen Begriff des Gedichtes zu geben. Sie lauten: (Buße und Reue) damit tuhn wir unj'r Sünd' b'ken'n Daß mir sol'n bald wieder bekommen wolfeil'n Käse zu breuw. Wann uns'r Männer werd'n Käse kaus'n. Tag und Nacht wol'n mir fr sie lauffn. (Tag und Nacht) wol'n mir fr sie sein ein gebückt Und sag> n, wie ist der Käse so gut. Wie wird es sein so gut und schehn, Wann mir an Käse trink'n ehnd'r mir Schnl'n gehn. Wasser tuht die Weiber aus ihr' Aug'n rinn'n. Die tragende Weiber sag'n: Wie wert es mi§ gehn in Kinds Gewinnen? Sunst'n hab'n mir alle gehabt in unser Kindbett Käse und Zuck'r g'nug versteckt. Wann mir soll'n lieg'n ein' ganze Nacht Und bekommen kein Käse gemacht. Wie kön'n mir mehr stopp'n und nüh'n. Mir kön'n aus kein Aug' erans mehr sehn. L. G. VII. Ein Zeugnis aus Schottland für den Anteil der Juden an der Naturwissenschaft Deutschlands. Mitten im Kriege erschien 1915 „German culture: the contri- Imtion ok the Germans to knowledge, literatine, art and lifo“, dited by W. P. Paterson of Edinburgh. Es sind neun Aussätze von Hochschullehrern. Deutsche Zeitschriften haben das Blich als bemerkenswert unparteiisch gewürdigt. Natürlich erlaubte der jedem Beitrage zugemessene Raum kein Erschöpfen. Und gerade das letzte Menschenalter, für das die literarische Ueberschau noch fehlt, kommt arg zu kurz: kein Philosoph nach Schopenhauer außer Nietzsche wird auch nur genannt; die Kunst nach 1860 füllt eine Seite! Allein der Beitrag I. Arthur Thomsons zu Aberdeen „Was schuldet die Naturwissenschaft deutschen Forschern" enthält einen Satz, der die Leser dieser Zeitschrift angeht (p. 69; vgl. 153): Bei der Abschätzung des Verdienstes könne er zwischen Rasse und Staatszugehörigkeit nicht unterscheiden. „Die größte Schwierigkeit betrifft das jüdische Element in den verschiedenen Nationen; denn die Juden sind außergewöhnlich erfindungsreich und un-abhängig (in der Naturforschung) gewesen, besonders in gewissen Zweigen, wie der Physiologie und Pathologie. Ta wir den jüdischen Einschlag nicht unterscheiden konnten, haben wir wahrscheinlich den verschiedener! Staatsnatiouen beträchtlich mehr gutgeschr-ieben als sie verdienen." Unter den Namen erster Größen, die Thomson anführt, sind Brieger, Cantor, Ferd. Cohn, Cohnheim, Ehrlich Hertz, Jacobi, Loeb, Ni unk, Pringsheim, Remak, Schiss, Traube. F. Lieber m a n n. VIII. Im „Archiv für das Studium der neueren Sprachen undLiteraturen", 09. Jahrgang, 133. Band, S. -268 bis 299, veröffentlicht Albert Leitzmann unter dem Titel „Im polnischen Exil" Briefe von Therese Förster an ihre Stiefmutter, d. h. Frau Theresina Heyne in Göttingen. Gattin des bekannten Philologen, eine Anzahl ausführlicher Schilderungen, hauptsächlich ans Wilna, vorn 31. Oktober 1785 bis 17. April 1786. Tie Veröffentlichung zeigt alle Mängel der nieisten Veröffentlichungen des Herrn Leitzmann, das Fehlen jeder Selbstbeschränkung und den absoluten Mangel, Bedeutendes von Unbedeutendem zu unterscheiden. Wenn mau in meinem Buche „Therese Huber" (denn die in diesen Briefen Behandelte ist dieselbe wie die Briefschreiberin, da sie einige Jahre später Förster verließ und an seiner Stelle L. F. Huber heiratete), das ich der merkwürdigen Frau (Stuttgart 1901) gewidmet habe, liest, so erführt man aus den wenigen Leiten, die ich dort dem Wilnaer Aufenthalt gewidmet habe, im Grunde alles, was Therese zu berichten weiß: Freude an ihrem Eheglück, Klagen über ihre Magd und über die polnische Wirtschaft, über den Schmutz, die Unsittlichkeit und den Leichtsinn der Adligen, über die Kleinlichkeit und die Lust am Wohlleben, die ihren Kollegen Langmeyer und dessen Gattin charakterisieren, über den gelegentlichen Trübsinn Georg Försters und über die Sehnsucht des Ehepaares nach der Heimat. Gewiß sind die Briese geistreich und amüsant, wie ich, der ich mich so ausführlich mit Therese beschäftigt habe, wohl am besten zu beurteilen vermag. Aber die Notwendigkeit, diese dreißig Seiten abzndrucken, dürste außer Herrn Leitzmann kein Mensch in Europa begreifen. Zu tadeln ist sodann, daß der Herausgeber sich scheut, die Quelle anzugeben, aus der er geschöpft hat. Wenn ich nun auch über die Art der Veröffentlichung des Herrn Leitzmann meine Bedenken nicht unterdrücken konnte, so will ich es doch nicht unterlassen, darauf hinzmveisen, daß die Briefe bei der Lebhaftigkeit Theresens, bei ihrer frischen Auffassung von Land und Leuten, bei ihrem selbständigen Nachdenken und ihrem entschiedenen Freisinn des Interessanten genug enthalten. Dem Zwecke dieser Zeitung entsprechend, will ich jedoch nur auf eine einzige Stelle Hinweisen, die ein Zeugnis von der Unparteilichkeit Theresens in religiösen Dingen gibt. In ihrem letzten Briefe spricht sie von den Auswüchsen des Aberglaubens und ergeht sich dabei in folgenden Betrachtungen, aus denen man den vorurteilslosen Geist der Schreiberin wohl erkennen kann. , Die Stelle lautet:! „Denken Sie nicht, daß ich vergrößere — lesen Sie, hären Sie, untersuchen Sie das Böse, was da geschieht, und nehmen Sie in der Aufsuchung der Quellen Rücksicht auf Religion, so werden Sie finden, daß sie, seit Christus lebte, Ursach oder Vorwand, verdeckt oder geheim, aller Flüche war, die über das Menschengeschlecht gesprochen wurden. Es ist keine Religion des Friedens, selbst diejenige, die der gute Mann lehrte, wars nicht ganz; er war sanft und urenschlich, aber ein Sektenstifter kann nicht menschlich lehren. Die Frazen, Possen und Trauerspiele nahmen kein Ende — lassen Sie mich, was ich oben sagte, verändern. Nicht seit Christus lebte, seit die sogenannte geoffenbarte Religion Anhänger hat, sind diese Menschen Toren und Tiger geworden um ihretwillen. Mittwochs ging der Inden ihr Fest an. Donnerstags morgens fand man in dem Teile der Stadt, den sie bewohnen, ein ermordetes Weib, schändlich zugerichtet, Kehle, Brust, Beine mit Stichen verunstaltet. Die alte, auch in Deutschland bekannte Sage gibt den Juden Schuld, sie müßten Christenblut zu ihrer Osterseier haben. Ihr Gesetz wird es nicht fordern, das weiß ich; ihre Nation wird es nicht kwrgießen, das glaub ich gewiß, aber ihr Gott macht sie zu Fanatikern, einige wohl in dem Grade, daß sie Christenblut vergießen, um den unbekannten, namenlosen Geist der Natur in dem Bilde eines blinden Wüterichs, den ihre Religion ihnen zürn Gott gab, anzubeten. Entweder Habens einige Juden getan, und ans sie fällt aller Verdacht, zween dieser Unglücklichen sollten schon festgesetzt sein. Ich glaube nicht, daß dieses Volk es getan, wegen der Unvorsichtigkeit, mit der sie den Leichnam vor ihre Türen legten — eher glaub' ich, daß Christen diese