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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-21 · Heft 16 (21.4.1916) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 16 (21.4.1916)
Date
1916-04-21
Page
Seite 188 (sequence 8)
Language
German
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s* 188 oder gar nicht; er trat daher weniger für diesen ein, als ritterlich für die Ehre einer angegriffenen Frau, Madame Wohl, und für das Ansehen eines tarn ihm hochverehrten Freiheitskämpfers, Ludwig Börne, das seiner Auffassung nach von Heine besudelt worden war. Er hatte damals, im Jahre 1841, wahrlich nicht nötig, sich bekannt oder berühmt zu machen, sondern er wollte sein Leben in die Schanze .schlagen, kühn und mutig, wie er es bisher mit der Feder getan, auch uttt dein Degen in der Faust, in ritterlichem Kampf und Streit. Das; es schließlich nicht dazu kam, daß Strauß selbst die Waffe ergriff, hindert nicht die Anerkennung seines löblichen und mannhaften Tuns. L. 0. II. Eine Schilderung Israel Jakobsons. In einem höchst interessanten Buche, „Johann Gottlob Nathnsins, ein Pionier deutscher Industrie", von Elsbeth Nathnsins, Stuttgart, Deutsche Berlagsanstalt 1916, das das Leben eines Großindustriellen, teils mit seinen eigenen Worten, teils mit den Worten seiner Enkelin beschreibt, einem Buche, das uns einen trefflichen Einblick in das Leben und den Geschäftsbetrieb am Ende des 18. und in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhnnderts gewährt, kommen Juden so gut wie gar nicht vor. Nur einmal wird der wackere Israel Jakobson erwähnt und geschildert. Nathnsins, der in Magdeburg domiziliert war, wurde als Magdeburger Untertan des Königreichs Westfalen und hatte im Auftrag der dortigen Negierung über eine Anleihe in Holland zu unterhandeln. Er tat dies nur unter der Bedingung, daß Jakobson ihn begleite. Bei Gelegenheit dieser Neise macht die Biograph in, w ahrscheinlich auf Grund von Notizen von Nathnsins, eine interessante Schilderung Jakobsons, die folgendermaßen lautet: „Verschiedenere Reisegefährten ließen sich wohl nicht denken als Jakobson, den Mann der reinen Spekulation, und Nathnsins, denr es nie um das Geld an sich zu tun war, der immer etwas Positives zustande zu bringen wünschte, und der sich nur an einer Tätigkeit recht erfreuen konnte, welche der Allgemeinheit nutzte. Schon sein einfaches, vornehm-anspruchsloses Wesen stand in großem Gegensatz zu Jakobsons Benehmen, der sich schon in Brannschweig zmn Geheimen Finanzrat hatte machen lassen. Man lachte über seine Eitelkeit, aber dem reichen Manne wurde trotzdem überall geschmeichelt. Sein protziges Auftreten amüsierte seinen Gefährten königlich, der nicht verfehlte, ihn damit gründlich zu necken und auszuziehen. Sobald die Reisenden in eine neue Stadt kamen, legte Jakobson sein Kostüm als Oberrabbiner an, setzte seine hohe schwarze Mütze aus und empfing als solcher die Besuche. Nathnsins wurde in seinem schlichten Anzug mehrmals für seinen Bedienten angesehen und spielte dann zum Scherz diese Rolle weiter, um Jakobson nachher damit zu necken. Dieser fühlte sich überall ganz als Protektor seiner Glaubensgenossen, auch in Holland, denn in Westfalen, wo alle Religionsbeke n n t n i}\e gleiche Rechte haben sollten, hatte man ihn zmn Präsidenten des neu errichteten jüdischen Konsistoriums ernannt. Er hat auch in Wahrheit viel für seine Volksgenossen getan, legte Schulen für sie an und suchte ihre Stellung in jeder Weise zu heben. So ballte er allch in der Braunschweiger Stadt Seesen eine schöne neue Synagoge und fundierte sie, alles auf seine eigenen Kosten." Ob diese Schilderung der Wahrheit vollkommen entspricht, mag dahingestellt bleiben. Völlig erfunden ist sie gewiß nicht. Denn man kann keinen Grllnd einsehen, warum Nathnsins, der durchaus nicht mit Jakobson verfeindet war, so böswillig von ihm reden sollte. Wenn ich diese Darlegungen hier abdrncke, so will ich aber nicht unterlassen, stärker, als es die Berichterstatterin getan hat, bei allem Zugeständnis der Eitelkeit, an der Jakobson wohl krankte, auf seine großartige humanitäre Tätigkeit Hinweisen, auf seine unermüdlichen, voll Erfolg gekrönten Bestrebungen für eine bessere Gestaltung der Verhältnisse der Jaden, auf seinen unerschütterlichen Mut, seine Glaubenstreue, seine Beharrlichkeit in den: Streben, die Inden zu Deutschen zu machen, und seine Wirksamkeit für eine freisinnigere Gestaltung des jüdischen Gottesdienstes. L. G. III. Meyerbeer. all der Besprechung des Buches „Pariser Bilder", Stuttgart lllld Tübingen. I. G. Eotta 1845, in „Menzels Literaturblatt" 1845, Nr.' 109 heißt es: „Ein jüdischer Komponist, den das Glück schon von Geburt an mit großen Geldmitteln ausgestattet, bestach die Theater durch bedeutende Summen, seine mittelmäßigen Öpern glänzend aufzuführen, beklatschen und in allen Journalen loben zu lassen. Diese Spekulation gelang ihm so vollkommen, daß er nachher die bei der Bestechung aufs Spiel gesetzten Summen durch die vielen Aufführungen reichlich wiedergewann und jetzt als ein seelenloser Kunststückmacher und Kompilator ohne einen Funken vorl wahrem, musikalischem Gefühl über den größten Komponisten des Jahrhunderts glänzt." Gegen diesen heftigen, natürlich Giacomo Meyerbeer betreffenden Ausfall veröffentlichte Wolfgang Menzel in Nr. 126 des „Liter aturblattes" eine Erklärung, in der es heißt: „Daß eine Stelle unserer diesjährigen Blätter sich auf Herrn Meherbeer bezog und zu dessen ungerechter Verunglimpfung dienen kann, ist mir zu meinem großen Bedauern bei deren Ausnahme entgangen, weshalb ich sie hiermit aus das bestimmteste desavouiere und mich dabei ans das achtungsvolle Urteil beziehe, welches ich aus Anlaß der Schriften von Wilhelm und Michael Beer auch über ihren Bruder S. 46 des Jahrgangs 1834 dieser Blätter mehrmals ausgesprochen habe." L. G. IV. Ein Nachruf auf Simon Veit. Wir haben schon mehrjach bei Erwähnung von Dorothea Schlegel Aenßernngen über ihren ersten Gatten, Simon Veit, den Schwiegersohn Moses Mendelssohns, Zusammengestellt. Diese waren, wie dies ans dem eigenartigen Verhältnis der genannten Frau zu ihrem früheren Mann Erklärlich ist, nicht immer günstig, ließen aber dem menschlichen Wesen',,des trefflichen Mannes volle Gerechtigkeit zuteil werden. Mit um so größerer Freude erfüllt es uns, eine Würdigung Simon Veits hier mitzuteilen, die von Lazarus Bendavid herrührt und in der 12. Nachricht vrm dem Zustande der Jüdischen Freischule in Berlin 1829, also im Jahre nach Veits Tode, erschienen ist. Sie lautet folgendermaßen: „Simon Beit — oh, sein Name ist sein Lob!—Dieser Simon Veit starb. Die Anstalt verlor wie Tausende von Hilfsbedürftigen einen langjährigen Wohltäter, einen anspruchslosen Freund an ihm. Wer ihn gekannt hat, wird sein Andenken stets verehren, durch das Gute, das er während seiner Wanderschaft hienieden geleistet; aber der edle Mann begnügte sich nicht damit. Er wollte seine Wohltaten noch über den Zeitpunkt ausdehnen^ der ihn von jeder Pflicht entbindet, und vermachte wie vielen anderen so auch der Schule ein Kapital von 200 Talern, von dessen Zinsen Zwar so ziemlich sein Beitrag, aber nie der Verlust ersetzt wird, den sie an ihm erlitten hat." L. G. V. In den von mir herausgegebenen Briefen Alexander v. Humboldts an Rernak („Jahrbuch für Jüdische Geschichte nchd Lateratur" 1915) habe ich von den Anstrengungen berichtet, die der Arche Naturforscher, der zugleich ein humaner und überaus freisinniger-Nann war, der sich nicht scheute, den Höchsten mutig entgegenzutreten, stpd der die schöne menschliche Eigenschaft besaß, jüngere Forscher taKxästig zu unterstützen, unternahm, -um Robert Remak, einem hochbegabten jüdischen Physiologen die Erlaubnis zu bewirken, sich als Privatdozent an der Berliner Universität zu habilitieren, und wie diese Bemühungen trotz der großen Schwierigkeiten, die durch die Gesinnung der regierenden Kreise und auch durch das Ungestüm des Bewerbers bereitet wurden, von endlichem Erfolge gekrönt waren. Dieses Eintreten Humboldts für jüngere Fachgenossen war schon im allgemeinen während der Lebzeiten des großen Forschers bekannt. Ein sehr eigentümliches Zeugnis dafür findet sich in „Virchows Briefen an seine Eltern", 1907. Birchow, der Professor in Würzburg war, wünschte seine Berufung nach Berlin und schriebdarüber an seine Eltern: „Würzburg, am 14. Februar 1856: Was Humboldt betrifft, so ließe er sich vielleicht umstimmen. Ich selbst kenne ihn nicht, -doch könnte Onkel Emil auch wohl mit ihm sprechen. Oder kennst Du ein Mitglied der Familie Mendelssohn? Da er doch nun einmal zu den Juden hält, so müßte man ihm mit Juden beikommen." Ich will zu dieser Notiz, auf die ich von befreundeter Seite aufmerksam gemacht werde, keinen großen Kommentar schreiben, namentlich auch nicht untersuchen, woher die hier angedentete Verstimmung Humboldts gegen Virchow stammt. Nur daraus ist hinzuweisen, daß er wegen seiner politischen Gesinnung in Berlin, wo er sich 1847 habilitierte, mißliebig geworden, seiner Stelle entsetzt und nur aus Andringen der ärztlichen Vereine aus Widerruf wieder angestellt war.

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