Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1916)
- Date
- 1916-04-21
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Fest des Abends, bei dem sich ein Publikum von etwa 300 Personen, darunter 100 Arbeiterinnen, einfand, wurde mit Gesang eingeleitet, und darauf folgten Reden aller Art, ernste und humoristische, alle voll Anerkennung und Danksagungen. Die Namen aller der Herren und Damen, die hier rat Lande einen sehr guten Klang haben, aufzurechnen, hat ja keinen Zweck. Zu erwähnen ist nur noch, daß Fräulein Gerda Meyerson offiziell eine Anerkennung zuteil wurde, indem ihr die Medaille „Illis quorum meruere labores“ in Gold überreicht wurde. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch einer anderen Dame Erwähnung tun, die durch die selbstlose, großzügige Art, ihr Vermögen in den Dienst der Wohltätigkeit zu stellen und direkt für unsere unbemittelten Glaubensgenossen aus eine ausgezeichnet praktische Art und Weise zu sorgen, sich große Verdienste erworben. Frau Sophie Heckscher hat zum Andenken an ihren verstorbenen Mann — über dessen großartige Donationen an seinem 70. Geburtstage und von seinem bald darauf erfolgten Tode ich vor einigen Jahren in Ihrem Blatte berichtete — ein Haus bauen lassen, das zur Aufnahme von armen jüdischen Familien bestimmt ist. Unter dem Namen „Eduard und Sophie Heckschers Stiftung" wurde das Gebäude vor zwei Jahren der Gemeinde übergeben. Das Haus, mit allen modernen Einrichtungen versehen, ist ein stattlicher Bau; von schönen, sauberen Höfen umgeben, liegt es frei und luftig auf einer Anhöhe in dem südlichen Stadtteile, in dem fast alle unsere Armen wohnen. Wer die über alle Beschreibung elenden Wohnungsverhältnisse der armen Eingewanderten kennt, kann es nicht hoch genug schätzen, daß wenigstens einem Teil derselben Gelegenheit geboten wird, für geringe Miete menschenwürdig zu wohnen. Und was das beste dabei ist, daß auch für die steigenden Bedürfnisseder Zukunft gesorgt ist, indem man hofft, durch Auflagen der Zinsen des übriggebliebenen Donationskapitals und einen Teil der Mieten nach und nach — etwa im Zwischenraum von 15, höchstens 20 Jahren — mehrere derartige Häuser bauen zu können. Das Gebäude hat 51 Wohnungen, bestehend ans: je zwei Zimmer und Küche, ein Zimmer und Küche, ein Zimmer mit einer Abteilung als Küche und ein Zimmer und Kammer mit Gaskocher. In allen Wohnungen befinden sich Wasserleitung und Gasherd, elektrisches Licht usw. Bade- und Wascheinrichtungen, Mangel- und Plättstuben sind zur allgemeinen Benutzung vorhanden. Zentralheizung erwärmt den ganzen Häuserkomplex. 103 erwachsene Personen und 108 Kinder inachen für den Augenblick die Bewohner aus. Die Miete wird monatlich entrichtet und auf strenge Zucht und Ordnung gehalten. Die Leitung der Stiftung ist einem Komitee, in dem Frau Heckscher selbst steht, übergeben, während die Vizewirtin als Hausmutter alles beaufsichtigt und energisch und liebevoll unter den meist auf sehr tiefer Bildungs- und Zivilisationsstufe stehenden Leuten von polnischer und russischer Herkunft waltet. In diesem Gebäude haben nun auch endlich einige unserer Einrichtungen eine bleibende Heimstätte gesunden. Denn zur ebenen Erde befinden sich die idealsten Arbeitssäle für die Handfertigkeitsschule: Schuhmacherwerkstatt, Tischlerwerkstatt mit einer Menge Hobelbänke, Korbflechterei und eine Anzahl Nähmaschinen sind in verschiedenen geräumigen hohen Zimmern installiert. Daran anschließend zwei größere Säle — die bei festlichen Gelegenheiten durch Schiebetüren in einen großen Saal verwandelt werden können - in denen täglich 100 Kindern Mittag- und Abendessen verabreicht wird. Dort wird auch jetzt jährlich das Chanukasest für die Kinder gefeiert. Die Küche, Spülräume und Vorratskammern find erstklassig eingerichtet, ebenso die Waschräume für die Kinder. Wunderbar erscheint mir das alles, wenn ich an die ersten Anfänge dieser Einrichtungen vor 25 Jahren denke! Für schöne, behagliche Dreizimmerwohnungen für die Lehrerinnen und Hausmutter usw. ist natürlich gesorgt, auch ein hübsches Empfangzimmer für die jahrelange Leiterin der Anstalten, Fräulein Gerda Elliot, die nicht im Hause wohnt, fehlt nicht. Frau Heckscher hat sich und ihrem Manne ein ehrenvolles und bleibendes Andenken mit dieser Stiftung gesetzt! Mizellen und Lrlrkrüchte. I. Zu Heines Duell. In K. E. Henricis Auktionskatalog 29, Berlin 1916, S. 49 sf., werden zwei interessante Briefe Heines an Alexandre Weill abgedruckt, den bekannten eksässifchen Journalisten, der für sich die Ehre in Anspruch nahm, Schöpfer der deutschen Bauernnovelle zu sein, und der häufig als Heines literarischer Schildknappe figurierte. Im Katalog heißt es darüber wie folgt: „Die Briefe beziehen sich auf einen Artikel in der Mainzer Zeitung, in den: behauptet wurde, Heine hatte aus offener Straße von Salomon Strauß, dem Gatten der Madame Wohl-Strauß, Ohrfeigen bekommen. . . . Meine Gesundheit hat leider dadurch gelitten, daß ich meine Badekur unterbrechen und schleunigst hierher reifen mußte, wegen des kläglichen Triumvirats. Seit der Retraktation desselben ist meine Ehre gesichert — um so mehr, da Strauß sich in Formalitäten flüchtet, um sich nicht zu schießen. An die Ohrfeige glaubt fcin Mensch mehr. — Mathilde befindet sich wohl und läßt grüßen. Was Sie über den NarreiL) Riefter sagen, ist wahr. ... Er ist mehr als Narr...Heine berichtet weiter, daß R. nach Paris kommen will, nnr sich mit ihm zu schlagen. „Solche Starrheit verdiente gegeißelt zu werden. . . Im Abendbries desselben Tages, der nicht datiert ist, empfindet er Rene darüber, was er über Nießer gesagt hat. „. . . Zeigen Sie beh Leibe niemanden nreinen Brief. Der Narr hat mir wirklich ein Duell augetragen — und ich bin in der Notwendigkeit, es anzunehmen. Es darf aber niemand wissen, was ich Ihnen in Betreff seiner geschrieben. Machen Sie nur gleich einen Aufsatz über ihn . . ., sodah er lächerlich ist, wenn er hier ankommt — denn er will, daß in bcn Zeitungen zu lesen fey, daß der Gabriel Rießer nach Paris reist, nur sich mit H. H. zu schlagen. Frechheit und Eitelkeit!' Dazu ist manches zu bemerken. Zunächst sieht man daraus, daß nicht mir die Gegner Heines eifrig beflissen waren, die deutschen Zeitungen mit Notizen über Heines Leben und Tun zu überschwemmen, was sie meist in mißfälliger Weise taten, sondern daß auch Heine die öffentliche Meinung zn beeinflussen suchte, natürlich in einem für ihn günstigen Sinne. Daß die in dem Briese .erwähnte Mathilde Heines Geliebte war, die unmittelbar vor dem Duell von ü')m zn seiner Gattin erhoben wurde, bedarf keiner weiteren Erwähnung. Endlich ist aber die Stelle über Rießer ausdrücklich zurückzuweisen. Gemeint ist natürlich der berühmte Gabriel Nießer, der ehrwürdige Verfechter der Einanzipation der Juden. Er wurde trotz seiner Bemühungen, die, wie man meinen sollte, Börne und Heine achtunggebietend hätten erscheinen sollen, von beiden nicht nach Gebühr geschätzt,' denn auch in den Pariser Briefen Börnes kommen einige wegwerfende Aeußerungen über ihn vor; Heine hatte offenbar von seiner weltgeschichtlichen Bedeutung gar keine Ahnung. Aber auch Rießers Einmischung in die Heinesche Duellangelegenheit verdient in anderer Weise angesehen zu werden, wie die meisten Heine-Biographen es tun, selbst K. E. Franzos, der doch sonst in solchen Dingen unparteiisch zu urteilen pflegte. Denn — mag man über Duelle denken wie man will — Rießers Tun ist keine Narrheit und keine Wirkung von Eitelkeit. Er kannte Herrn Strauß wenig *) Im Auktionskatalog ist „Namen" gedruckt, es muß aber „Narren" heißen.