Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1916)
- Date
- 1916-04-21
- Page
- Seite 185 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Diese Worte konnte mit Recht der tauschen verstorbene große holländische Orientalist . I. de Goeje vor zehn Jahren den „Orientalischen Studien", i wr Theodor Nöldeke von Freunden und Schülern ge- . dmeten Jubelschrift, mit auf den Weg geben. Nicht minder hat der langjährige Freund Nöldekes das -chte getroffen, wenn er sortfährt: „Wenngleich aber die Verlegenheit Ihres wissenschaftlichen Urteils Sie uns undingt als Meister anerkennen heißt. Sie selbst wollen uns i ir der freundliche Führer sein, der weise und bedachtsame atgeber." Es ist erstaunlich, mit welcher Gewissenhaftigken id Pünktlichkeit Theodor Nöldeke auf alle Arbeiten, auch e kleinsten Aufsätze junger Anfänger, eingeht. Wer auch imer ihm eine Veröffentlichung zusendet oder mit einer issenschastlichen Frage an ihn herantritt, kann sicher sein, : »gehend eine ausführliche Antwort voll anregender Beerkungen und lehrreicher Aufschlüsse von ihm zu erhalten, v ist es natürlich, daß nicht nur diejenigen, die einst zu mm Füßen gesessen haben, daß vielmehr alle seine Fachnossen mit aufrichtiger Verehrung und Dankbarkeit zu ihm ifblicken. Es bedarf kaum der Erwägung, daß es Theodor Nöldeke ich an äußeren Ehrungen nicht gefehlt hat. Verschiedene kademien und gelehrte Gesellschaften haben ihn zu ihrem itgliede ernannt. Er ist auch Ritter der Friedensklasse des rdens kour le nierite. Mögen dem arbeitsfreudigen Nestor der Wissenschaft noch ele gesegnete Jahre beschieden sein und möge an ihm zur ahrheit werden das Schlußwort des „Mandäischen Trakts", den er selbst, wie schon erwähnt, vor wenigen Wochen röffentlicht hat: „Und Leben für unsere Wissenden und Leben für unsere Verstehenden! Und gepriesen das Leben, und das Leben ist siegreich." II. Persönliche Erinnerungen. Dieser Würdigung des allgemein gefeierten Gelehrten, e ich der „Vossischen Zeitung" entnehme (29. Februar), seien nige allgemeine und persönliche Worte hinzugefügt. Die steren beziehen sich darauf, daß ich einem christlichen orscher in dieser jüdischen Zeitung eine Ehrung bereite. Wir iren nicht nur ihn, sondern uns, wenn wir dies tun. Denn öldeke hat einen großen Teil des jüngeren Geschlechts jüdiher Forscher mit dem wissenschaftlichen Werkzeug ausgerüstet, hat in der semitischen Philologie (abgesehen von seinem auptfach. der orientalischen) so viel Wertvolles geleistet, daß ■ im höchsten Sinne als einer der Unfern betrachtet werden n'f. Persönlich darf ich bemerken, daß Nöldeke zu den Freunden eines Vaters gehörte. Mein Vater lernte den viel jüngeren orscher im Jahre 1862 in Göttingen kennen, da dieser ■ Jahre alt war, und stand mit ihm 12 Jahre lang in regem rsönlichen Verkehr; der letzte an ihn gerichtete Brief ist vom >. Juli 1874. (Viele dieser Briefe sind in „Abraham Geigers eben", Berlin 1878, abgedruckt, manche Stücke aus den Briefen iöldekes von meinem Vater selbst in seiner „Jüdischen Zeitschrift für Wissenschaft und Leben" in Druck gegeben.) Ich erinnere mich sehr wohl, welche Freude dieser Verkehr meinem Vater, machte; Nöldeke war der einzige christliche Gelehrte, mit dem er einen ununterbrochenen Briefwechsel führte. Er erfreute sich der Gelehrsamkeit, des unbestechlichen Urteils, des Freimuts des jüngeren Forschers, der mit seinen Bedenken, selbst mit seinem Tadel keineswegs zurückhielt. In seinen an ihn gerichteten Briefen ließ er sich gern gehen, nicht um seinen Unmut zu reizen, sondern um seine entschiedene Meinung zu vernehmen, und hielt daher mit Anklagen über die Nichtbeachtung der Wissenschaft des Judentums seitens christlicher Gelehrter und über den Hochmut mancher von ihnen gegenüber dem von Juden Geleisteten nicht zurück. Es war für ihn jedesmal ein Fest, wenn ein Brief Nöldekes eintraf. Er empfand Freude an der Anerkennung, die von diesem unparteiischen, obgleich in manchen wissenschaftlichen Ueberzeugungen von ihm getrennten Forscher gespendet wurde, und er erkannte gern, obgleich er nicht imstande war, das weite Studiengebiet jenes vollkommen zu umfassen, das an, was ihm daraus erreichbar und verständlich war. Dieselbe Gesinnung, die Nöldeke dem Lebenden gezeigt, bewies er auch nach Geigers Tode, ja, er bekundete seine Verehrung noch offener lind unumwundener. Am 4. Januar 1875 schrieb er: „Hätte er nur die Urschrift geschrieben, so würde der Name dauern; das sage ich, obwohl ich nicht nur in manchen Einzelheiten, sondern auch in manchen sehr wichtigen Dingen seine Meinung nicht teile; aber das ist ein Buch, das einmal wirklich neue Gedanken bringt." Und 1878 fügte er hinzu: „Wie manches, das keinen Anklang finden wollte, als es vor 20 Jahren in der Urschrift zuerst ausgesprochen war, ist doch seitdem geradest oder eüvas verändert ziemlich allgemein angenommen", und er schloß seine Bemerkung mit den Worten: „Möge die Entwicklung des Judentums dereinst zu dem Geiger vorschwebenden Ziele führen oder nicht, auf alle Fälle war er einer seiner bedeutendsten Repräsentanten in der Neuzeit und zugleich ein hervorragender, in mancher Hinsicht bahnbrechender Gelehrter." Wie meinem Vater gegenüber, so hat Theodvr Nöldeke auch vielen andern jüdischen Gelehrten Teilnahme erwiesen und Achtung gespendet; er gehörte zn den glücklicherweise nicht allzu seltenen Gelehrten, für die die Religion keine Scheidewand bildet, sondern die das Trennende über dem Gemeinsamen gern vergessen und sich mit Andersgläubigen auf dein hohen Gebiete der Wissenschaft freudigen Sinnes zusammenfinden. Als Lehrer und Meister hat er die jüngeren jüdischen Orientalisten manche Generation hindurch in die Forschung eingeweiht und mit väterlicher Teilnahme in ihren Leistungen begleitet und befördert. Möge dem verehrten Manne, der ein reiches Leben hindurch in stiller Forscherarbeit gelebt hat, der sich selten aus seiner stillen Studierstube entfernte, um auf den lauten Markt des Lebens herauszntreten, ein reicher und gesegneter Lebensabend beschieden sein. L. G. Bit Kggelung rims Mögen Dovid. Mild hierzu auf Seite 1§6.) m Anschluß an meine Polemik gegen Herrn Pudor in V Nr. 13 dieser Zeitung loird mir das beifolgende Bildchen aus Ulm zugeschickt, das für unsere Leser wohl Interesse haben dürfte. Die Nagelung erfolgte im November 1915, hatte einen Erfolg von nahezu 2000 Mark und ivurde zur Unterstützung der im Felde stehenden Soldaten verwendet. Eines weiteren Kommentars bedarf das Bildchen nicht, es ist nur ein neues Zeugnis von der Opferwilligkeit und dem Patriotismus unserer deutschen Mitbürger jüdischen Glaubens. L. G.