Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1916)
- Date
- 1916-04-21
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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184 h- Die Bettelei wurde in Jerusalem verboten. Sowohl die städtischen Behörden als auch jüdische Kreise bemühen sich, auch in dieser Kriegsuot für Krüppel imd sonstige erwerbsunfähige Bettler 311 sorgen. ' Auch ein städtisches Waisenhaus wurde eröffnet. Die christlichen und jüdischen Gemeinden hatten von jeher Waisenhäuser. Nun wird diesem Mangel auch für die nwhmnmeda nischen Waisenkinder abgeholfen. Demnächst wird auch ein Mädchenwaisenhaus eröffnet. So erfreulich diese Errungenschaften sind, wird es doch auch bei den grössten Anstrengungen noch lange dauern, bis die Negierung all das gilt gemacht haben wird, was infolge der Bevormundung der großen Kulturnationen unterbleiben mußte. Ein guter Anfang ist immerhin gemacht. Der welterschütternde Krieg hat die volle nationale Unabhängigkeit des türkischen Staates zur Reise gebracht; das türkische Volk wird von nun an in Wirklichkeit der eigene Leiter seiner Geschicke sein. Unsere am Schluß der letzten Wochenübersicht ausgesprochene Hoffnung, daß wir es eine Zeitlang nicht nötig haben mögen, uns mit Rußland zu beschäftigen, hat sich leider nicht erfüllt. Vielmehr ist zunächst auf einen Artikel der „Neuen Preußischen (Kreuz-) Zeitung" hinzuweisen: „Anleihen und Judenfrage", der ausführt, die amerikanischen Finanzleute, die vor kurzem in Rußland weilten und sich einergroßen russischen Anleihe abgeneigt gezeigt hätten, wären zu diesem Entschluß nicht ausschließlich oder auch nicht vorzugsweise burd) ihre Teilnahme für die Juden gekommen, sondern ihre Ablehnung sei im wesentlichen darauf zurückzuführen, daß sie sich überzeugt hätten, der ungedeckte Notenumlauf in Rußland sei so gewaltig und die finanziellen Nöte des ausgesogenen Landes seien so stark, daß sie es vorzögen, ihr Geld für sich zu behalten. Endlich ist aber wieder zu unserem großen Schmerze von r it f f i s ch e n Greuel n zir berichten, wenigstens wird in manchen Zeitungen darauf hingewiesen, daß in Kiew,-Charkow, Riga und anderen Städten das Märchen von der Ermordung von Christenkindern verbreitet und von der Menge geglaubt wird, daß alle Anstrengungen der jüdischen Gemeinden, bei Polizei und Militär Schutz zu erhalten, vergeblich waren, daß vielmehr entsetzliche Ausschreitungen des Pöbels fast unter dem Schutze der Behörden stattfanden. Wäre eine Spur von Vernunft (denn an Menschlichkeit darf man in Rußland nicht glauben) im russischen Reiche vorhanden, so müßte, so sollte man meinen, das ganze Streben der dortigen Regierung darauf gerichtet sein, Einheit im Lande zu erhalten, die kapitalkräftigen und opferfreudigen Juden, die ja mit ihren Volksgenossen unsäglich leiden, nicht noch mehr zu erbittern. Aber dieses unglückselige Land verharrt trotz aller Schwierigkeiten, denen es kaum zu begegnen weiß, weiter in seiner Verblendung und bewahrt beständig die wahnwitzigen, mittelalterlichen Vorurteile, durch die es Tausende treuer Untertanen erbittert und sie ihres Vermögens, ja ihres Lebens beraubt. Durch das Fortschreiten auf diesem Wege bringt es sich um den Rest der Achtung und Teilnahme aller wirklichen Kulturländer und müßte sich auch um die Neigung der vermeintlichen Kulturländer, seiner Verbündeten, bringen, wenn diese nicht in ihrer Verstocktheit völlig hart gesotten wären und alles guthießen, was im „heiligen Rußland" geschieht. Wir aber wollen trotz aller dieser Verbrechen und ihrer stillschweigenden Gutheißung durch die sogenannten gebildeten Nationen nicht aufhören, auf den Sieg der Vernunft zu hoffen, und wollen das Pessachfest, vor dessen Beginn diese Zeilen geschrieben werden urtb zum Druck gelangen, in der festen Zuversicht begehen, daß die wahrhafte Befreiung der Nationen von Verdummung und Selbstbetrug endlich erfolgen und daß der Friede, der die Menschheit zu ihren wahrhaften großen Kulturaufgaben befähigt und stärkt, doch endlich eintreten möge. Theodor Mölveke. ä Z u m 8 0. G e b u r t s t a g e. , 3 Aon Professor Dr. Eugen M i t t li> 0 ch. 1 .'s I. m 2.März d.I. vollendete Theodor Nöldeke, bei •%\, Altmeister der Orientalistik und eine der markantest'! Persönlichkeiten der gesamten deutschen Gelehrtenwelt, das ach! Jahrzehnt seines an Arbeit und Erfolg reich gesegneten Lebe l Dieser Tag, den der Meister in ungewöhnlicher Frische »11 Regsamkeit des Körpers und Geistes begehen kann, erw,< die freudige Anteilnahme weiter Kreise, zu denen nicht 1 seine Schüler und engeren Fachgenossen gehören. Theodor Nöldeke wurde am 2. März 1836 in Harburg z> boren. Er studierte Theologie und semitische Sprachen, »0 allem bei dem ausgezeichneten Orientalisten Ewald an Göttinger Universität. Schon als zwanzigjähriger Jüngli» veröffentlichte er eine Dissertation über den Ursprung und '! Zusammensetzung des Korans, die er sehr bald zu einer vo der Pariser Academie des Inscriptions et Beiles Lei! < mit einem Preis gekrönten „Geschichte des Korans" aus, stattete. 1861 habilitierte er sich in Göttingen, wurde 1K außerordentlicher, 1868 ordentlicher Professor in Kiel und gin von dort 1872 an die neugegründete Universität Straßbn > der er trotz ehrenvoller Berufungen treublieb und an der c 34 Jahre lang segensreich gewirkt und eine große Zahl V Schülern herangebildet hat. Kurz nach seinem 70. Geburtstage legte er sein Lehra 11 nieder, um es jüngeren Kräften anzuvertrauen. Doch se Veröffentlichungen auch des letzten Jahrzehnts haben k Beweis geliefert, daß die Elastizität seines Geistes durch m Fülle der Jahre nicht gelitten hat. Auch nachdem er >i Schwelle des biblischen Alters überschritten hatte, schrieb c alljährlich in gewohnter Meisterschaft Arbeiten und Aufsök aus den verschiedensten Disziplinen seiner Wissenschaft, uut noch in den jüngsten Wochen steuerte er zur Festschrift im Ernst Kuhn einen „mandäischen Traktat" bei, indem er so it einem wenig angebauten Arbeitsgebiete zurückkehrte, auf dar er sich vor mehr als 50 Jahren besonders betätigt hat. Charakteristisch für Theodor Nöldekes Wissenschaft!! Arbeit ist die Verschiedenheit seiner Interessen, die Mann st faltigkeit seiner Forschungsgebiete. In einer Zeit der wisst» schaftlichen Arbeitsteilung hat er sich abwechselnd nicht n» in den verschiedenen Disziplinen der Semitistik, abgesehen v m der Assyriologie, sondern auch darüber hinaus auf ande >» Sprachgebieten betätigt. Dabei erstreckte sich seine Arl.il , sowohl auf sprachwissenschaftliche und philologische als fl ufi ' auf geschichtliche Probleme, denen er seine besondere Neig»«!! , zuwandte. ' Auch nur die bedeutendsten seiner Bücher und st> , ,, Handlungen zu erwähnen — im ganzen sind mehr als 600 ‘ rjs beiten aus seiner Feder hervorgegangen — ist an dieser St ic , unmöglich. Außer der schon genannten „Geschichte l »urans" sei nur hingewiesen auf „Das Leben Mohammed ", die „Beiträge zur Kenntnis der Poesie der alten Araber", sei ic;- Grammatiken der syrischen, neusyrischen und mandäisch'» , Sprache sowie die „Beiträge zur Grammatik des klassisch » Arabisch" und die „Beiträge zur semitischen Spratiwissenschaft". Mit den alttestamentarischen Disziplinen lr- , fassen sich seine Abhandlungen „lieber die Amalekiter", dic; „Alttestamentliche Literatur" und die „Untersuchungen z»r Kritik des Alten Testaments". Aus seinen historischen Arbeit»; seien herausgegriffen die „Geschichte der Perser und Arab r t zur Zeit der Sassaniden" und die „Aussätze zur persisch'» l Geschichte".