Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1916)
- Date
- 1916-04-21
- Page
- Seite 183 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229249--72158-3284584- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hebron 2× ep/1047559
OCR text
183 l.fjreierei vergangener Tage. Der englische Minister Asquith, rc am meisten Betroffene, 'hat im Grunde von seinen ehemligen -bombastischen Aeußerungen recht wenig wiederholt; rnifch wirkt nur, daß er von neuem England die Rolle des i schützers der kleinen Staaten zuweist, wenn man die unneuerlichen Bedrückungen Hollands und den beständigen ' uck auf Griechenland dagegen hält, der in den letzten Tagen i igetreten ist. Dieser Druck zeigt sich z. B. in der Besetzung l Phalonias durch die gegen uns verbündeten Feinde, eine ^waltmaßregel, gegen welche die griechischen Minister aufs e.chasteste protestiert haben. Auch die harte Sprache, die man i nerdings gegen Rumänien zu führen beginnt, das mit umtschland Bestimmungen über einen ungehinderten Waren- - istausch getroffen hat, wirst ein eigentümliches Licht aus die > .wherßungen von Schutz, die England nach seiner Versicherung ui kleinen Staaten zu gewähren entschlossen zu sein scheint. Von Kriegsereignissen ist nicht allzuviel zu melden. Die 'Italiener, die in ihrer Offensive am Jsonzo in keiner!! eise sortschreiten, beschießen mit großen Geschützen die hinter ■ r Front liegenden österreichischen Städte, z. B. das unl ückliche Görz und Roveredo, und versuchen nun im Ponälel birge einen neuen Kriegsschauplatz zu schaffen, der ihnen ) ssentlich ähnliche Mißerfolge bringt wie die mit so ungeheuren 1 itteln unternommenen Anstrengungen am Jsonzo. Die Iranzosen bemühen sich mit -großer Tapferkeit und außer- ' dentlicher, aber erfolgloser Hartnäckigkeit, die ihnen entl «senen sesten Plätze, Waldstücke und Höhen wieder in ihre and zu bringen, sind aber andererseits trotz dieser heldenl i'ltigen, für sie ungemein verlustreichen Anstrengungen be- ' rebt, teils die Bedeutung des deutschen Fortschreitens zu I ilgnen oder äbzuschwächen, wobei man freilich nicht begreift, i! ls welchen Gründen sie sich abquülen, die für sie angeblich . elchgültigen Punkte wieder zu erringen, teils die Verluste der putschen zu übertreiben, während die Berichte der deutschen eeresleitung unsere Verluste, so beklagenswert sie auch immer ' id, als verschwindend klein gegen die furchtbaren Opfer der Franzosen darstellen. Nur wenige vernünftige Franzosen ver- > chen ihre Landsleute auf das Gefahrdrohende ihrer Situation li nzuweisen und gegen die Beschönigungsversuche, wie sie in? . ankreich nun einmal üblich sind, aufzutreten. Von dem e n g l i s ch e n und r u s s i s ch e n Kriegsschaui atze sind keinerlei bedeutende Ereignisse zu melden; vor Valona n ld Saloniki ist es ganz still. Die Beute unserer Unterseeboote wächst beständig. Im '1 onat März sind nicht weniger als achtzig Schiffe durch Tort dos und Minen zerstört worden, Währeno der ganzen Dauer d s Krieges 111 britische Kriegsschiffe und 950 Ozeanfahrer ver- > chtet, so daß man mit einiger Gewißheit sagen kann, daß,!' mn Wirklich, wie Herr Asquith der Welt versichern will, der * ieg noch oder'im ganzen fünf Jahre dauert, von der britischen? otte nach diesem Zeitraum nicht allzu viel übrig bleiben & rfte. Unterdessen sind neue Schriftstücke zwischen Amerika und mtschland gewechselt worden. Amerika hat wegen veriedener Vorkommnisse, die sich im Unterseebootskriege er- ' gret haben, Vorkommnisse, bei denen Leben und Eigentum uerikanischer Bürger geschädigt oder vernichtet worden ist, lfklärung verlangt; die deutsche Regierung hat eine solche er- - lt, man kann jedoch einstweilen nicht sagen, ob die von der üeren gegebenen Erläuterungen die amerikanischen Staats- - inner vollkommen befriedigen wird. Immerhin kann man! rstatieren, daß in Amerika nichts weniger als Kriegslust gen Deutschland herrscht, daß die Abneigung vieler Kreise i gen England sicher dort im Steigen begriffen ist, daß in merika keine sonderliche Lust vorzuherrfchen scheint, weiter rrch Anleihen die geldbedürftigen kriegerischen Nationen zu unterstützen, und es ist daher zu hoffen, daß sich die Vereinigten Staaten endlich ihrer Neutralitätspslicht bewußter werden, als dies bisher der Fall war. ,* Wir haben kürzlich bei einer Besprechung der neuen Zeitschrift des Herrn Pudor auch seiner Behauptung Erwähnung getan, daß der Kunsthistoriker Meier-Graefe nicht arischer Abstammung sei. Dazu schreibt Herr Meier-Gr.aese an die „Deutsche Tageszeitung": „Sie haben vor einigen Jahren einmal die irrtümliche Behauptung gebracht, ich sei Jude oder jüdischer Herkunft. Ich habe Ihnen damals ausführlich meine Familienverhältnisse klargelgt, mtb Sie verpflichteten sich, auf Grund dieser Darlegung Ihren Irrtum zu. berichtigen. In meinem Interesse rieten Sie mir, nicht auf einer umgehenden Zurücknahme Ihrer Behauptung zu bestehen. Sie wollten gelegentlich das Notwendige bringen. Ich ging darauf ein. Es ist mir nicht bekannt, daß Sie diese Gelegenheit gesucht haben. Dagegen werde ich heute von einem Aufsatz des Herrn Dr. P u d o r unterrichtet, in dem wiederum die Behauptung, ich sei Jude, aufgestellt wird, und zwar im Zusammenhang mit Ihrer Zeitung. Auf Grund unseres früheren Briefaustausches darf ich Sie wohl bitten, die von Ihnen zngesagte und schuldige Richtigstellung vorzunehmen." Wir haben nicht den mindesten Anlaß, Herrn Meier-Graefes so dringend geäußerten Wunsch unerfüllt zu lassen. D- Einen interessanten Bericht der „Frankfurter Zeitung" über die K u l t u r a r b e i t in P a l ä st i n a wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten, obgleich er sich nicht ausschließlich auf jüdische Verhältnisse bezieht. Er hat folgenden Wortlaut: Durch den Krieg ist die Türkei auch kulturell den europäischen Anforderungen nähergerückt. Diese günstigen Begleiterscheinungen sind besonders auf dem Gebiete des Schulwesens, der Hygiene und des Verkehrs recht nachdrücklich bemerkbar. Die türkische Regierung hatte schon früher seit der Versassungsperiode verschiedene Reformen geplant, doch konnte sie diese nicht verwirklichen. Die Ausführung scheiterte immer an dem Widerstande der christlichen Knlturnationen, weil angeblich deren nationale Sonderrechte dadurch bedroht wllrden. Während des Krieges hat jedoch diese Ueberwachnng der Türkei auf einigen Seiten nachgelassen, und es konnten verschiedene Reformen durchgeführt werden. In Ierusale m erstattete kürzlich der Gouverneur Midhat Bei über eine ganze Reihe kultureller Errungenschaften den Stadtbehörden Bericht. In der Stadt wurden ein Lehrerseminar nnb zwei neue Volksschulen eröffnet, in Hebron eine und in Jaffa zwei neue Volksschulen, in verschiedenen Landgemeinden Palästinas zwanzig neue Volksschulen. Von Staats wegen wurden neue Lehrer auch für die nichtmoslemische Schule in Betlehem bestellt. In diesen Schulen lernen Mohammedaner mtb Christen gemeinsam, „was an sich ein erfreuliches Moment ist", wie der Gouverneur hinzufügte. In Jaffa, Hebron und Gaza wurden ferner öffentliche H ospi - t ü l e r errichtet. Chinin und sonstige notwendige Arzneien lourden in ausreichenden Mengen vorbereitet, ebenso für Impfung und aridere Zweige der öffentlichen Gesundheitspflege die erforderlichen Maßnahmen getroffen. Da es zurzeit unmöglich ist, Zöglinge in die europäischen Ackerbauschulen zu schicken, wurden zehn mohammedanische Zöglinge in der jüdischen landwirtschaftlichen A n st a l t Mikwah Israel unentgeltlich ausgenommen. Es wllrden auch verschiedene öffentliche Stationelt für die Saatenverteitung errichtet. Das Verkehrswesen hat inl Kriegsjahre ganz besolldere Fortschritte gemacht. Der Oberbefehlshaber und Konunandant der 4. türkischen Armee hat sich um diese Angelegenheiten hoch verdient gelnacht. In verschiedenen Landesteilen wurden große Strecken fahrbar gemacht; zurzeit werden die Straßenarbeiteu zwischen Jerusalem—Hebron, Jerllsätem—Nablus und Gaza—Atron vollendet. Es wurde ferner die Versorgung Jerusalems mit den vorrätigen N a h r u n g s m i t t e l n zweckentsprechend organisiert. Für teure Lebensmittel wurden Höchstpreise festgestellt und auch der komplizierte Geldwechsel wurde einheitlich geregelt.